Kirchensteuer vermischt geistliche und weltliche Gewalt

Hermann Diem

Wo im Namen der Kirche Steuern erhoben werden, sind geistliche und weltliche Gewalt miteinander vermischt. Das ist der wesentliche theologische Kritikpunkt an der Kirchensteuer, den schon Hermann Diem (1900-1975), württembergischer Gemeindepfarrer in Ebersbach und Vorsitzender der Kirchlich-theologischen Sozietät kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geltend gemacht hat:

Das Bedenkliche an der Kirchensteuer ist aber nicht, dass sie eine Staatssteuer ist. Wäre sie nur das, so wäre alles in Ordnung, denn es würde nicht nur grundsätzlich gar keinen, sondern auch praktisch nur einen geringen Unterschied bedeuten, wenn der Staat vollends die ganzen kirchlichen Bedürfnisse aus allgemeinen Steuermitteln finanzieren würde. Bedenklich ist aber, dass der Staat der Kirche die Erhebung dieser Steuer übertragen bzw. überlassen hat. Das hätte er nicht tun und hätte die Kirche nicht annehmen dürfen, weil es eine Vermischung der geistlichen und der weltlichen Gewalt bedeutet, aus der sich, weil sie theologisch falsch ist, auch eine Unmenge praktischer Schwierigkeiten ergeben. Durch die Übertragung obrigkeitlicher Rechte an die Kirche kommt der Einzug der Kirchensteuer in Konflikt mit Glaube und Verkündigung der Kirche. […] Kein theologisch legitimer Ausweg wäre der Einzug der Kirchensteuer durch das staatliche Finanzamt, da er die Vermischung der beiden Gewalten nicht beseitigt, sondern verschlimmert.

Wenn die Kirche auf diese Weise darauf verzichtete, theologisch illegitime Mittel zur Geldbeschaffung anzuwenden, so wäre sie gezwungen, bei ihrer Finanzgebarung nicht mehr von dem Gesichtspunkt der wünschenswerten Befriedigung angeblicher Bedürfnisse, sondern von der tatsächlichen Höhe der aufgekommenen Geldmittel auszugehen. Umgekehrt könnten die Gemeinden und ihre Glieder, sowie die staatliche Gesellschaft, von der Kirche nur soviel an Leistungen erwarten, als es die aufgebrachten Mittel zulassen. Damit würde jederzeit und am empfindlichsten Punkt, nämlich am Geld, offenbar, wie es tatsächlich um die Kraft der Kirche bestellt ist, woran alle Beteiligten das größte Interesse haben müssen.

Quelle: Hermann Diem, Lutherische Volkskirche in West und Ost, ThEx NF 29, München 1951, 51-53.

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