Die gewaltfreie Politik Jesu und die sexuellen Übergriffe des John Howard Yoder

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John Howard Yoders Buch „Die Politik Jesu. Der Weg des Kreuzes“ war es, das mich Ende 1982 in der Vorbereitung auf die Verhandlung vor dem Kreiswehrersatzamt in Augsburg zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer begleitete. Erst später in Hongkong ist mir deutlich geworden, welchen Einfluss der Mennonit Yoder in den siebziger und achtziger Jahre in den USA auf die theologische Ethik hatte. Für Stanley Hauerwas, dem wohl einflussreichsten theologischen Ethiker war Yoder der Eye-opener in Sachen christlicher Pazifismus.

Durch einen Artikel in der New York Times ist im Oktober 2013, 16 Jahre nach seinem Tod 1997, ist eine andere Seite Yoders einer breiten Öffentlichkeit in den USA bekannt geworden, seine wiederholten sexuellen Übergriffe auf Frauen hauptsächlich innerhalb der mennonitischen Gemeinschaft. Von über 50 Opfern ist die Rede. Yoder musste 1984 als Theologieprofessor auf Grund disziplinarischer Maßnahmen das damalige Associated Mennonite Biblical Seminary in Elkart verlassen und wechselte an die nahegelegene katholische Universität of Notre Dame. Dort ging sein theologischer Stern in den USA erst so richtig auf.

Erst 1992, als acht Opfer seiner Übergriffigkeit gemeinsam Druck ausübten, wurde Yoder in der Mennonitischen Kirche seiner pastoralen Stellung enthoben. Nach einer vierjährigen mennonitischen Kirchenzuchtmaßnahme wurde Yoder kurz vor seinem Tod wieder in die mennonitische Gottesdienstgemeinschaft aufgenommen. In wie weit Yoder bei aller Bußfertigkeit die eigenen sexuellen Verfehlungen und die damit verbundenen Verletzungen in ihrer Tiefe anerkannt hat, kann bezweifelt werden. Offensichtlich suchte er sein eigenes Fehlverhalten einen höheren ethischen Sinn zu verleihen, so beispielsweise in dem Text “What Is Adultery of the Heart?” von 1975, wo Yoder schreibt, eine körperliche Umarmung “can celebrate and reinforce familial securit,” anstatt “provoking guilt-producing erotic reactions.”

Also eine weitere Ernüchterung in Sachen theologische Ethiker: Wer gottwohlgefällig schreibt und lehrt, kann dennoch im eigenen Leben erbärmlich und schämlich versagen. Das mögen die jeweiligen Anhänger selbst nicht wahrhaben wollen. Was jedenfalls Mark Thiessen Nation in hagiographischer Absicht im Mennonitischen Lexikon zu den Vorfällen zu schreiben weiß, ist unbefriedigend: „Die meiste Zeit während seiner letzten sechs Jahre gestaltete sich sein Leben ziemlich schwierig. Es begann damit, dass Yoder im Juni 1992 einem Disziplinarverfahren der Mennonite Church ausgesetzt wurde, die ihm sexuelles Fehlverhalten vorwarf. Yoder war in diesen Prozess vier Jahre lang verwickelt. Im Sommer 1996 wurde dieses Verfahren erfolgreich beendet. Die Church Life Commission und die Indiana-Michigan Mennonite Conference ließen verlautbaren, dass sie Yoder und die Kirche ermutigt hätten, ’seine Begabung im Schreiben und Lehren zu nutzen‘. Im Semester vor seinem Tod hielt er wieder ein Seminar am Associated Biblical Seminary ab.

Aufschlussreich sind der Bericht der mennonitischen Professorin Ruth Krall über Yoders Werdegang im Zusammenhang seiner sexuellen Verfehlungen sowie der Artikel junger mennonitscher Theologen „Scandalizing John Howard Yoder„. In der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Magazins „The Christian Century“ vom 20. August ist der Yoder-Fall die Coverstory. Ruth Kralls Buch „The Elephants in God’s Living Room“ bietet weiteres umfangreiches Material und ist online einsichtig. Lesenswert ist auch der Artikel der mennonitischen Theologin The Woody Allen Problem: How Do We Read Pacifist Theologian (and Sexual Abuser) John Howard Yoder?, wo sie zu Recht den patriarchalen Pazifismus der Mennoniten hinterfragt.

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