Rettet die Kirche. Schafft die Kirchensteuer ab

Retter die Kirche

Jochen Teuffel, „Rettet die Kirche. Schafft die Kirchensteuer ab!“, ISBN: 978-3-03848-011-2, Verlag: ‘fontis-Verlag Basel, 12,99 EUR

Letzte Woche ist mein Buch erschienen. In der aktuellen Ausgabe von idea spektrum wurde darüber als Cover-Story berichtet. „Rettet die Kirche“ entfaltet die folgenden zwölf Thesen zur Kirchensteuer:

1. Die Kirche bekennt Jesus Christus als ihren Herrn: Ihre Handlungen und Ordnungen müssen sich deshalb an seinem Wort und Werk messen lassen.

2. Kirche ist kein Volk von Steuerschuldnern, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, die unter und nach dem Evangelium leben.

3. Kirche lebt nicht von Abgaben der Gläubigen, sondern allein durch die Selbsthingabe Jesu Christi, die wir im Abendmahl empfangen.

4. Die Lebensbeziehung, die Christus schenkt, befähigt Menschen, ihm auf seinem Weg zu folgen und selbst opferbereit zu werden.

5. Allein durch freiwillige Gaben können Christen den Auftrag der Kirche unterstützen und daran Anteil gewinnen.

6. Freiheit der Kinder Gottes und geschwisterliche Liebe sind Grundpfeiler der christlichen Gemeinschaft. Gesetzliche Zwangsverhältnisse lassen sich nicht mit ihnen vereinbaren.

7. Kirchensteuer ist eine öffentlich-rechtliche Zwangsabgabe, kein freiwilliger Mitgliedsbeitrag. Man kann sich ihr als Kirchenmitglied nicht einfach entziehen.

8. Die Kirchensteuer steht im klaren Widerspruch zum Evangelium Jesu Christi und zu den evangelischen Lehrbekenntnissen.

9. Dass getaufte Christen durch einen Austritt aus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts generell vom Abendmahl ausgeschlossen werden, ist ein Skandal. Die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben wird damit in Frage gestellt.

10. Der Mammon droht, das Evangelium zu verdrängen: Je größer das Budget der verfassten Kirchen, desto mehr Entscheidungen werden in Abhängigkeit vom Geld getroffen.

11. Das derzeitige Kirchensteuersystem macht die Landeskirchen zu Anstaltskirchen und versperrt den Weg zum nachhaltigen Gemeindebau und zur Mission.

12. Ein Ausstieg aus der Kirchensteuerfinanzierung muss stufenweise erfolgen. Sein Ziel ist eine Kirche, die sich aus den freiwilligen Gaben der Gläubigen selbst finanziert und durch Umlagen übergemeindliche Dienste trägt.

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3 Antworten to “Rettet die Kirche. Schafft die Kirchensteuer ab”

  1. jochenteuffel Says:

    Hier ein Kommentar zu den einzelnen Thesen von Dr. Eberhard Fritz

    1. Die Kirche bekennt Jesus Christus als ihren Herrn: Ihre Handlungen und Ordnungen müssen sich deshalb an seinem Wort und Werk messen lassen.
    Das ist wahr.

    2. Kirche ist kein Volk von Steuerschuldnern, sondern die Gemeinschaft aller Gläubigen, die unter und nach dem Evangelium leben.
    Hört sich gut an, hier werden aber zwei Dinge zusammengeworfen, die nicht zusammengehören. Die Kirchensteuer ist keine Zwangsabgabe, sondern ein Mitgliedsbeitrag; jedes Mitglied kann austreten und die „Steuer“ sparen. Das geschieht zur Zeit massenhaft, so dass sich Ihr Anliegen vielleicht in naher Zukunft von selbst erledigt. Was damit besser werden soll, weiß ich nicht, denn es geht auch sehr viel geistige und kulturelle Substanz verloren. Und welche gesellschaftliche Institution sich schlussendlich – auch öffentlich – der sozial Benachteiligten annehmen soll, ist nicht abzusehen.
    Das eigentliche Problem liegt darin, dass die Kirchen Aufgaben übernommen haben und übernehmen, für die sie nicht finanziell aufkommen. Es ist in der Tat unverständlich, warum der Staat Einrichtungen vollständig finanziert und die Kontrolle darüber abgibt. Wenn die Kirchen Konzernstrukturen aufbauen und sich nicht anders verhalten als andere Arbeitgeber, sondern tendenziell durch ihr Dienstrecht die Arbeitnehmer noch schlechter stellen können als andere Arbeitgeber, hat das mit dem religiösen Anliegen der Kirche nichts mehr zu tun. Darin liegt der eigentliche Schaden für die Kirchen, das Ärgernis, das Sie ansprechen. Die folgenden Überlegungen beschränken sich also auf die Kernaufgaben der Kirche. Dafür ist die Kirchensteuer eine moderne, weitgehend gerechte und angemessene Finanzierungsform. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass sie der Staat einzieht, denn er bekommt dafür eine Entschädigung. Würden andere anerkannte Religionsgemeinschaften sich ebenfalls für diese Finanzierungsform entscheiden, muss sie der Staat selbstverständlich gleich behandeln.
    Da das Christentum unsere Kultur seit Jahrhunderten geprägt hat, gibt es nach wie vor Menschen, die der Kirche angehören, sie aber nur in besonderen Lebenssituationen in Anspruch nehmen. Sollen wir als „Kerngemeinde“ sie dafür verurteilen? Sind wir nicht aufgerufen, sie ernstzunehmen und uns zu freuen, wenn sie auf uns oder wir auf sie zukommen? Meine Frau arbeitet ehrenamtlich im Besuchsdienst der Kirchengemeinde mit und berichtet immer wieder, wie sehr sich ältere Leute, die sie nicht kennt und die schon seit sehr langer Zeit keinen Gottesdienst mehr besucht haben, über den Besuch zu ihrem Geburtstag freuen. Oft ist es der einzige Besuch, den sie bekommen! Das kleine Geschenk, das sie mitnimmt, kostet Geld. Und dieses Geld kommt aus der „Zwangsabgabe“!

    3. Kirche lebt nicht von Abgaben der Gläubigen, sondern allein durch die Selbsthingabe Jesu Christi, die wir im Abendmahl leiblich empfangen.
    Hört sich gut an, ist aber inhaltlich falsch. Kirche war immer auch ein „weltlich Ding“. Bereits in der Apostelgeschichte 6,1-7 ist von ökonomischen Fragen die Rede, der Text legt die Annahme nahe, dass es schon in der Urgemeinde eine planmäßige Finanzverwaltung gegeben hat, sonst hätten sich die Witwen nicht über die mangelhafte Verteilung des Geldes beschwert. In der Geschichte von Ananias und Saphira wird von Konflikten um die Finanzen berichtet, welche die christliche Gemeinschaft von Anfang an begleiten! Selbst Jesus und seine Jünger hatten eine Kasse. So zu tun, als würden der wirtschaftliche Aspekt oder die ordentliche (Finanz-)Verwaltung in christlichen Gemeinschaften keine Rolle spielen, ist naiv und fällt hinter die realistische Sicht der Bibel zurück.

    4. Die Lebensbeziehung, die Christus schenkt, befähigt Menschen, ihm auf seinem Weg zu folgen und selbst opferbereit zu werden.
    Das ist wahr. Es hindert sie in unserer Gesellschaft niemand daran. Wenn ich mit irdischen Reichtümern gesegnet bin und mich dazu aufgerufen fühle, kann ich nach meinem Ermessen über die Kirchensteuer hinaus geben, wie viel ich will. Das geschieht immer wieder, und die Erfahrung in den Kirchengemeinden und anderen Organisationen zeigt, dass doch noch viele Leute gerne geben, wenn sie wissen, wofür das Geld verwendet wird.
    Man kann andererseits allerdings die weit verbreitete „Geiz-ist-geil“-Mentalität nicht leugnen und die Tatsache, dass es Menschen gibt, die gerne mehr nehmen als geben. Letztes Jahr wurde ein sehr vermögender, prominenter Mann in einer weiter entfernten Stadt mit großem Aufwand kirchlich beerdigt, der schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten war. Das wurde in der Predigt auch gesagt. Was er an „Zwangsabgaben“ gespart hat, will ich mir nicht vorstellen. Hat er im christlichen Sinne besser gehandelt, als wenn er seine „Zwangsabgabe“ entrichtet hätte? Treten tatsächlich all die Menschen aus religiösen Gründen aus der Kirche aus und nicht nur, um viel Geld zu sparen?

    5. Allein durch freiwillige Gaben können Christen den Auftrag der Kirche unterstützen und daran Anteil gewinnen.
    Stimmt so nicht, denn nach wie vor gewinnen viele „Gewohnheitschristen“ Anteil an der Kirche bei besonderen Wendepunkten im Leben (Krankheit, Alter, Tod). Oder glauben Sie, dass die Mehrzahl der gewohnheitsmäßigen Kirchensteuerzahler mit lockerer Gemeindebindung aus purer Dummheit in der Kirche bleibt? Ein Freund von mir, der nie zum Gottesdienst kommt und in der Kirchengemeinde eine „Karteileiche“ ist, sagte erst kürzlich zu mir: Ich bleibe in der Kirche, damit ich ordentlich beerdigt werde. Wenn Du mich überlebst, musst Du dafür sorgen. Selbstverständlich würde ich das für ihn tun, wenn ich in die Situation käme, nachdem er mich darum gebeten hat. Ist das illegitim oder unmoralisch? Es gibt eben nicht nur die Kerngemeinde von „frommen“ Christen, sondern auch diejenigen, welche die Kirche nur im Bedarfsfall nutzen und aus Gewohnheit dabei bleiben. Ohne „Zwangsabgabe“ würde bei vielen die Bindung zur Kirche völlig verloren gehen. Vielfach werden sie übersehen, weil sich die Kirche auf die Kerngemeinde konzentriert. Ist für diese Menschen die Kirche unwichtiger?

    6. Freiheit der Kinder Gottes und geschwisterliche Liebe sind Grundpfeiler der christlichen Gemeinschaft. Gesetzliche Zwangsverhältnisse lassen sich nicht mit ihnen vereinbaren.
    Auch in einer Familie gibt es Verpflichtungen, die auch mal lästig sein können. Unter Freiheit kann nicht die Haltung gemeint sein, dass ich mir auf Kosten anderer Vorteile verschaffe. Weniger Zwang als die Kirchensteuer geht nicht, seit der gesellschaftliche Druck, in der Kirche zu bleiben, weggefallen ist. In der jüngeren Generation ist das der Fall, es gibt auch in kirchlichen Familien viele Austritte junger Menschen.

    7. Kirchensteuer ist eine öffentlich-rechtliche Zwangsabgabe und somit kein freiwilliger Mitgliedsbeitrag. Man kann sich ihr als Kirchenmitglied nicht einfach entziehen.
    Warum sollte man sich entziehen? Es ist ein Beitrag, der sozial gerecht gestaffelt ist und den man aufbringen kann. Mich persönlich hat das noch nicht gestört, das wird bei mir abgezogen wie andere Beiträge auch. Wenn ich Mitglied in einem Verein werde, entziehe ich mich doch dem festgesetzten Beitrag auch nicht, warum soll da die Kirche eine Sonderrolle einnehmen? Wenn ich in einer Gemeinschaft Mitglied bin, werden von meinen Beiträgen immer auch Posten bezahlt, mit denen ich persönlich nicht einverstanden bin. Das ist selbst in kleinen Vereinen und auch in Freikirchen so. Wenn ich nicht mehr Kirchenmitglied sein will, brauche ich nur auszutreten. Das ist eine relativ neue Errungenschaft unserer liberalen Gesellschaft! Wenn ich aber Mitglied der Kirche bin, warum stört mich da die Kirchensteuer?

    8. Die Kirchensteuer steht im Widerspruch zum Evangelium Jesu Christi und auch zu den evangelischen Lehrbekenntnissen.
    Das halte ich für falsch, weil es sich heute um keine Zwangsabgabe mehr handelt. Gerade heute dokumentieren das jeden Tag viele Menschen durch den Kirchenaustritt! Die protestantischen Kirchen in Mitteleuropa (wie vorher die katholische Kirche auch) haben seit der Reformation immer festgesetzte Abgaben erhoben. Und auch die vielgerühmten Freiwilligkeitskirchen in anderen Teilen der Welt brauchen planbare wirtschaftliche Grundlagen. Die Abhängigkeit vieler Pfarrer in diesen Kirchen von (einfluss)reichen Gemeindegliedern ist bekannt. Mit der Kirchensteuer wollte man genau das verhindern, dass der Pfarrer direkt bei den Gemeindegliedern sein Einkommen einwerben muss. Was mit alten, unpopulären oder kranken Geistlichen geschieht, für die keine Gemeinde mehr zahlen will, ist die Frage. Konsequenterweise muss man sie aus dem Dienst entlassen. Ist das christlicher, als wenn sie mit „Zwangsabgaben“ versorgt werden?
    Ganz widersprüchlich wird es, wenn sich Leute über die Kirchensteuer beschweren, dann aber in eine Freikirche wechseln, wo man mehr oder weniger direkt den Zehnten erwartet. Will mir jemand erzählen, dass in dieser Hinsicht alles freiwillig läuft und dort kein (moralischer) Druck ausgeübt wird?

    9. Dass getaufte Christen laut kirchlichen Lebensordnungen durch einen Austritt aus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts generell vom Abendmahl ausgeschlossen werden, ist ein Skandal. Die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders allein durch Glauben wird damit in Frage gestellt.
    Wenn Sie als Pfarrer nicht mehr Manns genug sind, in seelsorgerlich begründeten Fällen Ihrem Gewissen zu folgen, dann muss ich wirklich nach Ihrer Glaubensüberzeugung fragen. Gesunder Menschenverstand und ein freies Bekenntnis gehören zu jedem aufrechten protestantischen Christen! Dass man sich für Menschen ohne Ansehen ihrer religiösen Einstellung einsetzt, halte ich für eine pure Selbstverständlichkeit.
    Solche Fälle wie der geschilderte sind meiner Erfahrung nach aber wirklich absolute Ausnahmefälle. Heutzutage ist es eher normal, dass man zwar der Kirche kritisch gegenübersteht und ausgetreten ist, aber im Bedarfsfall kirchliche Dienste gerne kostenlos in Anspruch nimmt. Man erwartet viel von der Kirche, aber zahlen will man nicht dafür. Ob das evangeliumsgemäß ist, weiß ich nicht.

    10. In steuerfinanzierten Kirchen droht der Mammon das Evangelium zu verdrängen: Je größer das Budget der verfassten Kirchen, desto mehr Entscheidungen werden in Abhängigkeit vom Geld getroffen.
    Das ist aber beispielsweise in den USA nicht anders, sondern in manchen Gemeinden eher noch schlimmer. In den auf freiwilligen Beiträgen aufgebauten südfranzösischen Protestantengemeinden im Languedoc habe ich kein aktiveres Gemeindeleben angetroffen als in einer durchschnittlichen württembergischen Kirchengemeinde. Es gibt dort so gut wie keine Jugendarbeit, wie es mit der diakonischen Arbeit bestellt ist, weiß ich nicht. Der Protestantismus verdampft in der jüngeren Generation genauso wie hier in den Landeskirchen.
    Wenn Sie als Pfarrer relativ bedürfnislos leben können, verdient das Bewunderung (falls Sie nicht mit einer gut verdienenden Frau verheiratet sind oder Vermögen geerbt haben). Die Kirchengeschichte zeigt aber, dass Geistliche, die in prekären Verhältnissen leben mussten, in vielen Fällen deprimiert und resigniert waren. Existenzielle Sorgen drücken auf das Gemüt und können die Arbeit wesentlich beeinträchtigen. Es ist wahrscheinlich nur wenigen Menschen möglich, damit in Zufriedenheit zu leben. Dass aber aus einem reduzierten Einkommen ein vertieftes religiöses Empfinden erwächst, dürfte doch eher die Ausnahme als die Regel sein, vor allem dann, wenn man für eine Familie zu sorgen hat. Dass andererseits das Beamtendasein einem Pfarrer oder einer Pfarrerin auch mal in den Kopf steigt, dafür kann ich ebenfalls Beispiele anführen. Wie aber ein Pfarrer mit Familie auf Dauer befriedigend von einem schwankenden, unsicheren Einkommen leben soll, weiß ich nicht.

    11. Das derzeitige Kirchensteuersystem macht die Landeskirchen zu Anstaltskirchen und versperrt den Weg zum nachhaltigen Gemeindeaufbau und zur Mission.
    Vermutlich ist das Geld weniger das Problem als die inhaltlichen Fragen. Dort gibt es in der Tat erhebliche Schwächen. Da sollte man sich besser um den Gemeindeaufbau kümmern, wo noch vieles im Argen liegt. Am schlimmsten wirkt sich aber die Tatsache aus, dass man in der Kirche allen möglichen Angelegenheiten nachrennt, aber die eigenen Angelegenheiten vergisst. Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation, zur Sinnhaftigkeit konfessionellen Denkens, zum Inhalt des Religionsunterrichts, finden beispielsweise kaum mehr statt. Der Ausfall jeglicher Katechese in den letzten drei Jahrzehnten hat dazu geführt, dass in der jüngeren Generation kaum mehr religiöses Grundwissen und Verständnis da ist. Warum soll man in der Kirche bleiben, wenn man keine inhaltlichen Bezüge mehr hat? Und auch die Mentalität, dass man kirchenkritische Menschen für wesentlich wertvoller und intelligenter hält als diejenigen, die sich aus Überzeugung regelmäßig ehrenamtlich in einer Gemeinde engagieren, macht in der Kirche sehr viel kaputt. Warum man das Reformationsjubiläum 2017 ökumenisch feiert und nicht zur Besinnung auf die eigenen Werte nutzt, erschließt sich mir nicht. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf fragt zu Recht: Was soll denn eigentlich gefeiert werden?
    Ich bin in einer sehr lebendigen normalen Kirchengemeinde sozialisiert wird, wo innerhalb der geordneten Strukturen sehr viel lief. Da war man froh, dass das Geld für den Unterhalt der Gebäude und die notwendigen Ausgaben da war. Geprasst hat man damit nicht, und wir Mitarbeiter haben auch mal aus dem eigenen Geldbeutel kleinere Ausgaben für unsere Gruppen bezahlt. Da wurde nicht darüber geredet, man hätte sich geschämt, wegen fünf Mark zu Kirchenpfleger zu rennen. Größere Ausgaben bekam man nur nach vorherigem Antrag erstattet, und das war richtig so. Ich kann keiner Kirchengemeinde, die ich kenne – und ich kenne einige – den Vorwurf der Verschwendung machen. Die „Schüttverluste“ halten sich in dem Rahmen, in dem sie sich in jeder vergleichbar großen Organisation bewegen, auch in einer Freiwilligkeitskirche.
    Gemeindeaufbau fängt schon bei Kleinigkeiten an. Dass heute noch die Bibel im Gottesdienst in der Luther-Übersetzung gelesen wird, die der moderne Mensch nicht mehr versteht, ist ein Ärgernis (die Psalmlesungen im Luther-Deutsch könnte ich noch tolerieren, aber vorgelesenes Luther-Deutsch ist nicht mehr verständlich). Die Beteiligung von Konfirmanden und Jugendlichen an Gottesdiensten lässt genauso zu wünschen übrig wie die Lesungen durch Gemeindeglieder. Da käme man noch auf vieles, das sich mit wenig Aufwand ändern ließe.

    12. Ein Ausstieg aus der Kirchensteuerfinanzierung muss stufenweise erfolgen. Sein Ziel ist eine Kirche, die sich aus den freiwilligen Gaben der Gläubigen selbst finanziert und durch Umlagen übergemeindliche Dienste trägt.
    Diese Kirche wäre nicht besser als die bestehenden Kirchen. Kirche ist eine Gemeinschaft von sündigen und unvollkommenen Menschen, ob sie nun durchorganisiert ist wie unsere Landeskirchen oder als freiwillige Gemeinschaft dasteht wie die Freikirchen. Ich sehe in den Freikirchen keine besseren Kirchen als in den Landeskirchen, weil man mit religiöser Überheblichkeit oder teilweise mit (unbiblischer) Naivität rechnen muss. In manchen Gemeinschaften verschwindet über all dem Lobpreis und der teilweise einseitigen Frömmigkeit die enorme geistige Kraft, wie sie die protestantischen Kirchen lange repräsentiert haben. Unsere Kirchenlieder sind nur ein Beispiel dafür.
    Hinterfragen muss man die Diakonie, den Religionsunterricht und die kirchlichen Kindergärten. Den Kirchen wäre am meisten geholfen, wenn der Staat sämtliche Einrichtungen übernehmen würde, für die er die Kosten aufbringt. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte müssen Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen weltanschaulich neutral geführt werden. Nur wenn die Kirche selbst aus ihren Mitteln solche Einrichtungen finanziert, sollte sie das kirchliche Dienstrecht anwenden dürfen. Wenn der Religionsunterricht nicht mehr klar konfessionell ausgerichtet ist, muss man durch einen religionskundlichen Unterricht (LER) für alle Schüler/innen ersetzen, bei dem die Religionen gleichwertig behandelt werden. Damit hätte ich kein Problem, denn ich bin der Ansicht, dass in den Angeboten drin sein muss, was draufsteht.
    Nach den Erfahrungen in den östlichen Bundesländern, in den Niederlanden und in Schottland würde bei einer Abschaffung der Kirchensteuer der Anteil der Kirchenmitglieder auf unter 10% sinken. Eine flächendeckende kirchliche Struktur wäre dann nicht einmal mehr ansatzweise aufrechtzuerhalten. Die Kirche und das Christentum würden in der völligen Bedeutungslosigkeit versinken. Angesichts der notwendigen geistigen Konfrontation mit dem Islam stellt sich die Frage, ob so eine Entwicklung wünschenswert wäre.

    Dr. Eberhard Fritz
    Gemeindeglied in einer evangelischen Diasporagemeinde der württembergischen evangelischen Landeskirche

  2. Jochen Teuffel Says:

    Hat dies auf NAMENSgedächtnis rebloggt und kommentierte:

    In der heutigen Ankündigung des Beitrags zur Kirchensteuer in der heutigen WDR-Markt-Sendung wird auf meine zwölf Thesen Bezug genommen

  3. Dr. Eberhard Fritz Says:

    Lieber Herr Teuffel,

    offen gestanden war ich ein bisschen entsetzt, dass Sie sich für eine Sendung im WDR einspannen lassen, in der haarsträubender Unsinn erzählt wird. Die ganze Machart war doch völlig unsachlich, wie man schon an den seltsamen Spielszenen erkennen konnte:

    – Dass ein Kirchenmitglied 9% seines Einkommens als Kirchensteuer bezahlt, ist hanebüchener Unsinn! Es sind 9% der Einkommensteuer (in Baden-Württemberg und Bayern 8%). Wie ich bereits ausführte, handelt es sich um keine Zwangsabgabe, das ist genauso Unsinn. Immerhin wird wenigstens kurz erwähnt, dass der Staat für den Einzug der Kirchensteuer 4% der Einnahmen erhält – ein guter Schnitt also und keine uneigennützige Dienstleistung.

    – Wenn die Frau am Anfang sagt: „Ich möchte wissen, wo das Geld der Kirche hingeht“, dann soll sie mal Haushaltspläne lesen. Im Bereich der evangelischen Kirchen ist das alles völlig transparent. Der Haushalt jeder Gemeinde wird öffentlich ausgelegt, über die Ausgaben entscheidet ein gewähltes Gremium, die Aufsicht ist sehr streng. Wenn Sie sich Televangelists in den USA anschauen, dann genehmigen die sich von den Spenden ihrer Anhänger („praise the Lord!“) Traumgehälter, Privatjets, Luxushotels, etc. und predigen im Extremfall ihren Schäflein Bescheidenheit.

    – Der Ursprung der Kirchensteuer wurde falsch erklärt. Was heißt: Die Kirche verarmte? Was heißt: Die Kirche sollte von ihren Pfründen leben? In protestantischen Kirchen gab es seit der Reformation keine Pfründen mehr. Richtig ist, dass man nach dem Ende der alten Kirchenverfassung 1803 eine neue stabile Finanzierungsquelle finden musste. Damals waren in Deutschland ja noch alle Leute in der Kirche, ein Leben ohne Kirche war praktisch undenkbar. Da bot sich eine an die staatlichen Steuern angelehnte Abgabe an. Kirche und Staat waren noch eine Einheit, da war es klar, dass staatliche Behörden das Geld einzogen.

    – Die imposanten Milliardenangaben des Vermögens katholischer Bistümer werden nicht erklärt. Was genau wird bewertet? Wenn ich den Kölner Dom mit 500 Millionen Euro ansetze, ist das beeindruckend, aber dieses Vermögen nützt der Kirche nichts, denn der Dom ist nicht verkäuflich und kostet ja, so lange er steht, nur Geld. Dasselbe gilt für jede Dorfkirche, für das Pfarrhaus, für das Gemeindehaus…. Dass übrigens das Land und die Stadt Köln 1 Million jährlich zuschießen, halte ich für recht und billig, denn der Dom ist ja auch Touristenmagnet (also auch Ziel für Nicht-Kirchenmitglieder). Sollen dafür nur noch die Leute bezahlen, die Kirchenmitglieder sind?
    Wenn die Zahl der Kirchenmitglieder weiter zurückgeht, werden mehr und mehr kirchliche Gebäude aufgegeben werden müssen. Das reguliert sich dann von selbst. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, dass über Jahrzehnte hinweg leere Kirchen finanziert werden.

    – Staatsleistungen, diakonische Einrichtungen, die vom Staat finanziert werden etc. gehören auf den Prüfstand. Da wäre ein sachlicher, kritischer Beitrag gerechtfertigt gewesen oder sogar eine Folge von Beiträgen. Und natürlich ist es richtig, Luxusprojekte wie in Limburg anzuprangern. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat übrigens ein wesentlich teureres Gebäude als Bischofssitz und Verwaltungsgebäude errichten lassen, ohne dass es großen Widerstand gab, weil es von Anfang an transparent kommuniziert wurde. Exzesse wie eine „goldene Badewanne“ gibt es dort aber sicher nicht.
    Der populistische, schlecht recherchierte Beitrag bediente alle Klischees, inklusive desjenigen, dass Freiwilligkeitskirchen aktiver und „christlicher“ seien als die „Amtskirche“. Es ist bedauerlich, dass es in Ihrer Gemeinde offenbar keine engagierten Gemeindeglieder gibt, die aus innerer Überzeugung Woche für Woche ihren unspektakulären Dienst tun. Mich stört an solchen Sendungen, dass solche Menschen im Grunde verunglimpft werden, ohne dass man die wahren Probleme aufzeigt.

    Interessant ist, dass ausgerechnet am Tag der Sendung der CSU-Bundestagsabgeordnete Alexander Radwan den Vorschlag gemacht hat, die Finanzierung der deutschen muslimischen Gemeinden aus dem Ausland zu verbieten, die deutschen Muslime als Körperschaft des öffentlichen Rechts anzuerkennen und eine Moscheensteuer analog zur Kirchensteuer einzuführen. Als engagierter Helfer in der Flüchtlingsarbeit hatte ich diesen Gedanken schon lange. Nur wenn es uns gelingt, den gemäßigt-liberalen Islam zu stärken, wird die Integration der Flüchtlinge eine Chance haben. Bei uns gilt also die Kirchensteuer als veraltet, für unsere muslimischen Mitbürger als Zukunftsmodell.

    Freundliche Grüße

    Eberhard Fritz

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