Selbsttötung als Sinnstiftung und Selbstrechtfertigung (Bonhoeffer)

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Wenn es um die Frage nach aktiver Sterbehilfe bzw. assistiertem Suizid geht, ist immer noch bedenkenswert, was Dietrich Bonhoeffer in seiner posthum veröffentlichten Ethik zur Selbsttötung geschrieben hat:

„Der Selbstmord ist die letzte und äußerste Selbstrechtfertigung des Menschen als Mensch und damit – vom rein menschlichen her gesehen – sogar in gewissem Sinne die selbstvollbrachte Sühne für ein verfehltes Leben. Nicht die Verzweiflung, in der sich diese Tat meist ereignen wird, ist selbst der eigentliche Urheber des Selbstmordes, sondern die Freiheit des Menschen, selbst in seiner Verzweiflung noch eine höchste Selbstrechtfertigung zu vollziehen. Kann der Mensch sich nicht in seinem Glück und Erfolg rechtfertigen, so kann er es doch noch in seiner Verzweiflung. Kann er sein Recht auf ein menschliches Leben nicht in seinem leiblichen Leben durchsetzen, so kann er es doch noch durch Vernichtung seines Leibes. Kann er die Anerkennung seines Rechtes nicht von der Welt erzwingen, so kann er sie sich in letzter Einsamkeit selbst schaffen. Der Selbstmord ist der Versuch des Menschen, einem menschlich sinnlos gewordenen Leben einen letzten menschlichen Sinn zu verleihen. Das unwillkürliche Gefühl des Schauders, das uns angesichts der Tatsache eines Selbstmordes ergreift, ist nicht auf die Verwerflichkeit, sondern auf die schaurige Einsamkeit und Freiheit solcher Tat zurückzuführen, in der noch Bejahung des Lebens nur in seiner Vernichtung besteht. […]

Abgesehen aber von allen äußeren Gründen gibt es eine Versuchung zum Selbstmord, die gerade den Glaubenden be­sonders befällt, eine Versuchung zum Mißbrauch der von Gott gegebenen Freiheit gegen das eigene Leben. Der Haß gegen die Unvollkommenheit des eigenen Lebens, die Erfahrung der Widerspenstigkeit des irdischen Lebens überhaupt gegen eine Erfüllung durch Gott, die daraus entsprin­gende Traurigkeit und der Zweifel an jedem Lebenssinn überhaupt können in gefährliche Stunden führen. Luther hat davon viel zu sagen gewußt. Es gibt dann kein menschliches oder göttliches Gesetz, das die Tat zu verhindern vermöchte,  sondern allein der Trost der Gnade und die Macht brüder­lichen Gebetes kann in solcher Anfechtung helfen. Nicht das Recht auf Leben, sondern die Gnade, noch weiter leben zu dürfen unter Gottes Vergebung, vermag gegen diese Versu­chung zum Selbstmord zu bestehen. Wer aber wollte sagen, daß Gottes Gnade nicht auch das Versagen unter dieser här­testen Anfechtung zu umfassen und zu tragen vermöchte?“

Der vollständige Text findet sich hier: Bonhoeffer – Der Selbstmord (Ethik)

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