Fritz J. Raddatz über Hans-Joachim Mund „War der Pfaffe ein Strippenzieher?“

H????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????????

Hans-Joachim Mund (1914-1986)

Von 1959 (nach seiner Flucht aus der damaligen DDR) bis 1965 war Hans-Joachim Mund evangelischer Pfarrer an der Christuskirche in Wasserburg am Inn, bevor er dann an die Simeonskirche nach München wechselte. Im Wikipedia-Artikel heißt es, er habe sich stark in der hochkirchlichen Bewegung und im ökumenischen Gespräch engagiert. Zum siebzigsten Geburtstag 1984 kurz vor seinem Tod gab es dann auch eine eigene Festschrift mit Beiträgen unter anderem von Wolfhart Pannenberg und Heinrich Fries. Biographisch hatte sich bei Mund einiges bewegt: Aus deutsch-nationalem Elternhaus stammend schloss er sich 1932 dem Bund der religiösen Sozialisten und später auch der Bekennenden Kirche bzw. der Hochkirchlichen Vereinigung an. 1946 SED-Mitglied, dann 1949 nach Ost-Berlin umgezogen wurde er zunächst Referent für Kirchen- und Religionsfragen in der Kulturabteilung des Zentralsekretariats der SED, später dann Anstaltspfarrer sämtlicher politischen Haftanstalten der DDR. Aus dieser Zeit war ihm Walter Kempowski, von 1948 bis 1956 in Bautzen inhaftiert und dort Leiter des Gefängnischores, verbunden, so dass in der oben genannten Festschrift auch ein Beitrag von Kempowski, „Dank an Hans-Joachim Mund“ erschienen ist (Mund war es schließlich, der Kempowski den Kontakt zu Fritz J. Raddatz vermittelte, der 1969 zur Veröffentlichung seines ersten Romans Im Block, ein Haftbericht bei Rowohlt führte). Hochkirchlich bleibend und sozialistisch in der Gefängnisseelsorge ernüchtert bzw. eingeschüchtert (siehe Andreas Beckmann, Regina Kusch: Gott in Bautzen: die Gefangenenseelsorge in der DDR. Berlin, Links, 1994) floh er dann auf Anraten von Otto Dibelius nach Bayern.

Fritz J. Raddatz, der ja jüngst bei „Dignitas“ in der Schweiz den Tod gesucht und gefunden hat („Mein Tod gehört mir„), spricht  dankbar-verächtlich von Mund als dem „Pfaffen“. Von 1946 bis zu seiner Volljährigkeit lebte Raddatz bei Mund, der für ihn die Vormundschaft nach dem Tod des Vaters übernommen hatte. Mund hatte wohl Raddatz sexuell missbraucht und dafür mit Literatur bezahlt. In einem Interview mit der Basler Zeitung kurz vor seinem Tode erzählt Raddatz: „Mit 15 oder 16, hatte ich den «Doktor Faustus» von Thomas Mann gelesen, ein Buch, das in Deutschland noch gar nicht erschienen war. Das war eine schwedische Lizenzausgabe, die mir jener seltsame Pastor Mund gegeben hatte. Der hat mir nicht nur an den Schwanz gefasst, sondern mich auch gefüttert, und nicht nur mit Schokolade, sondern auch geistig.“

Fritz_J._Raddatz_001

In dem Tagebucheintrag vom 14. Dezember 2002 (Tagebücher 2002–2012. Rowohlt, Reinbek 2014) schreibt Raddatz über das Doppelleben von Mund:

„War der Pfaffe ein Strippenzieher? War er nun eigentlich nur verlogen, zutiefst unaufrichtig, seinem (sexuellen) Vergnügen nachjagend – oder war er ein «irrend Liebender»? Hat er mich wirklich geliebt? Mir kommen nun, am Ende des Lebens und am Ende des Memoirenschreibens, immer wieder Zweifel. So, wenn die Pfäffin mir bei unserem «offenen Gespräch» (so offen, daß sie mich drängte, doch nicht die Wahrheit zu schreiben!!) erzählte, er habe ihr bei einer ersten Beichte gesagt, ICH hätte IHN verführt. ICH hätte (ich war knapp 15!!) schon «viele Männeraffären» hinter mir – alldieweil doch ER (was er der betrogenen Ehefrau offenbar NICHT erzählt hat?!) sein ganzes erwachsenes Leben ein vollkommen ausgeprägtes, ausgelebtes schwules Leben hatte, mit Affären, Schwulenbars (ich WUSSTE nicht mal, daß es so etwas gibt, begriff damals auch nicht, warum er mich in so was mitschleppte – heute denke ich, um sich mit dem jungen Knaben zu brüsten vor Gästen, die er vermutlich kannte), mit Parktreffs und Klappen (ich, vollkommen naiv, kam entgeistert zu ihm, als sich neben mir beim Pinkeln jemand entblößt hatte, fragend, was das denn sei und solle und warum Leute so was täten …). Der Patenonkel seiner Tochter war ein ehemaliger Lover von ihm; als unsere Beziehung begann, hatte er ein regelmäßiges festes Verhältnis mit einem jungen Gärtnerburschen, einem seiner Konfirmanden auch noch, mit dem er mich auch später noch betrog.“

Advertisements

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: