Pfarrer hält Reichtum für Kernproblem der Kirche

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Mit der Kritik an der kirchensteuerfinanzierten Pfarramtskirche stehe ich nicht allein. Hier ein Artikel aus den Nürnberger Nachrichten vom 04.04.2015 über Pfarrer Hans Löhr aus der mittelfränkischen Kirchengemeinde Sommerdorf/Thann, der offiziell zum 1. März in den Ruhestand verabschiedet worden ist:

Pfarrer hält Reichtum für Kernproblem der Kirche

Mittelfränkischer Ruhestands-Theologe Hans Löhr findet: Üppige Steuereinnahmen lähmen jede Veränderung

VON MICHAEL KASPEROWITSCH

Das deutsche System der Kirchensteuer spült Katholiken und Protestanten bundesweit derzeit etwa je fünf Milliarden Euro in die Kasse. Ein mittelfränkischer Ruhestandspfarrer hält diesen Reichtum für schädlich.

BURGOBERBACH – Es sind offenbar gründlich gewogene Worte zum Abschied aus dem Pfarramt. Sie münden in eine Fundamentalkritik an der eigenen Landeskirche.

40 Jahre stand Hans Löhr als Theologe in ihren Diensten, als Vikar in Erlangen, als Pfarrer in Röthenbach an der Pegnitz, Studentenseelsorger in München und zuletzt über 13 Jahre in der ländlichen Pfarrei Sommersdorf-Burgoberbach und Thann (Kreis Ansbach). Einige Jahre war er Mitglied der Landes- sowie der EKD-Synode. Die Leidenschaft für grundlegende Veränderungen scheint ihm nicht abhandengekommen zu sein.

Im letzten Gemeindebrief, den Löhr verantwortete, zählt er neben der traditionellen Gemeindearbeit all die eigenen Anstrengungen gegen den „Niedergang der Kirche“ auf. „Wir wollten den nicht achselzuckend hinnehmen“, heißt es da. Alternative Gottesdienstformen mit Hunderten von Besuchern gehörten dazu, neue erfolgreiche Angebote für Kinder, ein moderner Internetauftritt, Bibelauslegungen per E-Mail oder in einem Glaubens-Blog. Man habe damit bei Gläubigen großen Anklang gefunden.

Das lange Leiden des Theologen an der stetig nachlassenden Kirchenbindung der Menschen hat das allerdings kaum gelindert. „Wie die meisten Kollegen habe ich die Entwicklung lange als Zeiterscheinung hingenommen, gegen die man wenig ausrichten könne.“ Später sei er zunehmend kirchenkritischer geworden. Löhr schreibt den Spitzenprotestanten „Versagen bei der Glaubensvermittlung“ ins Stammbuch. Es gehe grundsätzlich viel zu wenig um die Suche nach Angeboten, welche die Kirchenmitglieder auch nachfragten.

Dann kommt Löhr auf den Punkt: „Unser größtes Problem als Kirche ist das viele Geld.“ Die Kirchensteuereinnahmen seien ebenso außergewöhnlich hoch wie die Zahl der Kirchenaustritte. Und über 80 Prozent der verbleibenden Mitglieder teilten den von der Kirche vermittelten Glauben nicht mehr, hält Löhr in einer ergänzenden Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung fest. „95 bis 99 Prozent der Gläubigen bleiben dem traditionellen Kirchengottesdienst fern.“

Wie Dagobert Duck

In der gesamten Kirchenhierarchie vom Landesbischof bis zum einzelnen Kirchenvorstand müssten seiner Auffassung nach deshalb die Alarmglocken schrillen. Aber Löhr vernimmt nur „ein leises Bimmeln, weil das viele Geld alles erstickt“. Die Kirche bade darin wie Dagobert Duck in seinem Goldspeicher. Die Finanzmittel erlaubten es, viele Menschen anzustellen, Immobilien zu unterhalten oder „Gräber der Propheten zu tünchen“. Kindergärten und soziale Einrichtungen würden damit nur zum geringen Teil finanziert. Das Geld dafür komme meist vom Staat und damit von allen Steuerzahlern, ob sie nun Mitglied der Kirche sind oder nicht. Der Kirchenapparat „bestätigt sich seine Bedeutung ständig selbst und schwebt über den Ortsgemeinden“, klagt Löhr. Das Geld für die „schöne Fassade“ lähme jeden Veränderungsimpuls.

Der Theologe wolle seine Kirche nicht in Grund und Boden verdammen, er verdanke ihr schließlich viel. Mit dazu gehört sicher das stattliche Gehalt für Vollzeit-Gemeindepfarrer – Löhr teilte sich die letzte Stelle mit seiner Frau – mit über 5000 Euro brutto in der letzten Stufe. Über 70 Prozent davon bleiben als Rente. Aber er beharrt darauf, dass die Kirche nicht so bleiben dürfe, wie sie ist. Ihm sei dabei schon klar, dass dies mit weniger Kirchenpersonal und niedrigeren Pfarrergehältern verbunden sei.

Eine düstere Prognose

Dass seine Kirche genug Kraft für Veränderungen hat, bezweifelt der erfahrene Pfarrer. Es fehle der Innovationsdruck, der Unternehmen zur Umkehr zwinge, wenn die Nachfrage der Kunden sinkt und die Kosten steigen. „Genug Geld ist ja da.“ Löhrs Prognose ist in dieser Situation hoffnungsvoll-düster: „Es werden Zeiten kommen, in denen die Kirche neue Wege gehen muss.“

Ins Gericht geht er dabei direkt mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Dieser bezeichnet das Kirchensteuersystem stets als Segen, damit die Kirche ihren Auftrag erfüllen könne. Für Löhr drängt sich da die Frage auf: Warum verliert die Landeskirche dann in großem Umfang Mitglieder, wenn der Auftrag doch lautet, mehr Menschen für die gute Nachricht von Jesus zu gewinnen?

Löhrs Artikel aus dem Gemeindebrief, der diesem Artikel zugrunde liegt, findet sich hier.

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