Heilskommerz, Totenkult und die Reformation

Ransom of Soul

Im April ist Peter Browns Buch The Ransom of the Soul. Afterlife and Wealth in Early Western Christianity bei Harvard University Press erschienen (ein Online-Auszug aus diesem Buch findet sich hier bzw. hier). Darin wird die frühmittelalterliche Geschichte der christlichen Heilskommerzialisierung erzählt. Der Anknüpfungspunkt ist die Vorstellung vom beeinflussbaren Weiterleben nach dem Tod unter der Bedrohung von Hölle und jüngstem Gericht. Es geht um einen religiösen Totenkult im christlichen Gewand. Durch transaktionale Bußleistungen bzw. Messstipendien sollte Einfluss auf den eigenen postmortalen Status bzw. auf das jenseitige Weiterleben verstorbener Angehöriger genommen werden. Der Leitspruch dazu entstammt den Sprüchen Salomos: „Der Reichtum eines Mannes ist das Lösegeld für sein Leben“ (Spr 13,8).

Eine vermeintlich menschenmögliche „Heilsökonomie“ im Hinblick auf ein postmortales Leben im Familienverbund hat überhaupt erst Geld zum dauerhaften Einsatz in Kirchen und Klöstern gebracht.  Die klerikale wie auch bauliche Verfasstheit der mittelalterlichen Kirche verdankt sich ganz wesentlich dem religiösen Totenkult. Was wir als christliche Kulturleistungen wahrnehmen, hat immer auch eine heilskommerzielle Komponente.

Die evangelische Rechtfertigungslehre, die aus dem Bußsakrament erwachsen ist, hat zu einem kulturellen Bruch geführt, den man sich gegenwärtig kaum noch vorstellen kann. Wenn im Glauben an das Evangelium die gerichtsbeständige Vergebungszusage Jesu Christi  erhalten wird, erübrigt sich jeglicher Heilskommerz. Durch die Reformation hat also die Kirche ihre religionsökonomische Grundlage verloren – mit weitreichenden finanziellen Folgen. Da sich protestantischerseits nichts heilskommerziell erwirtschaften ließ, musste der kirchenbauliche und klerikale Unterhalt in staatliche Hände überführt werden. So ist schließlich die Erfindung der Kirchensteuer die ökonomische Konsequenz eines „volkskirchlichen“ Protestantismus, der als klerikales Syndikat außerhalb der Versammlung der Gläubigen seinen Bestand erhalten will.

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