„Gastfrei zu sein vergesst nicht“ – Von der Ethik der Gastfreundschaft

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Abrahams Gastmahl und Opferung Isaaks (Mosaik in San Vitale in Ravenna, 6. Jahrhundert)

Von Franz Johna, dem ehemaligen Lektor beim Herder-Verlag in Freiburg, stammt ein schöner Artikel über Gastfreundschaft aus dem Praktischen Lexikon der Spiritualität passend zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation:

Gastfreundschaft

Das Wort „Gastfreundschaft“ weckt heute vor allem die Vorstellung von Liebenswürdigkeit und Großzügigkeit, von Pflege gesellschaftlicher Beziehungen, von anregendem Zusammensein, Plauderstunden und behaglicher Atmosphäre. Die ursprüngliche Tiefe und geistliche Kraft dieses menschlichen und insbesondere christlichen Schlüsselwortes erschöpfen solche Assoziationen jedoch bei weitem nicht.

1. „Gastfreundschaft“ ist einer der dichtesten biblischen Begriffe, der das Verständnis für das Verhältnis der Menschen untereinander und darüber hinaus zu Gott vertiefen und erweitern kann. Der durchreisende Fremde und Gast, der um ein schützendes Dach bittet (Spr 27,8; Sir 29,21f), erinnert Israel vor allem an jene Zeit, da seine Vorfahren als Sklaven in fremdem Land gelebt haben (Lev 19,33f), doch zugleich an seine gegenwärtige Situation als Pilger und Fremdling auf kurzer irdischer Wanderschaft (Ps 39,13; vgl. Hebr 11,13). Dieser Gast ist darauf angewiesen, daß er im Namen Gottes, der ihn liebt (Dtn 10,18f), aufgenommen und liebevoll behandelt wird. – Die Rabbinen sehen in der Gastfreundschaft eine Garantie für das Jenseits: „Wer Gastfreundschaft gerne übt, dem gehört das Paradies.“

Episoden aus dem Alten und Neuen Testament beweisen nicht nur den ganzen Ernst unserer Verpflichtung, den Fremden bei sich willkommen zu heißen, sie lassen auch Gastfreundschaft erkennen, daß die Gäste selbst überraschende Gaben mitbringen, die sie vor dem Hausherrn ausbreiten, der ihnen Aufnahme gewährt; ja, die Gastfreundschaft ist ein Weg, sich der Gegenwart Gottes zu versichern. Maßgebendes Beispiel dafür im Alten Testament ist vor allem Abraham, der unter der Eiche von Mamre die drei Fremden begrüßte und ihnen Wasser, Brot und ein prächtiges Kalb vorsetzte. Dabei offenbarten sie sich ihm als JHWH selbst mit der Verheißung, seine Frau Sara werde ihm einen Sohn gebären (Gen 18,1-18); doch auch der Witwe von Sarepta, die Elija beim Reisiglesen antrifft und die trotz größter Armut nicht zögert, ihn in ihr Haus zu führen und mit ihrem Wenigen zu bewirten, offenbarte er sich als Mann Gottes, gab ihr als Gastgeschenk Öl und Mehl im Überfluß und erweckte ihren Sohn von den Toten (1Kön 17,9-24); auch Lot, der die zwei himmlischen Boten, die ihm am Stadttor von Sodom begegneten, in sein Haus bittet und ihnen zuliebe sein Leben aufs Spiel setzt, erhält die Gunst, für seinen Glauben und seine Gastfreundschaft vor der rasenden Menge und vor dem Untergang errettet zu werden (Gen 19,9-24).

Im Neuen Testament gibt sich der Fremde den beiden Emmaus-Jüngern, die ihn nach gemeinsamem Weg bei Anbruch der Nacht zu bleiben einluden, beim Brotbrechen als ihr Herr und Erlöser zu erkennen (Lk 24,13-35). Es gehört zum Geheimnis der Gastfreundschaft, die eine Form der Liebe ist, daß sie unter schlichtem Äußeren glückliche Überraschungen verbirgt: um ihretwillen „haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt“ (Hebr 13,2).

Jesus verkündete nicht nur die Gastfreundschaft Gottes sowie seine sich herabneigende Güte (Lk 14,15ff), sondern er machte sie in seinem eigenen Verhalten anschaulich: die Sünder ruft er an seinen Tisch (Mk 2,15), er wäscht seinen Gästen die Füße (Joh 13,1ff) und sorgt für alle Bedürftigen (z. B. bei der Brotvermehrung, Joh 6,1-15). Für ihn ist die Gastfreundschaft nicht nur eine Sache des Mitgefühls, vielmehr erhebt er sie zur ersten Vorbedingung und zum Maß des Heils (Mt 25,31-46). In der Rede vom Weltgericht (Mt 25,31-46) erlangt die Gastfreundschaft ihre tiefste Begründung in der Gleichsetzung des Gastes mit Christus: Wer einen Gast aufnimmt, der wird nicht nur ihm zum Nächsten, sondern im Gast ist Jesus Christus in gewisser Weise gegenwärtig, in ihm wird Christus selbst aufgenommen oder abgewiesen, anerkannt oder verkannt. So nehmen alle, die an Christus glauben, seine Gesandten (Joh 13,20), ja alle Menschen, selbst die Geringsten (Lk 9,48), „in seinem Namen“ auf, und der Gast darf nicht als Schuldner (Sir 29,24-28) oder als lästiger Eindringling behandelt werden, gegen den man murrt (1Petr 4,9).

Jeder, der aus dem Geist lebt, hat Gastfreundschaft zu üben (Röm 12,13), weder eigene Sorgen (Hebr 13,1ff) noch überbeanspruchte Liebe (1Petr 4,7-11) sind stichhaltige Gründe, sie zu unterlassen. Insbesondere der „Vorsteher“ (1Tim 3,2; Tit 1,8) muß in dem Menschen, der an seine Tür klopft (Offb 3,20), den Sohn Gottes sehen, der mit seinem Vater kommt, um ihn zu segnen und bei ihm seine Wohnung aufzuschlagen (Joh 14,23). Und selig sind jene wachsamen Knechte, die dem Herrn die Tür öffnen, wenn er bei seiner Wiederkehr anklopft. Dann wird er die Rollen vertauschen, das Geheimnis der Gastfreundschaft beim Weltgericht allen offenbaren, sie am Tisch Platz nehmen (Lk 12,37) und an seinem Mahl teilnehmen lassen (Offb 3,20).

2. Der Vollzug christlichen Glaubens ist mit der Verwirklichung der Tugend der Gastfreundschaft unabdingbar verbunden. Sie ist der Ausdruck der brüderlichen Gemeinschaft derer, die vom Geist geleitet sind, so daß sie im Nächsten Gott erkennen. Eindrucksvolle Zeugnisse machen deutlich, wie großzügig und uneigennützig die ersten Christen die biblischen Weisungen zur Gastfreundschaft in die Tat umgesetzt haben. Aristides (Apol. 15,7) sagt rühmend: „Wenn sie einen Fremden sehen, führen sie ihn hinein unter ihr Dach und freuen sich über ihn, wie über einen wirklichen Bruder.“ Ambrosius hebt den Gedanken hervor: „Im Gast kann Christus selbst zugegen sein, da er in den Armen ist“ (De off. 2,102/7). Und Augustinus fordert auf (als im Jahr 411 die Donatisten zum Religionsgespräch nach Karthago kommen), auch den getrennten Brüdern um Christi willen Gastfreundschaft zu gewähren und den Lohn dafür nicht von den Menschen, sondern von Gott zu erwarten (sermo 357,5), und er schärft ein: „Weil im Gast Christus uns entgegentritt, soll niemand hochmütig sein“ (sermo 239,2/7).

Benedikt

Die Pflege christlicher Gastfreundschaft ist ein besonderes Merkmal des Mönchtums, die Mönche werden gleichsam ihre bevorzugten Träger. Pachomius gibt seiner Gemeinschaft eine Regel, nach der jeder einzelne einen Teil des Ertrags seiner Arbeit abzuliefern hat u. a. für die Gastfreundschaft, die den Fremden gewährt wird. Diese Hochschätzung der Gastfreundschaft schlägt sich vor allem in der Regel des hl. Benedikt nieder, die für die weitere Entwicklung der christlichen Gastfreundschaft bahnbrechend ist und gleichsam das „Grundbuch mittelalterlicher Gastfreundschaft, des Herberge- und Pilgerwesens“ (E. v. Severus) wurde. Für Benedikt ist die Tugend der Gastfreundschaft unentbehrlich zur inneren Vervollkommnung. Kap. 35 seiner Regel legt u. a. fest: „Alle ankommenden Gäste sollen wie Christus aufgenommen werden, weil dieser selbst einst sprechen wird: Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich aufgenommen … Der Aufnahme von Armen und Pilgern werde vor allem die größte Sorgfalt zugewandt, denn in ihnen wird Christus besonders aufgenommen.“

3. In unserer Zeit mit den vielen Menschen, die das Los der Fremde getroffen hat, wird die Gastfreundschaft zur Bewährungsprobe für das große Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12,31), unter das sie fällt. Dabei sollte der Begriff der Gastfreundschaft nicht auf seinen buchstäblichen biblischen Sinn, Fremde zu beherbergen, beschränkt werden – so wichtig es auch ist, ihn im Blick zu haben –, vielmehr ist er als eine Grundeinstellung zu den Mitmenschen zu sehen, die in vielerlei Weise zum Ausdruck gebracht werden kann (z. B. auch im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, denn Kinder sind kein Eigentum, sondern Gaben, die man hegt und pflegt, Gäste, die sorgsame Zuwendung verlangen; oder auch zwischen Lehrern und Schülern).

Es ist offensichtlich, daß Fremde in jüngster Zeit mehr und mehr Gegenstand der Ablehnung, ja der Feindseligkeit als der Gastfreundschaft geworden sind. Mag es auch viele Beweise geben, daß wir ein Herz für die Armen, die Hungernden und Unterdrückten haben, so sind doch unsere Gefühle für den Fremden, der ein Obdach sucht, sehr gemischt. Menschen, die wir nicht kennen, die eine fremde Sprache sprechen, eine andere Hautfarbe haben, anders gekleidet sind und anders leben als wir, flößen uns gewöhnlich Furcht und Mißtrauen ein. Denn wir gehen davon aus, daß Fremde gefährlich sein können und daß sie zuerst einmal das Gegenteil beweisen müssen.

Hier ist der innerste Kern christlicher Spiritualität, sich um Fremde zu bemühen, das reiche Erbe, das in so alten Begriffen wie dem der Gastfreundschaft enthalten ist, angesprochen. Dabei geht es in erster Linie darum, sich nicht in einer von Furcht beherrschten Ablehnung und Feindseligkeit zu verschließen, sondern dem Fremden und dem anderen überhaupt „einen Freiraum zu gewähren, der ihm die Möglichkeit bietet, bei uns einzutreten und zum Freund zu werden anstatt zum Feind“ (H. Nouwen). Es ist jener Raum der Freiheit, Annahme und Geborgenheit, in dem man brüderliche und schwesterliche Gemeinschaft bilden und ohne Abstriche erleben kann. Dabei „müssen wir uns vergessen können, zurücktreten, damit der andere in seiner Einmaligkeit bei uns wirklich ankomme. Wir müssen ihn seinlassen können, ihn freigeben in seine Eigenart, die uns oft aufscheucht und zur schmerzlichen Verwandlung ruft … Denn das Geheimnis des Lebens erschließt sich nicht der Selbstgefälligkeit, sondern der schöpferischen Gegenseitigkeit“ (J. B. Metz).

LITERATUR: E. v. Severus, Fremde beherbergen (Hamburg 21947); H. Rusche, Gastfreundschaft in der Verkündigung des Neuen Testaments und ihr Verhältnis zur Mission (Münster 1958); J. B. Metz, Armut im Geiste (München 1962); R. Zerfaß, Menschliche Seelsorge (Freiburg 21985); H.J. M. Nouwen, Der dreifache Weg (Freiburg 31987).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon de Spiritualität, Freiburg 1992, 429-435.

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