Protestantische Glaubensfreude? Margot Käßmanns Entgegnung

Käßmann

In der neuen Ausgabe von Christ in der Gegenwart ist nun von Margot Käßmann eine Entgegnung auf meinen Artikel „Protestantische Selbstsäkularisierung“ abgedruckt. Darin schreibt sie unter anderem:

Wer erklärt, dem Protestantismus sei der „Lehrkonsens im eigenen Pluralismus weitgehend abhandengekommen“, versteht den Ausgangspunkt der Reformatoren nicht – oder will ihn nicht wahrhaben. In Glaubens- und Gewissensfragen ist jeder Mensch frei. Das ist eine, vielleicht die entscheidende Erkenntnis der Reformation. Niemand, kein Dogma, keine kirchliche Instanz, keine Inquisition und auch keine Glaubenskongregation kann das Einzelgewissen zwingen. Das ist die Haltung von Luther in Worms 1521, die Menschen in aller Welt überzeugt hat. Das hat nun gerade nicht Libertinismus zur Folge, der meint, jeder könne glauben, was er wolle. Voraussetzung für eine Position ist das eigene Ringen, und zwar mit Bibel und Vernunft.“

Da scheinen die reformationsgeschichtlichen Kenntnisse der EKD-Reformationsbotschafterin doch noch etwas ausbaufähig zu sein. Denn Luthers Einspruch auf dem Reichstag in Worms ist eben nicht in der eigenen Gewissensfreiheit, sondern in der Gebundenheit des eigenen Gewissens an das Wort Gottes begründet. So lauten Luthers entscheidende Worte vom 18. April 1521:

Da Eure Majestät und Eure Herrlichkeiten eine schlichte Antwort von mir heischen, so will ich eine solche ohne alle Hörner und Zähne geben: Wenn ich nicht durch Beweise aus der Schrift oder klare Vernunftsgründe überzeugt werde – denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es am Tage ist, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben – so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Wort Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir. Amen!“ (WA 7,838,1ff)

Gefangen im Wort Gottes bzw. überwunden im eigenen Gewissen durch die Heilige Schrift bringt Martin Luther sein eigenes Gewissen zur Sprache und verweigert sich dem Widerruf. Luther widerspricht also dem, was Margot Käßmann als entscheidende Erkenntnis der Reformation ansieht. Folgerichtig heißt es auch in einer Predigt Luthers aus dem Jahr 1528:

Du must nicht conscientiae tuae und fulen plus credere quam verbo quod de domino praedicatur, qui suscipicit peccatores […] quando ita potes pugnare cum conscientia, ut dicas: du leugst, Christus hat war, non tu (Du musst nicht deinem Gewissen und Gefühl mehr glauben als dem Wort, das vom Herrn verkündigt wird, der die Sünder zu sich nimmt … weil du so mit dem Gewissen kämpfen kannst, dass du sagst: Du lügst, Christus hat recht, nicht du).“ (WA 27,223,8-12)

Nicht individuelle Gewissensfreiheit sondern gottwörtliche Gewissensgebundenheit macht Luthers Standfestigkeit aus. Was Frau Käßmann vertritt ist Karl Holls „Gewissensreligion“, die dieser 1917 Martin Luther untergeschoben hatte (vgl. K. Holl, Was verstand Luther unter Religion?, in Ders., Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte 1: Luther, 6. A., Tübingen 1932, 1-110). Hierzu ist Frau Käßmanns Predigt zum Reformationstag 2011 unter dem Titel Zur Freiheit befreit aufschlussreich.

Spätbürgerlicher Individualismus bzw. Pluralismus in Sachen Religion haben mit dem Anliegen der Reformation nichts gemein, heißt es doch eingangs des ersten Artikels des Augsburger Bekenntnisses „Ecclesiae magno consensu apud nos docent“ bzw. „Erstlich wird einträchtig gelehrt und gehalten“.

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