Von der Toleranz des „Christus-Fundamentalismus“

Bibel

Gegenüber publizistischen Rasterfahndungen in Sachen „Fundamentalismus“ gibt es auf Dauer kein Entkommen: Wer wie ich die Bibel auf ein irrtumsloses Wort Gottes hin liest, auf die Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag hofft und glaubt, dass außerhalb der Kirche Jesu Christi kein göttliches Heil zugesagt werden kann, wird in der Öffentlichkeit schnell als Fundamentalist gebrandmarkt. Ungewollt landet man in einer Rappelkiste zusammen mit vollbärtigen Kurtaträgern und glattrasierten TV-Predigern. Man mag mir ja vielleicht eine gewisse Menschenfreundlichkeit zu Gute halten, aber mit dem Bekenntnis zur Mission im Namen Jesu habe ich jeglichen zivilreligiösen Kredit verspielt. Da darf dann Altaufklärer Rousseau persönlich meine Exkommunikation aussprechen: „Wer sich zu sagen erdreistet: außer der Kirche gibt es kein Heil, der muss aus dem Staat verweisen werden.“ (Vom Gesellschaftsvertrag)

Geht man dem Medienphänomen „Fundamentalismus“ auf den historischen Grund, tut sich eine andere Perspektive auf. Ursprünglich lässt sich der christliche Fundamentalismus an fünf „fundamentals“ festmachen – Irrtumslosigkeit der Bibel, Jungfrauengeburt, stellvertretendes Sühnopfer, leibliche Auferstehung und Wiederkunft Christi, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schriftenreihe The Fundamentals ihre publizistische Wirkung in den USA entfaltet haben. Den Herausgebern ging es vor allem um die Abwehr des deutschen Exportartikels „liberale Theologie“. Dazu wurde die orthodoxe Lehre von Jesus Christus herausgestellt, entsprechend den Worten des Apostels Paulus: „Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, welches gelegt ist: Jesus Christus.“ (1. Korinther 3,11)

Wer sich auf diesen „Christus-Fundamentalismus“ wirklich einlässt, wird (ungewollt) tolerant. Schließlich geht es bei Toleranz dem Wortsinne nach um ein Ertragen: Was ich weder anzunehmen noch zu ignorieren weiß, muss ich tolerieren. Die eigene Toleranz gilt dem Fremdbleibenden, das mir selbst widerstrebt und das ich nicht zu ändern weiß. Der Toleranzbegriff enthält immer auch eine „Ablehnungs-Komponente“ (Rainer Forst); ansonsten macht Toleranz keinen Sinn. Wem es hingegen egal ist, wie andere Menschen für sich leben – wer sich also von deren Lebensgeschick abzugrenzen weiß, ist nicht etwa tolerant, sondern indifferent. Einfach die Jalousien runterlassen steht mitunter für Gleichgültigkeit, auch wenn dies in der öffentlichen Diskussion häufig als lobenswerte Toleranz ausgegeben wird.

Da ein „Christus-Fundamentalismus“ in seiner Bindung an die Bibel dezidierte Überzeugungen aufweist, ist seine Toleranzanforderung ungleich höher als bei einem religiösen Liberalismus. Man muss schließlich ertragen, dass die meisten Menschen ganz andere Ansichten vom richtigen Leben haben. Wie solche Minderheitstoleranz aushaltbar ist, zeigt sich im Buch der Psalmen. Dort spricht sich die angefochtene Seele wortgewaltig aus: „Hilf, HERR! Die Heiligen haben abgenommen, und gläubig sind wenige unter den Menschenkindern.“ (Psalm 12,2) Bei aller selbstgerechten Klage muss der Beter die Situation ohnmächtig tolerieren. Allein im göttlichen Handeln darf er Abhilfe erhoffen.

Da mögen sich im apokalyptischen Kopfkino des Johannes auf Patmos Weltuntergangszenarien abspielen, deren Schrecken weder Pixar noch 3D-Brille auf unsere Retina kriegen. Und doch ist es allein der Sieg des Lammes, der schlussendlich das himmlische Jerusalem und damit die „Hütte des Gottes bei den Menschen“ (Offenbarung 21,3) herbeiführt. „Christus-Fundamentalismus“ kann deswegen tolerant sein, weil das eigene Vertrauen im endgültigen Handeln des Gottes gefunden ist.

Lamm

Selbst dort, wo man sich einer Kreuzzugsrhetorik bedient, bleibt Mission ein gewaltfreies Unternehmen. Nach einer enthusiastischen Massenversammlung geht jeder unbeschädigt nach Hause. Unter der Prämisse persönlicher Bekehrung ist es dem „Christus-Fundamentalismus“ nicht möglich, die eigene Lehre anderen gegenüber physisch oder psychisch durchzusetzen. Der (un)heilige Krieg auf irdischen Schlachtfeldern findet nicht statt, auch wenn manche Charismatiker und Pfingstler von „geistlicher Kriegsführung“ reden. Aber wer Satan und seine Engel als Gegner – die freilich mit ihrer Macht (fast) am Ende sind – identifiziert hat, wird diese vernünftigerweise weder mit Sprengstoff noch mit halbautomatischen Schusswaffen bekämpfen. Er muss stattdessen den Beistand des Heiligen Geistes erbitten.

Bei aller Leidenschaft in Sachen Mission haben Christen, die im Dienst des Evangeliums in außereuropäischen Ländern ermordet worden sind, mit islamistischen Dschihadisten und Selbstmordattentätern nichts gemein. Ihr Martyrium („Zeugnis“) ist kein Selbstopfer für ein religiös-politisches Ziel, das das Leben anderer kostet. Mit ihrem unfreiwillig erlittenen Tod bezeugen sie vielmehr, dass der Sieg Christi über Sünde und Tod dem eigenen Leben auch im Todesfalle nicht zu nehmen ist. Damit wird die vermeintliche Menschenmacht über Leben und Tod bloßgestellt.

Wo Fundamental-Christen missionarisch tätig sind, können sie keine Menschen bekehren. Das lässt die Bibel ja auch gar nicht zu, wird doch dort das Verb „bekehren“ ausschließlich reflexiv gebraucht – sich bekehren. Nur in der je eigenen Annahme der christlichen Botschaft bekehrt man sich zu Jesus Christus. Das Missverständnis einer operativen Heidenbekehrung entstammt der missionswidrigen „Christianisierung“ Europas, wo Menschen in Gefolgschaft ihres Stammesfürsten scheinbar passiv „bekehrt“ worden sind. Gerade der „Christus-Fundamentalismus“ lehnt eine solche kollektivverschristlichte „Volkskirche“ ab.

Wer behauptet, Fundamental-Christen würden sich in exklusiver Weise ewiges Heil und die alleinige Wahrheit anmaßen, verwechselt die christliche Lehre mit einer Weltanschauung. Das Heil und die Wahrheit, um die es Fundamental-Christen geht, ist keine Ideologie, sondern eine Lebensgemeinschaft mit Christus – also kein neutrales Heilsgut. Die zugemutete Christusbeziehung gilt weder in einem allreligiösen Himmel noch in einem Rentnerparadies. Von daher können Nichtchristen in Sachen christlichem Lebensheil gar nicht mitreden.

jesus rettet

Schließlich müssen sich Fundamental-Christen immer wieder eingestehen, dass sie selbst nicht Recht haben. Dazu steht ihnen das Kreuz Christi permanent im Weg. An Stelle vermeintlicher Selbstgerechtigkeit bleiben sie lebenslang auf die Zusage eigener Sündenvergebung aus dem Sühnetod Jesu angewiesen. Da sich die Rechtfertigung des Sünders um Christi willen allein aus Glauben nicht besitzen lässt, gelten für Fundamental-Christen die letzten handschriftlichen Worte Martin Luthers: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“

Was hier als Eigenlogik eines bibeltreuen „Christus-Fundamentalismus“ vorgestellt wird, bleibt für Außenstehende wohl kaum nachvollziehbar. Man muss das nicht verstehen, darf sich darüber lustig machen oder es für Unsinn halten, so wie dies ja bezüglich Homöopathie oder Gartenbuddhas auch möglich ist. Aber nein: Während man Zeugen Jehovas an der eigenen Wohnungstüre freundlich rausredet und auf der Straße Jungmormonen zu ignorieren weiß, muss bei evangelistischen Veranstaltungen wie ProChrist gleich die gesellschaftliche Alarmanlage ausgelöst werden.

Warum gibt es so wenig Gelassenheit gegenüber vermeintlichen Moralaposteln, die ihre Standards gesamtgesellschaftlich nicht geltend machen können und daher eine gemeinschaftliche Sondermoral propagieren. Und warum sollten Menschen gemeingefährlich sein, die einem eine exklusive Rettungsbotschaft begeistert oder manchmal eher verbiestert antragen. Das Zeugnis für das Evangelium Jesu Christi mag eine Zumutung sein; aber deswegen ist man noch lange nicht zudringlich. Da gibt es doch so viele Möglichkeiten, die Kommunikation einseitig zu beenden: Beim Fernsehen zappt man weiter, Traktätchen finden ihren Platz im Papierkorb, am Stand in der Fußgängerzone läuft man einfach vorbei, und Gottesdienste einer Freikirche kommen einem eh᾿ nicht ins Haus.

Möglicherweise sind die vehementen Abwehrreflexe gegenüber jedem missionarischen Christuszeugnis, die sich ja in dem scheinbar so eingängigen Generalverdikt „Fundamentalismus“ aussprechen, das Zeichen eigener Verunsicherung. Christliche Mission kratzt am bürgerlichen Religionismus, dem zufolge Religion allgemeingültig und damit per se entscheidungsfrei zu haben ist. Oder aber der eigene Agnostizismus vermag auf Dauer doch nicht selbst zur Ruhe zu kommen und spricht daher seine eigene Intoleranz aus: „Da ich selbst niemanden bekennen kann, an den ich mich mit meinem eigenen Leben zu halten vermag, hast Du gefälligst auch zu schweigen.“

Hier der Text als pdf.

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