Gerhard Sauter – Schrittfolgen der Hoffnung

Schrittfolgen der Hoffnung

Ein besonderes Geschenk hat Gerhard Sauter mit seinen „Schrittfolgen der Hoffnung. Theologie des Kirchenjahres“ der evangelischen Kirche gemacht. Dass ein international ausgewiesener Dogmatiker sich in seinem Alterswerk ausgerechnet des Kirchenjahres annimmt, mag überraschen, hat aber seinen guten Grund: Im Zeitraum des Kirchenjahres vermag Sauter sein eigenes theologisches Lebenswerk angemessen zu verorten. So vergleicht er das Kirchenjahr mit einem Bauwerk und führt bildreich aus:

„Die Statik des Kirchenjahres weist aufwärts, und sie will einen lichten Raum bilden, in den der Glanz des Lebens Christi einfällt, auch wenn draußen dunkle Wolken vorüberziehen. Das Leben Christi: das Herzstück der Geschichte Gottes mit den Menschen, sein Handeln an, in und mit Jesus Christus für alle Welt, erinnert und erwartet kraft des Heiligen Geistes. Weil das Kirchenjahr ein verlässlicher Zeitraum für die Begegnung dieses Handelns ist, bleibt es ein lebendiges Gebilde, das sich der unerschöpflichen Treue Gottes verdankt.“

In neun Kapiteln geht Sauter durch den Festkreis des Kirchenjahres, führt liturgiegeschichtlich ein, nimmt sich kritisch der gegenwärtigen Festgepflogenheiten an und kommt in seinen Meditationen zu den jeweiligen Predigttexten auf die Christusverheißung zu sprechen. So kann er beispielsweise zu 1Johannes 3,1-6, der Epistel für den ersten Tag des Christfestes ausführen:

„Gott hat uns als seine Kinder erkannt und anerkannt (vgl. Gal 4,4-7), er sieht zugleich, wer wir sind, wie wir sind und was wir aus uns gemacht haben. Er sieht vor allem, was wir von ihm her sind, in und mit all unseren Entwicklungen, Rückfällen, Umbrüchen, Abbrüchen, Neuanfängen und Verstiegenheiten. Wie dies alles verwoben ist mit dem, was Gott uns zudachte und was er zu tun sich vorbehalten hat – das verborgene Leben mit Christus in Gott (Kol 3,3) -, steht noch aus und ist noch nicht herausgekommen für unser Wahrnehmungsvermögen, es ist uns nicht aufgegangen. Dies wird jedoch geschehen, wenn wir Gott schauen, d. h. wenn wir an dem Leben des Vaters und der Gerechtigkeit in dem Vater teilhaben.“

Eine feinsinnige, kunstvolle Sprache entfaltet die Wirklichkeit des Evangeliums. Was Gerhard Sauter der biblischen Botschaft zutraut, lässt sich mit einer (vermeintlich) historisch-kritischen Exegese nicht halten. So sind seine biblischen Meditationen durch und durch theologische Lehre, ohne damit belehrend zu sein. Biblisch geführte Orthodoxie eröffnet dem christlichen Glauben eine freimütige Hoffnung, die manche protestantische Plastiksprache nicht herzugeben weiß.

Wer in Vorbereitung auf den eigenen Predigtdienst die „Schrittfolgen der Hoffnung“ zu Rate zieht, wird auf jeder Seite ansprechende und verweisungsreiche Entdeckungen machen. So lässt sich Sauters Theologie des Kirchenjahres eben nicht repetitionsgerecht verschlagworten. Aber vielleicht ist das ja das größte Kompliment, das einem theologischen Lehrmeister im Reich Gottes gemacht werden kann – nicht eigensinnig originell zu sein, sondern beharrlich den biblischen Sprachraum erkundet und in unverhoffter Weise immer wieder neu die Hoffnung des Evangeliums zugesagt zu haben.

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