Gottes Wort geht unter die Haut – Predigt zu Hebräer 4,12f

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Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Worte können verletzen, egal ob unbedacht dahergesagt oder mit voller Absicht ausgesprochen – Worte, die unter die Haut gehen und verletzen, noch schlimmer sich in unser Leben dauerhaft einbrennen – Fremdkörper in meinem eigenen Leben, Lebenswunden, die nicht verheilen wollen.

Nur wenige haben ein so dickes Fell, dass ihnen scheinbar nichts unter die Haut geht – als würde man gegen eine undurchdringliche Wand reden. Manche haben sich der Gemeinschaft so weit entzogen, dass ihnen egal zu sein scheint, was andere über sie sagen. Kein Wort kommt ihnen mehr nahe – mitunter eine erschreckende Gleichgültigkeit.

Wir möchten akzeptiert, respektiert, bestätigt, gar geliebt werden, so wie wir nun einmal sind, in jedem Falle aber seelisch unversehrt bleiben. Schneidende Kritik anzunehmen ist nicht einfach. Wo die Worte anderer uns zu kritisieren suchen, gehen wir in die verbale Verteidigungsstellung, rechtfertigen uns selbst, damit Worte nicht in uns eindringen. Wäre es nicht am besten, wenn kritische Worte gar nicht erst ausgesprochen werden, wenn Kritik an uns selbst mundtot gemacht werden könnte?

Im Hebräerbrief wird es nun richtig kritisch, wenn das lebendige Gotteswort uns direkt angeht – eine messerscharfe Kritik, die nicht nur unter die Haut geht, sondern gar durch Mark und Bein dringt. So heißt es:

Lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt hindurch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Bein und urteilt über Regungen und Gedanken des Herzens. Und kein Geschöpf ist verborgen vor ihm, sondern alles ist nackt und bloss vor den Augen dessen, dem wir Red und Antwort zu stehen haben. (Hebr 4,12f Zürcher)

Wir ahnen es: Göttliche Worte lassen sich nicht umgehen. Niemand kann sich ihrer verschließen. Aber wir wünschen uns in erster Linie gutgemeinte, wohltuende Worte, die aufbauend, zusprechend, oder berührend sind. Wörtliche Bestätigungen unseres Lebens lassen wir uns gerne gefallen.

Aber hier verheißt das göttliche Wort etwas anderes. Es umschmeichelt nicht federweich unser Leben, sondern zeigt sich beinhart, schneidet ins Fleisch. Und vor diesem Wort gibt es für uns kein Zurückhalten, auch kein Verstecken, so wie es ja auch schon der Psalmist ausgesprochen hat:

HERR, du erforschest mich
und kennest mich.
2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne.
3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
(Psalm 139)

Vor dem lebendigen Gott sind wir mit unserem eigenen Leben bloßgestellt. Da gibt es keine geschützte Privatsphäre, auch kein Entkommen oder Verstecken. Da wird selbst unsere vergangenste Vergangenheit, der letzte dunkle Winkel unserer Seele seziert, aufgefaltet und entblößt: Was wir schon längst vergessen haben, kommt ans Tageslicht – die ganze Anatomie unseres Lebens.

Skalpelle

Nein, bitte nicht. Nicht dieses Wort an unser Leben heranlassen; besser wegdrücken, weghören, wegschieben, stumpf feilen, dass es nicht mehr schneidet, allenfalls noch eindrückt, aber nicht länger eindringt.

Wo göttliches Wort nur drückt und bedrückt, kommt der dreieinige Gott nicht wirklich in unserem Leben an. Sein Wort will in unser Lebensinnere eintreten und uns sagen, wer wir wirklich sind: „Du bist … ein Gottfremder. Mit deinen Gedanken und Plänen bist du irgendwo, nicht einmal bei Dir selbst. Du bist ein Sünder, der das Leben nicht in selbst finden kann.“

Da sagt uns einer, wer wir wirklich sind. Und es fällt uns so schwer, sein Wort für uns anzunehmen. Schließlich haben wir unser eigenes Selbstverständnis, das wir gelten lassen möchten. Wider dem göttlichen „Du bist“ möchten wir uns mit unserem eigenen tadellosen „Ich bin“ behaupten. „Ich weiß doch selbst, wer ich bin, sagen wir uns, „Ich kenne mich doch selbst am besten.“

Aber wer sind wir schon, dass wir uns dauerhaft vor dem göttlichen Wort schützen können. Ungefragt schneidet es sich in unser Leben ein. Ganz tief in unserem Innersten sagt es uns, wer wir wirklich sind: „Du bist ein Sünder, der das Leben nicht in selbst finden kann.“

Was da in und mit uns geschieht lässt sich mit einem chirurgischen Eingriff vergleichen. Der schmerzhafte Eingriff in den menschlichen Körper dient dem Leben. So dringt das Wort des dreieinigen Gottes in uns ein, um schlussendlich zu heilen. Genau da, wo alles in meinem Leben offengelegt ist, werde ich empfänglich für das Evangelium, wo Jesus Christus zu mir spricht: „Ich bin Dein Rettungsanker, ich für Dich, ich lasse dich nicht verlorengehen.“

Ganz in unserem Innersten können wir das göttliche Wort empfangen; dort wird es uns zur Herzensangelegenheit. So hat dies Jesus in seinem Gleichnis vom Sämann ausgelegt: In der Oberflächlichkeit des Lebens kann es keine Frucht geben. Allein der durchgepflügte Acker mit den tiefen Furchen trägt die Frucht: „Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.“ (Lukas 8,15)

Ackerfurche

Gottes Zusage wirkt nicht oberflächlich. Sie kann nicht unser Lebens in seiner illusorischen Unendlichkeit bestätigen. Eindringlich redet das göttliche Machtwort der Barmherzigkeit uns an und öffnet uns für das Heil. Wir werden bereit, Jesus Christus in unser eigenes Leben einzuladen, wie wir dies in der fünften Strophe des Adventslied „Macht hoch die Tür“ besingen:

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Da hat sich Jesus mit unserem Leben verbündet. Das Urteil über uns ist gesprochen, und es bedeutet keine Vernichtung. Alles ist bloßgestellt und aufgedeckt vor dem dreieinigen Gottes, und doch dürfen wir leben. Göttliche Chirurgie greift in unser Leben ein, aber sie hinterlässt keine klaffende Wunde, und schon gar nicht einen brennenden Schmerz. Unser Gewissen wortgeprüft mag seine Narben haben. Aber jede Narbe wird uns zum Zeichen, dass „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,39)

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Wer vom göttlichen Wort auf Herz und Nieren geprüft ist und im Glauben standhalten kann, gewinnt eine Zuversicht für das eigene Leben. So werden wir befähigt, verletzende und scharfe Worte anderer Menschen aushalten zu können. Was auch immer uns an Menschenworten unter die Haut geht, Christus selbst ist viel tiefer in unser eigenes Leben eingedrungen und hat selbst unsere Sünde auf sich genommen. Gehässige oder fahrlässige Worte anderer mögen immer wieder neu verletzen, aber sie werden uns nicht unterkriegen. Gottes Wort wird zum Schutzwort für die eigene Seele.

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