„Der Heiland hat in Seiner grenzenlosen Gnade mich von allem Grauen frei gemacht“ – Abschiedsbrief Alexis von Roenne vor seiner Hinrichtung am 12. Oktober 1944

Alexis Freiherr von Roenne

Alexis von Roenne am 5. Oktober  1944 vor dem Volksgerichtshof

 

Alexis Freiherr von Roenne (1903-1944) hatte sich aufgrund christlicher Gewissensbedenken nicht selbst am Attentat auf Hitler beteiligt, war jedoch freundschaftlich mit den Männer des 20. Juli 1944 verbunden und hatte damit Kenntnis über die Umsturzpläne. Er wurde unmittelbar nach dem 20. Juli festgenommen, dann zunächst wieder freigelassen. Zwei Wochen später wurde von Roenne erneut verhaftet. In seinen Vernehmungen durch die Gestapo gab er an, dass insbesondere die Rassenpolitik des NS-Staates mit seinen christlichen Wertvorstellungen unvereinbar sei. Er wurde am 5. Oktober 1944 vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und am 12. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee erhängt. Sein Abschiedsbrief an die Mutter in der Nacht vor der Hinrichtung ist ein eindrückliches Zeugnis für die Vorbereitung eines Christen auf das eigene Sterben:

Berlin, 11. Oktober 1944 abends

Meine einzig geliebte Mama!

Heute kam mir aus einem besonderen Anlass der Gedanke, Dir noch einmal zu schreiben, obgleich ein kurzer Brief an Dich schon meinen vorigen Abschiedsbriefen beiliegt. Ich weiß, dass Dich trotz Deiner großen Sehnsucht und Freude, zum Heiland zu gehen, mitunter die Todesfurcht einfach vor dem körperlichen Todesvorgang quälte. Und da wollte ich Dir so gerne sagen, dass unser Herr auch die ganz fortwischen kann, wenn wir Ihn darum bitten. Ängstige Dich also gar nicht, schon Papa sagte mir, dass unser Großpapa sterbend ein linderndes Mittel von sich wies mit den Worten: »Es muss alles ausgehalten werden!« So souverän stand er über dem Sterben, ganz herrlich!

Ich selbst nun erwarte seit einer Woche von Tag zu Tag den Tod, jetzt z.B. für morgen, und der Heiland hat in Seiner grenzenlosen Gnade mich von allem Grauen frei gemacht. Ich bete und denke tagsüber ganz ruhig und fast ausschließlich an Ihn und dabei natürlich an meine Liebsten, esse mit Appetit, freue mich am Sonnenschein und habe mich nur insofern ganz aus der Welt zu lösen versucht, als ich nicht mehr lese und mich auch möglichst von allen militärischen und politischen Gedanken fern und nur für den Heiland verfügbar halte. Ich gehe früh und betend zu Bett, schlafe ganz ruhig und fest die ganze Nacht wie ein Kind und wende mich erwachend gleich Ihm zu und bin dabei innerlich völlig frei und dazu, abgesehen von meinen Gedanken an meine kleine Schar [Anmerkung: seine Frau Ursula und zwei kleine Kinder], ein vollkommen glücklicher Mensch, ein Vorgang, der hier schon oft auffiel und durch Hinweise auf Ihn erklärt wurde.

Ich hatte mir erst selbst Gedankengänge überlegt, die mir Kraft und Freudigkeit zum Sterben geben sollten. Da zeigte Er mir plötzlich zwei Mittel: Vor allem soll ich mir in aller Realität mein Sterben vergegenwärtigen und mit Seinem vergleichen. Das hat mir unendlich geholfen. Dort der Sündlose, freiwillig viele Stunden zum Tode gemartert, hier demgegenüber ein Augenblicksgeschehen eines Vorganges, der mir sowieso einmal und vielleicht viel qualvoller, nach langer Krankheit, bevorstehen muss. Den Hinweis hierzu erhielt ich durch die beiden schönen Verse: »Wenn ich einmal soll scheiden …« und besonders aus dem Vers: »Und lass mich seh’n dein Bilde in deiner Kreuzesnot.« Da schämte ich mich aller Hemmungen und wurde furchtlos. – Und dann verwies er mich noch darauf, dass ja jeder Todesaugenblick zugleich der erste in Seiner seligen Ruhe, im Gottesfrieden, ist.

Diese Gedanken festhaltend, sehe ich seit Tagen stündlich der Abfahrt zu raschem Heimgang völlig ruhig und frei, mit ganz stillen Gedanken und Puls, entgegen und habe volle Zuversicht, dass das kurze letzte Geschehen ebenso von seiner unbeschreiblichen Gnade durchleuchtet sein wird. Ich schreibe es Dir so genau, meine geliebte Mama, weil ich Dir damit vielleicht in Seinem Auftrag eine kleine Hilfe geben kann.

Für mich besteht schon seit Anbeginn dieser letzten, ausschließlichen Gnadenzeit [Anmerkung: zweieinhalb Monate von der Verhaftung bis zur Hinrichtung] kein Zweifel daran, dass ich all diese unverdiente Barmherzigkeit zu einem großen Teil Deiner jahrzehntelangen Fürbitte verdanke. Ich kann Dir mit Worten gar nicht genug danken. Ich halte diese Deine Fürbitte für das weitaus Größte Deiner unendlichen Liebe zu mir, und wir werden in der Ewigkeit noch davon sprechen. Ich bitte Dich aber von ganzem Herzen, dass Du für den Rest Deiner Erdenzeit nun diese Fürbitte auf Ursel und meine zwei Kleinen überträgst. Ach, tu es doch bitte mit der gleichen Treue und Liebe! Es ist ein unvorstellbarer Schatz, den Du damit meiner kleinen Schar schenkst, die ihn so bitter nötig hat. Ich weiß genau, dass Du meine Bitte erfüllen wirst.

Ich habe natürlich auch unablässig die Meinen im Gebet vor Ihn gebracht, an manchen bereits erkannten Erhörungen. Sein Wirken erkannt und bin von Ihm mit der Zuversicht erfüllt worden, dass, wer auf diesen Felsen sein Vertrauen setzt, nie zuschanden werden wird. Ich habe Ihn dabei nie um langes Erdenleben, sondern nur um Kraft und um Bewahrung vor Grauen, Not und Lieblosigkeit gebeten und um einen seligen Heimgang.

Der Tod jetzt bedeutet mir gar nichts, aber wie gern wäre ich mit der kleinen Schar hingegangen, die ich nun nicht hüten und schützen kann. Doch bei solchen irdischen Gedanken erinnert mich der Herr daran, dass ich ihr nach menschlichem Ermessen in schweren Zeiten ohnehin nicht zur Seite gewesen wäre, und dass vor allem Er ein weit besserer Schutz ist. Wie herrlich ist mir auch das Bewusstsein, so liebe Geschwister zu besitzen, die ihr gewiss, so sie nur können, wie ein Block zur Seite stehen. Aber sie selbst erleben auch schon viel Schweres, und es will mir scheinen, dass als erstes das liebe, vertraute Lappienen nun schon im Kampfgebiet liegt: Auch Hermanns Wirkungskreis ist sicher nicht einfach zu steuern. Und wie mag es dem lieben Ebo ergehen, bei dem ich so oft im Gebet bin? Diese nachrichtenmässige Trennung von Euch allen war mir wohl oft schwer, aber zugleich wuchs das Bewußtsein engster Verbundenheit vor Gottes Thron und vor allem der Bedeutungslosigkeit der Erdenzeit. Immer größer wurde die Freude auf die dortige Trennungslosigkeit. Wie unbeschreiblich herrlich wird es sein, und wie glücklich wäre ich erst, wüsste ich meine Liebsten und Euch alle nur schon im Gottesfrieden, leidentrückt!

Ich grüße Euch alle, die Ihr etwa jetzt in Rönkendorf seid, von ganzem Herzen und befehle Euch in Gottes Hand und Segen! Er führe Euch gnädig auf lindem Pfaden in Sein Reich wie mich, der ich dem Schächer gleich dorthin gelange! Ich weiß, dass Ihr nie von meinem Liebsten lassen und besonders seines so unendlich weichen, liebebedürftigen Herzens gedenken werdet, das Euch alle so lieb hat. Dafür und für all die unendliche Liebe von fast 42 Jahren danke ich Euch und vor allem Dir, meine unbeschreiblich geliebte Mama, aus tiefstem Herzen!

Reichere und innigere Liebe von seiner Mutter hat nie ein Kind empfangen als

Dein Alecci

 

Von Roenne

 

Seiner Frau Ursula schrieb er unmittelbar vor der Hinrichtung:

Berlin-Plötzensee, 12. Oktober 1944

Mein Allerliebstes!

Gleich gehe ich nun heim zu unserem Herrn in voller Ruhe und Heilsgewissheit. Meine Gedanken sind in allergrößter Liebe und voll Dank bei Dir, bei Euch. Ich bitte Dich als letztes: Klammere Dich nur an Ihn und habe in Ihm volle Zuversicht: Er liebt Dich. Jeder Entschluss, den Du nach Gebet im Leben für Euch fasst, hat meine volle Billigung und meinen Segen. Wenn Du wüsstest, wie unvorstellbar treu Er mir im Augenblick zur Seite steht, wärst auch Du für Dein ganzes schweres Leben gewappnet und ruhig. Er wird Dir Kraft zu allem geben. Ich segne die beiden geliebten Kleinen und schließe in mein letztes Gebet innig ein: Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über ihnen und führe sie heim.

Innige Grüße und Dank meiner geliebten Mama, den Eltern und Geschwistern. Mögen sie, von Ihm behütet, im heiß geliebten Vaterland auch schwere Zeiten überdauern.

Dir, mein Allerliebstes, gehört meine heiße Liebe und Dank bis zum letzten Augenblick und seligen Wiedersehn.

Gott behüte Dich.

Quelle: Helmut Gollwitzer/Käthe Kuhn/Reinhold Schneider (Hrsg.), Du hast mich heimgesucht bei Nacht: Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 – 1945. Chr. Kaiser Verlag, 3. erw. A., München 1955, Seiten 466-469; 471f.

In seinem Text „Gott ist die Liebe“ beschreibt von Roenne seine Glaubenserfahrungen im Gefängnis.

 

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