Das unsägliche „stille Gebet“

Stillgebet

Schon einmal etwas von einem stillen Gebet gehört? Ich auch nicht, geschieht es doch eben ganz heimlich, still und leise. Wer mit Christen in Myanmar, den Chins beispielsweise, oder den Nagas im nordostindischen Indien gemeinsam in einem Raum betet, bekommt einiges zu hören, schließlich ruft jeder den Namen des HERRN an und bringt seine eigenen Bitten lautstark vor. Beten in Asien ist vielerorts ein Konzert von unüberhörbaren Bitten und Preisungen. Religionskultivierte Menschen in Deutschland tun so etwas nicht, stören doch andere Stimmen die eigene, gottinnige Privatandacht. Von daher ist im sonntäglichen Gottesdienst allenfalls ein gemeinsames stilles Gebet angesagt damit dem Gott die eigenen Anliegen zugedacht werden können.

Es wäre eine Untersuchung wert, wann und wie solch ein stilles Gläubigengebet in Europa seinen Eingang in die Liturgie gefunden hat. Biblisch ist es jedenfalls nicht, wenn dort heißt, dass der Name des HERRN anzurufen ist und dass der HERR „der Gerechten Gebet erhört“ (Spr 15,29). Selbst dort, wo Hanna lautlos „in ihrem Herzen“ betet, bewegen sich ihre Lippen (1Sam 1,13). Von einem göttlichen Gedankenlesen ist in der Bibel nicht die Rede. Und mal ganz ehrlich, wer unter uns kann es leiden, wenn eine uns nahestehende Person nicht auspricht, was Sache ist, sondern schlichtweg erwartet, wir hätten ihre Gedanken gefälligst (richtig) zu lesen. Nichts anderes wird von IHM erwartet, wenn wir uns unser stilles Gebet denken.

Während Ambrosius von Mailand die geschlossene Tür in Jesu Gebetsparänese aus der Bergpredigt (Mt 6,6) als gebetsverschlossene Lippen interpretiert (De sacramentis 6,13-16), gilt Augustinus das „Stillgebet“ nur als Notbehelf. So beschreibt er in De civitate Dei  einen lautstarken Gebetskampf am Bett des tumorkranken Innocentius mit eindrücklichen Worten:

„Dann wandten wir uns zum Ge­bet (oratio), wobei wir wie üblich die Knie beugten und uns zur Erde neigten. Jener [der Kranke] aber warf sich dermaßen nieder, als hätte ihn je­mand mit Gewalt zu Boden geschlagen, und begann ebenfalls zu beten (orare). Aber wie, mit welcher Inbrunst, welcher Gemütsbe­wegung, welchen Tränenströmen, welchem Seufzen und Schluchzen, das all seine Glieder erschütterte und ihm fast den Atem benahm — wer kann’s beschreiben? Ob die anderen noch beteten oder durch diesen Anblick vom Gebet abgelenkt wur­den, wußte ich nicht. Ich jedenfalls konnte nicht mehr beten und sprach in meinem Herzen kurz nur so viel: «Herr, welche Bitten der Deinen erhörst du, wenn du diese nicht erhörst?» Denn eine Steigerung, so schien mir, war nicht mehr möglich, es sei denn, er hätte im Gebet seine Seele ausgehaucht.“ (Aug.civ. 22,8,3)

Gebetsrevival bei den Enga im Hochland von Papua (1973)

Gebetsrevival bei den Enga im Hochland von Papua (1973)

Bitten und Beten ist Sprechen (orare) und nicht Denken (cogitare). Folgerichtig wird in der christlichen Tradition zwischen Gebet (oratio bzw. preces) als hörbarer Rede und meditatio bzw. contemplatio unterschieden. Das stille Gebet ist ein Gegensatz in sich selbst (contradictio in adiecto). Dass solch frommes Wunschdenken dennoch mit Beten verwechselt wird, hat mit dem Religionismus und dem Verlust der biblischen NAMENSlehre zu tun. Wenn Faust die Gretchenfrage nach der Religion bzw. dem Glauben an Gott mit dem bekannten „Name ist Schall und Rauch“ begegnet, dann sind wir in den neuplatonischen Gefilden, wo schallflüchtige Namen nur als arbiträre, austauschbare Bezeichnungen für Unsichtbar-Wesentliches gelten. Was letztendlich zählt, ist die kontemplative Wesenschau bzw. das nichtdiskursive, namenlose Gottdenken, das die Einung mit dem unendlich Einen sucht. Solch apophatische Wesenstheologie, die die Macht des NAMENS denkerisch entäußert, spiegelt sich folgerichtig im stillen Gebet wieder: Die in der innerlichen Einung des religiösen Subjektes gedachte Gottesidee kann sich selbst ihren Teil denken. Eine Gottesidee kann per definitionem nichts zu hören kriegen.

Selbstgespräch

NAMENSlehre und Wesenstheologie sind kategorial verschieden. Das Wesen ist eigenschaftlich gedacht, während der NAMEN leidenschaftlich anzusprechen und auszurufen ist. Der NAMEN basiert eben nicht auf allgemeinen Eigenschaften, sondern trägt SEINE ganz besonderen Taten aus der Vergangenheit und SEINE ganz besonderen Verheißungen für die Zukunft. Wo in einem neuplatonisch grundierten Religionismus der NAME verschwiegen wird, macht sich hoffnungsloses Gottdenken breit. Die publizistisch beschworene Renaissance der Religion ist letztlich nichts anderes als eine neuplatonische Ideologie, die den NAMEN zum Schweigen bringen und damit Kirche in eine civitas platonica aufzulösen sucht. Wirklich religiöse Menschen sind in ihrer Innerlichkeit eben nicht an sonntägliche Neunuhrdreißig-Gottesdienste gebunden und müssen sich auch nicht von kirchlichen Autoritäten in Sachen eigener Lebensführung gängeln lassen.

Solchen Religionisten entfährt ein „Mein Gott“ allenfalls beim Fernsehen, wenn Thomas Müller doch einen Elfmeter verschießt oder ein „Herr Gott“ bei einem schnittigen Überholmanöver des Hintermanns auf der Autobahn. Der Rest ist unsägliches „Stillgebet“.

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Eine Antwort to “Das unsägliche „stille Gebet“”

  1. Tobias Dürr Says:

    Interessante Gedanken mit einer nachvollziehbaren Argumentation. Ich sehe auch, dass es auf lange Sicht die Menschen entmündigt, wenn wir sie nur ja nicht überfordern wollen und jeder seinen Glauben uns seine Gebete für sich behalten darf.
    Was aber folgt daraus? Kann ich das Stille Gebet im Gottesdienst einfach weglassen? Meines Erachtens bräuchte es davor grundsätzlich eine (andere) Gebetskultur in der Gemeinde. Wie halten Sie es denn mit dem Stillen Gebet?

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