„Resident Aliens. Christen unterwegs als Fremdbürger und Abenteurer in dieser Welt“ von Stanley Hauerwas und William H. Willimon

Resident Aliens

Endlich ist das Buch „Christen sind Fremdbürger“ (im Original „Resident Aliens„) von Stanley Hauerwas und William H. Willimon draußen. Als Vorgeschmack ein Auszug aus dem dritten Kapitel (übersetzt von Bernd Wannenwetsch):

Die Evangelien lassen keinen Zweifel daran, dass die Jünger nicht die leiseste Ahnung hatten, auf was sie sich eingelassen hatten, als sie anfingen, Jesus nachzufolgen. Mit einem schlichten „Folge mir nach“ lud Jesus einfache Leute ein, aus ihrem bisherigen Leben herauszutreten und sich auf ein Abenteuer einzulassen – eine Reise, die an jeder Straßenkreuzung eine neue Überraschung für sie bereithielt. Es ist nicht von ungefähr, dass die Evangelisten ihre Erzählungen als eine Art Reisebericht konzipierten. „Und dann ging Jesus nach …“, „von dort nahm er seine Jünger und ging nach …“, „von dieser Zeit an begann er …“. Die Kirche existiert heute als Gemeinschaft von Fremdbürgern in der Welt, eine kühne Kolonie von Gläubigen in einer Gesellschaft des Unglaubens. Der westlichen Kultur geht ein solcher Sinn für das Unterwegssein ab, denn ihr fehlt der Glaube an etwas, das über die Kultivierung eines immer enger werdenden Horizontes von Selbsterhaltung und Selbsterfüllung hinausgeht. Unsere gegenwärtige Situation erscheint umso tragischer, je mehr wir die Gesellschaften, die der Liberalismus der Aufklärung hervorgebracht hat, mit der hochfliegenden Rhetorik ihrer Geburtsstunden vergleichen.

Von kühnen Abenteurern

„Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Diese Worte aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 erinnern uns an die Kühnheit und den Sinn für Abenteuer, der das Werden unserer Gesellschaft damals begleitete. Das liberale Abenteuer war die Schaffung einer Welt der Freiheit. Durch die Kennzeichnung bestimmter Prinzipien als naturgegeben und das Garantieren von Gleichheit und individuellen Rechten hatte die Aufklärung gehofft, Menschen hervorzubringen, die tatsächlich frei sind. Befreit aus den knechtenden Ansprüchen von Tradition und Gemeinschaft, ausgestattet mit dem natürlichen Recht individueller Selbstverwirklichung, müsste der Mensch doch, so glaubte man, nun endlich auch frei sein. Es war eine abenteuerliche Unternehmung, die jedoch den Keim der Selbstzerstörung bereits in sich trug mit ihrer dünnen Definition der menschlichen Natur und ihrer unzulänglichen Auffassung von der Bestimmung des Menschen. Was wir bekommen haben, war nicht Freiheit des Selbst, sondern vielmehr Selbstsucht, Einsamkeit, Oberflächlichkeit und Konsumorientierung. „Frei“ ist ganz sicher keine Beschreibung der Gefühlslage der meisten Menschen in unserer Gesellschaft heute, mit ihren übervollen Medikamentenschränken, Alarmanlagen, riesigen Gettos und ihrer Drogenkultur. Zweitausend New Yorker werden jedes Jahr von Mitbürgern ermordet – in einer Stadt, deren Polizei-belegschaft größer ist als die Armeen vieler Länder. Das Abenteuer des Liberalismus ist schal geworden.

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… heroischen Verweigerern

Es gab eine Zeit, in der auch der Unglaube mit einem gewissen Abenteuersinn verbunden war, als die Leugnung Gottes mit der Aura einer aufregend neuen Möglichkeit auf den Plan treten konnte – einer heroischen Weigerung, sich der herrschenden religiösen Konvention anzupassen. Heute ist der Unglaube freilich zu einer sozial akzeptierten Lebensart in der westlichen Welt geworden. Es braucht heute keinen Mut mehr, nicht zu glauben. Wie der Sozialphilosoph Alasdair MacIntyre in seinem Buch Die religiöse Kraft des Atheismus bemerkt, haben wir Christen den Atheisten immer weniger gegeben, an das sie nicht glauben können. Eine schlaffe Kirche hat den Atheismus um seine Aura des Abenteuerlichen gebracht. Die gute Nachricht, die wir hier ausloten, ist, dass dieser Erfolg der Gottlosigkeit im Verbund mit dem Scheitern des politischen Liberalismus (gemessen an seinen eigenen Ansprüchen der Befreiung der Menschen) es wieder möglich gemacht haben, nun im Gegenzug das Christentum als eine Abenteuerreise zu verstehen. Leben in einer Kolonie ist keine bequeme Angelegenheit. Ständigen Angriffen auf ihre Kerntugenden ausgesetzt, stets in der Gefahr, ihre Jugend zu verlieren, als Bedrohung in einer atheistischen Kultur erachtet werden, die im Namen von Freiheit und Gleichheit jeden unterjocht – so kann das Leben in der christlichen Kolonie von ihren Mitgliedern unschwer als Abenteuer begriffen werden. An einer Stelle haben wir freilich selber Mühe mit unserem Bild von der Kirche als „Kolonie“: Sofern diese Vorstellung einschließt, dass Gottes Volk sich niederlassen, sein Territorium abstecken, Zäune darum herum bauen und bewachen könnte. Gewiss, in einer feindlich gesinnten Welt, die zwar schlicht genug gestrickt ist, um nicht zu glauben, aber dennoch schlau genug, ihre Angriffe auf den Glauben auf subtile Weise zu fahren, gibt es gute Gründe dafür, auf der Hut zu sein. Wenn sich die Kirche allerdings auf den Kampf um ihr eigenes Territorium einlässt, dann zeigt sie damit an, dass wir Christen uns zufrieden geben mit einer kleinen Ecke der Welt; zufrieden mit einem Stückchen Garten, in dem wir unsere Spiritualität und Selbstbeschau kultivieren oder was immer für Brosamen vom Tisch einer Gesellschaft herunterfallen, die ihrerseits genügend Mittel hat (in Rationalität, Wissenschaft, Politik), sich ihrer eigenen Sinnhaftigkeit zu vergewissern.

… offensiven Kämpfern

Unsere Einbettung in die biblische Geschichte verlangt jedoch eine offensive Haltung der Kirche. Die Welt mit all ihren Mitteln, Ängsten und Gaben ist und bleibt Gottes Welt; als „Geschöpf“ steht sie unter dem bleibenden Anspruch ihres Schöpfers. Jesus Christus ist der unüberbietbare Eingriff Gottes in die Welt, wie diese sich auch immer selbst eingerichtet hat. In Christus zeigt sich die Weigerung Gottes, „an seinem Platz“ zu bleiben. Die Botschaft, welche die christliche Kolonie am Leben erhält, ist für die ganze Welt bestimmt. Die Kolonie ist dabei lediglich das Mittel, durch welches Gott die Welt retten will. Die Kolonie ist Gottes große Offensive gegen die Welt und für die Welt. Eine Armee ist nicht erfolgreich durch ihr Verharren in Schützengräben, sondern aufgrund von Bewegung, Durchschlagskraft und überlegener Taktik. Darum meinen wir, wenn wir von der Kirche als einer Kolonie sprechen, nicht einen festen Standort oder einen befestigten Platz, weder theologisch noch geografisch. Die Kolonie ist vielmehr ein bewegliches Volk wie Jesu erste Jünger, atemlos im Versuch, mit Jesus Schritt zu halten. Die christliche Kolonie ist ein Abenteuer mit vielen Unbekannten, mit Disputen darüber, welche Richtung es bei einer Weggabelung einzuschlagen gilt, mit Aufenthalten an seltsamen Orten und immer wieder notwendiger Rückschau und Kurskorrektur.

… und lebenslangen Anfängern

Wenn wir getauft werden, springen wir sozusagen auf einen fahrenden Zug. Nachfolger Jesu zu werden, heißt nicht in erster Linie (obwohl das natürlich eingeschlossen ist), ein Glaubens-bekenntnis zu unterschreiben oder zu einem besseren Verständnis unserer Selbst zu gelangen. Nachfolger zu werden heißt vielmehr, Teil einer Reisegesellschaft zu werden, deren Reise lange vor unserer Zeit be¬gann und jeden von uns lange überdauern wird. Allzu oft haben wir das Heil Gottes – was Gott in Jesus Christus für uns tut – als Angelegenheit rein persönlicher Entscheidung betrachtet: im Kopf klar zu werden, was grundlegende Glaubenswahrheiten anbelangt, im Herzen die „Beziehung“ mit Gott in Ordnung zu bringen oder unsere soziale Einstellung neu austariert zu bekommen. Mir geht es jedoch darum zu zeigen, dass das Heil Gottes weniger ein Neuanfang ist als vielmehr ein Anfangen „in der Mitte“. Glaube beginnt nicht im Entdecken, sondern in der Erinnerung. Die Geschichte Gottes mit den Menschen begann ohne uns, aber sie ist eine Einladung an uns, in sie einzutreten, so dass wir Teil bekommen an der Mission eines neuen Volkes, das Gott in Israel und Jesus Christus erschaffen hat. Gott lässt uns sein Heil zukommen, indem er uns 1. in das Abenteuer stellt, das seine Absicht für die ganze Welt ist, und 2. uns gemeinsam mit anderen Gliedern dieses neuen Volkes trainiert, unser Leben nach der Wahrheit auszurichten. Ein Pfarrer tauft einen Säugling. Nach der Taufhandlung ruft er dem Täufling zu, so dass es auch Eltern, Paten, und Gemeinde vernehmen können: „Kleine Schwester, durch diesen Akt der Taufe begrüßen wir dich auf einer Reise, die dein ganzes Leben in Anspruch nehmen wird. Das ist nicht das Ende, sondern der Beginn von Gottes Experiment mit deinem Leben. Was Gott aus dir machen wird, können wir heute nicht wissen. Wo Gott dich einmal hinführen wird und wie er dich überraschen wird, können wir nicht sagen. Was wir aber wissen und sagen können, ist, dass Gott mit dir sein wird.“ Der Apostel Paulus hat die bei der Taufe begonnene Reise wohl noch besser charakterisiert, als er sie als einen Weg vom Tod zum Leben beschrieb:

Denn wie wir seinen Tod mit ihm geteilt haben, so haben wir auch Anteil an seiner Auferstehung. Letztlich geht es doch darum: Unser früheres Leben endete mit Christus am Kreuz. Unser von der Sünde beherrschtes Wesen ist damit vernichtet, und wir müssen nicht länger der Sünde dienen. Denn wer gestorben ist, kann nicht mehr von der Sünde be¬herrscht werden. Sind wir aber mit Christus gestor¬ben, dann werden wir auch mit ihm leben – davon sind wir überzeugt. Wir wissen ja, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist und nie wie¬der sterben wird. Der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Mit seinem Tod hat Christus ein für alle Mal beglichen, was die Sünde fordern konnte. Jetzt aber lebt er, und er lebt für Gott. Das gilt genauso für euch, und daran müsst ihr festhalten: Ihr seid tot für die Sünde und lebt nun für Gott, der euch durch Jesus Christus das neue Leben gegeben hat.“ (Römer 6,5-11, Hoffnung für alle)

Vorabdruck des dritten Kapitels (gekürzt) aus Stanley Hauerwas & William H. Willimon, Christen sind Fremdbürger, übersetzt von Bernd Wannenwetsch, Fontis-Verlag, Basel 2016.

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