Warum Amerikaner Donald Trump wählen müssen

Trump You are fired

Für Europäer ist es kaum verständlich, dass bei den republikanischen Vorwahlen zur US-Präsidentschaft ausgerechnet Donald Trump haushoch in Führung liegt. Und es sind gerade weiße US-Amerikaner aus der unteren Mittelschicht, die ihn gewählt haben. Wer die Reality-TV-Show The Apprentice im Gedächtnis hat, wundert sich nur, wie ein egozentrischer Immobilienmogul, der seine „Lehrlinge“ gnadenlos zur Rechenschaft zieht und sie der Reihe nach mit einem Verdikt „you are fired“ genüsslich vor laufender Kamera rausschmeißt, als Präsidentschaftskandidat eine breite Zustimmung bei amerikanischen Arbeitnehmern finden kann. Und wer die politische Agenda Trumps nach ihrer Umsetzungsfähigkeit und ihrer Sinnhaftigkeit hinterfragt, weiß, dass man mit seinen Statements keine Weltmacht vernünftig führen kann. Doch wo Trump seiner Widersprüche und seiner Fehlverhalten in der Öffentlichkeit überführt wird, scheint das seinem Ansehen nicht zu schaden. Im Gegenteil – er gehört nicht zum politischen Establishment, kann seine finanzielle Unabhängigkeit von einflussreichen Spendenorganisationen demonstrieren und hat sich selbst in Sachen Business als erfolgreich ausgewiesen.

Um Trumps bisherige Wahlerfolge zu verstehen, heißt es die religiöse Dimension der Politik zu erfassen. Herrschaft (und damit auch Präsidentschaft) hat mit Heil zu tun. Im Alten Orient war es der monarchische Herrscher, der für das Heil und Wohlergehen seiner Untertanen als heilsentscheidend angesehen wurde. Wo auf der horizontalen Ebene eine Vielzahl von gelingender oder misslingender Interaktionen möglich ist, die von keinem einzelnen Menschen zugunsten seines eigenen Wohlergehens kontrolliert werden können, verlagert sich die Hoffnung in die Vertikale. Der Herrscher ist von oben herab für die Etablierung einer kosmologisch verankerten Gerechtigkeit zuständig.

König Sethos I. wird von dem Gott Amon gekrönt und mit dem Lebenszeichen gesegnetIm Alten Testament veranschaulicht dies Psalm 72. Der König ist von Gottes Gnaden für die Gerechtigkeit und die Protektion der Armen zuständig:

Gott, gib dein Gericht dem König
und deine Gerechtigkeit dem Königssohn,
2 dass er dein Volk richte mit Gerechtigkeit
und deine Elenden rette.
3 Lass die Berge Frieden bringen für das Volk
und die Hügel Gerechtigkeit.
4 Er soll den Elenden im Volk Recht schaffen
und den Armen helfen und die Bedränger zermalmen.

In der Verehrung durch die Untertanen soll der König in einer Position gehalten werden, in der er segensreich wirken kann:

15 Er soll leben und man soll ihm geben
vom Gold aus Saba.
Man soll immerdar für ihn beten
und ihn täglich segnen.

Die Gerechtigkeit wird auf den Königsnamen gebracht, wenn es heißt:

17 Sein Name bleibe ewiglich;
solange die Sonne währt, blühe sein Name.
Und durch ihn sollen gesegnet sein alle Völker,
und sie werden ihn preisen.

Und genau hier lassen sich die Bezüge zum Wahlkampf von Donald Trump finden. Er hat sich einen Namen gemacht, ja, ist selbst anerkannter Markenname, der Glanz und Erfolg verheißt. Allerdings – im Unterschied zu altorientalischen Könige – ist ein amerikanischer Präsident zu wählen. Um die erste Wahl von vermeintlich freien Bürgern zu sein, braucht es entsprechender Heilsversprechen: „Make America great again!“

Make American Great Again

Trumps Versprechen mögen in sich widersprüchlich und für die politische Vernunft offenkundig unrealistisch sein, aber das nimmt ihm nicht seine Wählbarkeit. Letztendlich geht es für eine frustrierte Arbeitnehmerschicht in der Präsidentschaftswahl um die religiöse Aufrechterhaltung des American Dream. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, hat selbst die richtigen Entscheidungen für sich zu treffen und kann es schaffen. Trumps Versprechen ist es, dass durch seine businessgestählte Präsidentenhand und durch seinen Markennamen die eigenen Entscheidungen in Zukunft doch noch segensreich werden.

Solange Menschen glauben wollen, dass Lebensglück und Wohlstand Sache eigener Wahl und eigenen Vermögens ist (als könnte „Erfolgsgerechtigkeit“ eine Verteilungsgerechtigkeit erübrigen), müssen sie sich dem unverschämtesten und rücksichtslosesten Heilsversprecher, also Donald Trump anvertrauen. Man will nicht wahrhaben, dass der amerikanische Traum in einer unsolidarischen Plutokratie mit dem Vermögen eines Arbeitnehmers ohne Collegeabschluss nicht zu verwirklichen ist. Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ trifft unverändert die bittere Wirklichkeit.

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Eine Antwort to “Warum Amerikaner Donald Trump wählen müssen”

  1. Jochen Teuffel Says:

    Hat dies auf NAMENSgedächtnis rebloggt und kommentierte:

    Aus aktuellem Anlasse meine Wahlprognose vom März

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