„Ich halte mich hörend hin“. Intratextuelle „Einlegung“ in die Heilige Schrift nach Fridolin Stier

Fridolin Stier (1902-1981)

Der allgäuer Alttestamentler und Bibelübersetzer Fridolin Stier (1902-1981) ist mir seit meinem Lehrvikariat in Lindau mehr als nur ein Begriff. Schließlich hatten wir damals 1996 bei der „Post-Konfirmationsfreizeit“ unsere Zelte auf dem Gelände des Oberhofs in Karsee aufgeschlagen. In einem kleinen Beitrag „Wort Gottes oder Heilige Schrift“, der 1976 in dem Band „Bibel im Jahr ’77“, hrsg. v. Katholische Bibelwerk Stuttgart erschien, stellt Fridolin Stier vor, wie er die Heilige Schrift liest, nämlich als intratextuelle „Einlegung“ (statt Auslegung), was ja auch George A. Lindbeck in The Nature of Doctrine. Religion and Theology in a Postliberal Age (Westminster John Knox Press, 1984, Seiten 113-124), weniger persönlich beschrieben hatte:

Ich schlage das Buch auf … Ich weiß vieles über seine Ge­schichte, genug, um nicht mehr in der Unschuld des schlich­ten Lesers, des unmittelbar das Wort vernehmenden Hörers zu stehen, genug, um nicht unangefochten zu sein. Ich weiß, es geht nicht an, Wort Gottes und Heilige Schrift ineinszuset­zen, nur ins Buch hineinzugreifen, beliebig wo, und das nächstbeste Wort als das Seine zu zitieren: Plato sagt, Tho­mas sagt, Goethe sagt — Gott sagt … Nein, so ist mir sein Wort nicht zum Haben und Nehmen und — Geben verfügbar gemacht. Ich weiß auch, das Ungeheure, daß er geredet zu Menschen, all seine Worte und Werke, davon das Buch mir berichtet, es ist gewesen, es bleibt im Damals und Dort be­schlossen. Und ich steh im Hier und Jetzt. Ich weiß es.

Und doch … Wenn ich das Buch öffne, betrete ich geheiligte Stätten. Sinai und Sion, der Berg, darauf der Herr geredet, der Hügel, auf dem er gelitten, die Felsenkammer, daraus er sich lebend erhoben, sie nähern sich mir. Ich erfahre wun­dersame Gegenwart des zeit- und räumlich Fernen … Wenn ich das Buch öffne, wandelt sich mir, durch all mein entfer­nendes Wissen hin, das Dort in ein wahres Da, das Damals in ein wirkliches Jetzt. Ich erzwinge die Gegenwart nicht; sie ist unerzwingbar. Ich erfahre sie, weil sie mir widerfährt. Erschleiche ich sie? Ich kenne den Wahn, der sich selber hört; ich fürchte die Gefahr des Selbstbetrugs …  All mein Wissen — enger als ein Gewand ist es mir angelegt; ich vermag es nicht von mir zu tun; ich trage es mit in das Buch, wenn ich es öffne. Aber dann geschieht es, daß es mich nicht mehr hindert, es wird leicht; mir ist, als trüg ich es nicht. Ich bin am Ort, da er redet. Auch wenn er sehr still ist an der Stätte, auch wenn er mir schweigt in den Worten, die ich höre, so weiß ich doch: der Redende ist da.

Ich halte mich hörend ihm hin. Ich muß warten.

Wer mehr von Fridolin Stier lesen will, sollte sich das Buch „Wenn aber Gott ist … Persönliche Erinnerung und biblische Reflexionen“ (Topos Taschenbuch 579, 2006) zulegen.

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