Dietrich Bonhoeffer – Verantwortung und Stellvertretung

Bonhoeffer 1944

Warum hast du das getan? Wie konntest du nur? Fragen, die auf die eigene Verantwortung zielen. Für mich sind dazu Dietrich Bonhoeffers Ausführungen aus seiner Ethik über Verantwortung und Stellvertretung hilfreich:

Wir leben, indem wir auf das in Jesus Christus an uns gerichtete Wort Gottes Antwort geben. Weil es ein auf unser ganzes Leben gerichtetes Wort ist, darum kann auch die Antwort nur eine ganze, mit dem ganzen Leben, wie es sich jeweils handelnd realisiert, gegebene sein. Das Leben, das uns in Jesus Christus als Ja und Nein zu unserem Leben begegnet, will [253] durch ein Leben, das dieses Ja und Nein aufnimmt und eint, beantwortet werden.

Dieses Leben als Antwort auf das Leben Jesu Christi (als Ja und Nein über unser Leben) nennen wir „Verantwortung“. In diesem Begriff der Verantwortung ist die zusammengefaßte Ganzheit und Einheit der Antwort auf die uns in Jesus Christus gegebene Wirklichkeit gemeint im Unterschied zu den Teilantworten, die wir zum Beispiel aus der Erwägung der Nützlichkeit oder aus bestimmten Prinzipien heraus geben könnten. Angesichts des Lebens, das uns in Jesus Christus begegnet, kommen wir mit solchen Teilantworten nicht aus, kann es vielmehr nur um die ganze und eine Antwort unseres Lebens gehen. Verantwortung bedeutet daher, daß die Ganzheit des Lebens eingesetzt wird, daß auf Leben und Tod gehandelt wird.

Wir geben dabei dem Begriff der Verantwortung eine Fülle, die ihm im alltäglichen Sprachgebrauch nicht zukommt, selbst dort nicht, wo er eine ethisch höchst qualificierte Größe geworden ist, wie etwa bei Bismarck und bei Max Weber. Aber auch [255] in der Bibel begegnet dieser Begriff kaum an so hervorragender Stelle, wenn er auch dort, wo er vorkommt, entscheidende Merkmale aufweist. Verantwortung im biblischen Sinne ist in erster Linie eine unter Einsatz des Lebens mit Worten gegebene Antwort auf die Fragen der Menschen nach dem Christusereignis (1 Tim 4,16; 1 Petr 3,15; Phil 1,7 und 17). Ich verantworte unter Einsatz des Lebens mit Worten das, was durch Jesus Christus geschehen ist. Ich verantworte also primär nicht mich selbst, mein Tun, ich rechtfertige mich nicht selbst (2 Kor 12,19), sondern ich verantworte Jesus Christus und damit allerdings auch den mir von ihm gewordenen Auftrag (1 Kor 9,3). Die Verwegenheit, mit der Hiob seinen Weg vor Gott verantworten will (Hiob 13,15) wird schließlich durch Gottes Wort an Hiob zunichte gemacht: „Der Ankläger Gottes verantworte sich“ und Hiob spricht: ach, ich bin zu gering, was soll ich dir entgegnen? Ich lege meine Hand auf den Mund (Hiob 40,2-4). Es bedeutet ein Ausziehen der biblischen Linien, wenn wir nun sagen: indem ich Christus, das Leben, vor den Menschen ver­antworte – und nur so –, verantworte ich mich zugleich für die Menschen vor Christus; ich stehe zugleich für Christus vor den Menschen und für die Menschen vor Christus. Meine Verantwortung, die ich vor den Ohren der Menschen für Christus übernehme, kommt zugleich als meine Verantwort[ung] für die Menschen vor die Ohren Christi. Die Verantwortung für Jesus Christus vor den Menschen ist die Verantwortung für die Menschen vor Christus und nur darin die Verantwortung meiner selbst vor Gott und den Menschen. Zur Rechenschaft gezogen von den Menschen und vor Gott, kann ich mich nur durch das Zeugnis von Jesus Christus verantworten, der vor den Menschen für Gott und vor Gott für die Menschen eintrat. Verantwortung geschieht vor Gott und für Gott, vor den Menschen und für die Menschen, immer ist es Verantwortung der Sache Jesu Christi und allein darin eine Verantwortung des eigenen [256] Lebens. Verantwortung gibt es nur im Bekenntnis zu Jesus Christus mit Wort und Leben.

Ebensowenig wie in der Dogmatik können wir in der Ethik nicht einfach die biblische Terminologie wiederholen. Die veränderte ethische Problematik fordert eine veränderte Terminologie. Die mit einer erweiterten Terminologie verbundene Gefahr des Abgleitens von der Sache ist dabei ebenso zu bedenken, wie der Umstand, daß auch die biblische Terminologie nicht gefahrlos gebraucht werden kann.

Die Struktur des verantwortlichen Lebens

Die Struktur des verantwortlichen Lebens ist durch ein doppeltes bestimmt: durch die Bindung des Lebens an Mensch und Gott und durch die Freiheit des eigenen Lebens. Es ist diese Bindung des Lebens an Mensch und Gott, die es in die Freiheit eigenen Lebens stellt. Ohne diese Bindung und ohne diese Freiheit gibt es keine Verantwortung. Nur das in der Bindung selbstlos gewordene Leben steht in der Freiheit eigensten Lebens und Handelns. Die Bindung trägt die Gestalt der Stellvertretung und der Wirklichkeitsgemäßheit, die Freiheit erweist sich in der Selbstzurechnung des Lebens und Handelns und im Wagnis der konkreten Entscheidung. Damit ist die Disposition angegeben, unter der wir die Struktur des verantwortlichen Lebens zu betrachten haben.

Daß Verantwortung auf Stellvertretung beruht, geht am deutlichsten aus jenen Verhältnissen hervor, in denen der Mensch [257] unmittelbar genötigt ist, an der Stelle anderer Menschen zu handeln, also etwa als Vater, als Staatsmann, als Lehrmeister. Der Vater handelt an der Stelle der Kinder, indem er für sie arbeitet, für sie sorgt, eintritt, kämpft, leidet. Er tritt damit real an ihre Stelle. Er ist nicht ein isolierter Einzelner, sondern er vereinigt in sich das Ich mehrerer Menschen. Jeder Versuch zu leben als wäre er allein, ist eine Leugnung der Tatsächlichkeit seiner Verantwortlichkeit. Entgehen kann er der durch seine Vaterschaft gegebenen Verantwortlichkeit nicht. An dieser Wirklichkeit scheitert die Fiktion, als sei das Subjekt alles ethischen Verhaltens der isolierte Einzelne. Nicht er, sondern der Verantwortliche ist das Subjekt, auf das sich die ethische Besinnung zu richten hat. Dabei macht es keinen Unterschied, in welchem Umfang Verantwortung getragen wird, ob für einen einzelnen Menschen, ob für eine Gemeinschaft, oder für ganze Gemeinschaftsgruppen. Kein Mensch, der der Verantwortung und das heißt der Stellvertretung überhaupt entgehen könnte. Selbst der Einsame lebt stellvertretend, ja er in qualificierter Weise, da sein Leben stellvertretend für den Menschen schlechthin, für die Menschheit, gelebt wird. Der Begriff einer Verantwortung für sich selbst ist ja auch nur insofern sinnvoll, als er eben die Verantwortung meint, die ich mir als Mensch, – also weil ich Mensch bin – gegenüber wahrnehme. Selbstverantwortung ist in Wahrheit Verantwortung gegenüber dem Menschen und das heißt der Menschheit. Daß Jesus ohne die besondere Verantwortlichkeit einer Ehe, einer Familie, eines Berufes lebte, stellt ihn keineswegs aus dem Bereich der Verantwortlichkeit heraus, sondern macht seine Verantwortung und seine Stellvertretung für alle Menschen nur umso deutlicher. Damit aber rühren wir bereits an den tragenden Grund alles bisher Gesagten. Weil Jesus, – das Leben, unser Leben, – als der Menschgewordene Sohn Gottes stellvertretend für uns gelebt hat, darum ist alles menschliche Leben durch ihn wesentlich stellvertretendes Leben. Jesus war nicht der Einzelne, der zu einer eigenen Voll-[258]kommenheit gelangen wollte, sondern er lebte nur als der, der in sich das Ich aller Menschen aufgenommen hat und trägt. Sein gesamtes Leben, Handeln und Leiden war Stellvertretung. Was die Menschen leben, handeln und leiden sollten, erfüllte sich an ihm. In dieser realen Stellvertretung, die seine menschliche Existenz ausmacht, ist er der Verantwortliche schlechthin. Weil er das Leben ist, ist durch ihn alles Leben zur Stellvertretung be­stimmt. Ob es sich auch dagegen wehrt, so bleibt es doch stellvertretend, zum Leben oder zum Tode, wie der Vater Vater bleibt, zum Guten oder zum Bösen.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Ethik (DBW 6), hg. v. Ilse Tödt u.a., München 1992, 254-258.

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