Kristlieb Adloff – Zehn Thesen zum 31. Oktober 1517

Altarbibel (Luther 84)

Im Hinblick auf den 500. Jahrestag des Thesenanschlags Martin Luthers hat Kristlieb Adloff, vormals Dozent für Neues Testament und Homiletik am Missionsseminar Hermannsburg, zehn feinsinnige Thesen hinsichtlich einer „biblischen Denkungsart“ aufgestellt, die in ihrer Israel-Verbundenheit den ideologischen Protestantismus grundsätzlich in Frage stellen:

 

I.

Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege…  Jesaja 2,3

Bei der Erinnerung an 500 Jahre seit Luthers 95 Thesen muss es in erster Linie um die Abkehr vom heidnischen Missbrauch der Bibel und die Umkehr zu einer biblischen Denkungsart gehen.

Biblische Denkungsart ist niemals schon gegeben; sie muss immer neu erlernt werden.

 

II.

Es ist leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Tüttel am Gesetz falle. Lukas 16,17

Biblische Denkungsart nimmt die Bibel beim Wort und in diesem Sinne wortwörtlich.

Weder ein biblizistischer noch ein historisch-kritischer Fundamentalismus bleibt beim Wort. Vom Text unvermittelt auf außertextliche Sachverhalte überzugehen, ist ein Kurzschluss.

 

III.

Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet. Apostelgeschichte 2,42

Biblische Denkungsart wird eingeübt in der im Namen des Gottes Israels versammelten Lern- und Lebensgemeinschaft der Schüler Jesu.

Kirchliche Hierarchien und theologische Expertokratien blockieren den Prozess der Einübung in das Wort Gottes. Alles Predigen und Lehren unterliegt der Kritik durch das Wort Gottes in einer zur Unterscheidung der Geister befähigten Gemeinschaft.

 

IV.

Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Johannes 16,13

Biblische Denkungsart ist angewiesen auf die Präsenz des prophetischen Geistes.

Die Christenheit bedarf keinerlei Repräsentanz, weder durch kirchenamtliche noch durch sogenannte moralische Autoritäten. Das Zeugnis Israels und der messianischen Gemeinde der Nachfolger Jesu genügt.

 

V.

Gott, wir haben’s mit unseren Ohren gehört, unsere Väter haben’s uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten vor alters. Psalm 44,2

Hat jemand Weissagung, so sei sie dem Glauben gemäß. Römer 12,7

Biblische Denkungsart bedient sich einer regula fidei zum Vorspiel der Freiheit auf das Reich der vollkommenen Freiheit.

Dogmatismus wie Antidogmatismus hindern die Freiheit der Kinder Gottes, die sich nach den Regeln des gottesdienstlichen Spiels entfalten will, zur Verherrlichung des Gottes Israels, der in der Christenheit als Vater Jesu Christi angerufen wird.

 

VI.

Gedenket nicht an das Alte und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues machen. Jesaja 43,18f.

Biblische Denkungsart erinnert Gott als den kommenden Gott.

Die großen Taten Gottes können weder festgestellt noch bestritten werden. Sie werden in der Hoffnung auf das kommende Reich Gottes verkündigt. Sünde als christliche Kategorie, als vox theologica, kommt in der Kirche als überwundene Macht zur Sprache.

 

VII.

Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Matthäus 28,20

Biblische Denkungsart ist ideologiekritisch.

Die Selbstdefinition des Christentums als einer universalen Religion der Liebe widerspricht der Konkretion des göttlichen Gebietens. Die Berufung auf die Liebe garantiert dem Christenmenschen nicht, auf der moralisch sicheren Seite zu stehen. Die Liebe ist keine Idee. Erst im Wagnis der Tat offenbart sich ihre Wahrheit.

 

VIII.

So spricht der Herr Zebaoth, der mich gesandt hat nach Ehre zu den Völkern, die euch beraubt haben: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an. Sacharja 2,12

Biblische Denkungsart lebt von der Grundunterscheidung zwischen Israel und den Völkern.

Die Verachtung Israels hat die Christenheit in eine nihilistische, alles nivellierende Gleich-Gültigkeit geführt. Erst im Respekt vor dem jeweils Anderen als dem Anderen wird ein ungezwungener materieller wie geistiger Austausch und Ausgleich zwischen Menschen möglich. Dazu können auch kirchliche Institutionen nützlich sein. Zuerst und zuletzt gilt: Ohne ein unbedingtes Ja zu Israels Partikularität und Integrität bleibt die universale Sendung der Kirche eine sektiererische Anmaßung.

 

IX.

Die Gebote des Herrn sind lauter und erleuchten die Augen. Psalm 19,9

Biblische Denkungsart ist aufklärerisch.

Enlightenment meint auch Aufklärung über die Aufklärung. Der Glaube an ‚die‘ Wissenschaft bedarf nicht weniger einer kritischen Durchleuchtung als religiöse Gläubigkeiten.

 

X.

… auf dass DU recht behaltest in deinen Worten. Psalm 51,6; Römer 3,4

Biblische Denkungsart ist Rechtfertigung Gottes.

Glaube als Vertrauen auf die Selbstrechtfertigung Gottes in der Welt ist Absage an die Möglichkeit, den Namen Gottes für menschliche, auch religiöse und moralische Zwecke zu missbrauchen. Der christliche Glaube als Bekenntnis zu dem im Horizont der Völker gekreuzigten Juden Jesus rechtfertigt den Gott Israels, der die Toten auferweckt, im Tun und Erleiden, im Beten und Hoffen.

 

Dr. Kristlieb Adloff
22. Mai 2016

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