Søren Kierkegaards Kritik am Pfarrberuf

Soeren_Kierkegaard

Am 24. Mai 1855 erschien in Kopenhagen die erste Nummer einer Zeitschrift, die von Søren Kierkegaard erdacht, herausgegeben und verfasst wurde – Der Augenblick (Øjeblikket). Es war Kierkegaards letzte publizistische Unternehmung – eine Abrechnung mit dem organisierten Christentum und insbesondere mit der lutherischen Staatskirche in Dänemark. Neun Ausgaben erschienen, bevor Kierkegaard am 2. Oktober einen Schlaganfall erlitt und am 11. November 1855 verstarb. Kierkegaards Augenblick-Texte sind auch heute noch eine Zumutung, gerade für uns Pfarrerinnen und Pfarrer. Hier ein Beitrag aus der dritten Ausgabe vom 27. Juni 1855:

Will der Staat in Wahrheit dem Christentum dienen, so möge er die 1000 Broterwerbe wegnehmen.

Solange in Dänemark 1000 königliche Broterwerbe für Lehrer in Christentum vorhanden sind, ist das Bestmögliche dafür getan, Christentum zu verhindern.

Solange es 1000 königliche Broterwerbe gibt, wird es ständig eine entsprechende Anzahl von Menschen geben, die sich auf diese Weise ihr Brot zu verdienen gedenken.

Unter diesen werden einige wenige sein, die vielleicht doch die Berufung entdeckt haben, Christentum zu verkünden. Aber in eben dem Augenblick, da es für sie recht Ernst damit würde, daß sie, einzig im Vertrauen auf Gott, ein eigenes Risiko übernehmen müßten, um als Lehrer aufzutreten — eben da eröffnet ihnen der Staat die Möglichkeit, ein königliches Amt anzunehmen, wodurch diese wenigen, christlich, verhunzt werden.

Die weitaus größere Anzahl hätte gar keine Berufung, Christentum zu verkünden, sondern betrachtet es simplement als Broterwerb.

Auf diese Weise erreicht es der Staat, das ganze Land mit verdorbenem Christentum anzufüllen, die allergrößte Schwierigkeit dabei, wahres Christentum einzuführen, weitaus größer als völliges Heidentum.

Nimm ein Beispiel. Fiele es dem Staate ein, alle wahre Poesie zu verhindern, er brauchte nur — und Poesie ist doch mit dieser Welt nicht so ungleichartig, wie es Christentum ist — brauchte nur 1000 Broterwerbe für königliche Dichterbeamten einzurichten; dann wird es bald erreicht, wird das Land ständig in dem Grade von verdorbener Poesie überfüllt sein, daß wahre Poesie nahezu eine Unmöglichkeit ist. Die wenigen, die wirklich die Berufung hätten, Dichter zu werden, sie würden in eben dem kritischen Augenblick von der Anstrengung abspringen, die es bedeutet, sich auf eigenes Risiko hinauszuwagen, und hinein in diese Bequemlichkeit: ein königliches Amt; doch jene Anstrengung ist eben die Bedingung dafür, daß es mit ihrer Dichterberufung etwas werden könnte. Die vielen würden darin, Dichter zu sein, nur einen Broterwerb sehen, einen Broterwerb, den man sich dadurch sicherte, daß man die Qualen der Examensvorbereitung aushält.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 65f.

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