Hans Jochim Iwand – „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Osterpredigt über Johannes 14,19)

Osterbotschaft

Was für ein Vermächtnis. Die letzte Predigt Hans Joachim Iwands war seine Osterpredigt am 17. April 1960 in Bonn. Vierzehn Tage später, am 2. Mai 1960 ist er verstorben. Bei Iwand kommt eindringlich zur Sprache, dass für Christen keine menschliche Ideologie eines autogenen Lebens („Das Leben siegt über den Tod“), sondern allein Gottes Handeln in Jesus Christus als Osterbotschaft zählt:

„Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ (Osterpredigt über Johannes 14,19)

Von Hans Joachim Iwand

Johannes 14,19: Es ist noch um ein kleines, so wird mich die Welt nicht mehr sehen; ihr aber sollt mich sehen; denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

In diesen beiden schlichten Sätzen hängt die ganze Oster­botschaft. «Ich lebe», das ist die Wahrheit von Ostern. Es ist die Wahrheit Jesu Christi, die Ostern ihre Bestätigung, ihre Erfüllung erfuhr. Um dieser Wahrheit willen sind wir hier zusammen, sind Menschen aller möglichen Rassen und Denkformen heute in ihren Kirchen und Versammlungen zusammen und werden singen: Christ ist erstanden. Oder sie werden rufen, wie es in den Kirchen der orthodoxen Christenheit in Rußland in der Osternacht geschieht: «Christus woskresje», Christus ist auferstanden, und das Volk wird antworten: «Woistinu woskresje», Er ist wahrhaftig auferstanden. Wir wissen alle, wer dieser Er und wer dieses Ich ist, von dem dabei die Rede ist. Das ist der Mensch Jesus von Nazareth: Man muß es hart und deutlich unterstreichen, daß Jesus ein Mensch war von Fleisch und Blut. Ja, man muß mehr sagen: Er war ein Sohn des Volkes Israel, er war ein jüdischer Mensch. Dort ist er geboren und in Jerusalem ist er verurteilt und gekreuzigt. Und diese seine Geschichte ist dann die Ausgangsstelle geworden für das helle Licht, das über die ganze Welt in Ost und West erstrahlte. Dieses Licht ergreifen wir, wenden uns ihm zu, es leuchtet auch uns heute, wenn wir glauben, was wir hören, und hören, was wir glauben: Sein Wort «Ich lebe».

Gewiß, es sind zwei Sätze, die uns gesagt werden: «Ich lebe» heißt der eine, und «Ihr sollt auch leben» der andere. Wir können den ersten Satz nicht für sich sagen, ihn allein stehen lassen und den zweiten verschlucken. Wir können nicht interessiert hinhören, wenn von Jesus die Rede ist, aber wegschauen, abschalten, wenn es dann um uns geht. Es geht nie um Jesus, ohne daß es zugleich um [305] uns geht. Das ist das Wunderbare und Besondere an der Geschichte dieses Jesus von Nazareth, daß sie immer auch uns einschließt, uns sterbliche, uns sündhafte Menschen. Sie ist immer zugleich unsere Geschichte. Immer sind wir dabei. Bei seinem Sterben sind wir da­bei und bei seinem Auferstehen. Das ist zwar ein Geheimnis der Gnade Gottes und schwer zu verstehen, aber wir haben ja an un­serer Taufe das Zeichen dafür, daß wir, dabei sind. Daß wir mithineingezogen sind in diesem Prozeß von Tod und Auferstehung, Gericht und Gnade, der über Jesus von Nazareth ergangen, ist. Und darum spricht er hier so zu seinen Jüngern: Ihr werdet auch leben! Mein Leben ist der Durchbruch nach vorn, er ist der Durchbruch durch den Sperrkreis des Todes, der euch alle bannt. «Ich geh‘ voran, ich brech die Bahn, bin alles in dem Streite.»

Wenn es so um uns steht, dann werden wir allerdings verstehen, daß zuerst und entscheidend von Jesus — und nicht von uns — die Rede sein muß. Denn wenn von uns die Rede ist, von unserem Le­ben und Sterben, von unserer Schuld und unserer Hoffnung, dann ist damit noch lange nicht von ihm, von Jesus, dem Sohn Gottes, dem ersten und letzten Menschen die Rede. Was wir von uns aus als Leben kennen und nennen, das ist gewiß nicht das Nämliche, was die Bibel Leben nennt, wenn sie von Jesus redet. «In Ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen», — das können wir doch nicht von uns sagen. Freilich, die Zeit ist noch nicht lange dahin, da gab es bei uns Menschen, die das Leben, den Sinn und die Rechtferti­gung ihres Daseins in dem Leben und Wir­ken eines sogenannten Führers suchten, aber das war doch eine ganz schreckliche, eine ganz furchtbare Gottlosigkeit. Etwas davon mag in allen Menschen stecken. Wir sehen uns in unseren Lebensnöten immer nach starken und imponierenden Menschen um. Aber wenn man uns auf Herz und Nieren fragen würde: Meint ihr, daß ein Mensch das Leben in sich hat, das Leben, das kein Tod überwältigt, das ewige Leben, das im Gegenteil den Tod überwältigt, dann müß­ten wir wohl doch bekennen: Nein, jeder von uns lebt sich selber und jeder von uns stirbt sich selber. Das ist ja das Schlimme, daß unser Leben von Natur aus ichbezogen ist, daß wir alle in uns wie in einem Gefängnis sitzen und jeder von uns sein Leben für sich [306] selber lebt. Dabei ist das eben kein wirkliches Leben. Es ist ein Le­ben, das den Tod im Topf hat, wie man sagt.

Das aber sollten wir heute begreifen und verstehen lernen, daß das bei Jesus ganz anders ist. Sein Leben schließt unser Leben ein. Jesus steht nicht neben uns wie ein Freund, ein Bruder, eine Braut, ein Lehrer neben uns steht, sondern Jesus steht für uns. Er steht im Tode wie im Leben für uns. In diesem einen Menschen ist aller Menschen Leben beschlossen. Und während bei uns das Leben in den Tod eingetaucht ist und dahinein verwandelt und verändert wird, ist bei ihm unser Tod in das Leben einbezogen und in die neue Geburt eines neuen Wesens und Wandels verändert. Das meint Jesus, wenn er sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Das meint er, wenn er hier zu seinen Jüngern in seiner Abschiedsstunde sagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben! Man wird das sehr deutlich machen müssen, was Jesus damit tut. In anderen Ostergeschichten begegnet uns dieses Wort erst nach dem Tode Jesu; erst im Garten des Joseph von Arimathia, wo sie den toten Jesus hingelegt hatten, und als ihn die Frauen suchen gingen, hören die Frauen: Er ist auferstanden. Er lebt. Das kann man vielleicht noch gerade be­greifen. Da denken wir uns das mit dem Leben Jesu so ähnlich, wie wir uns das Sterben und Leben bei uns Menschen denken, vielleicht bei solchen, die wir sehr lieben und an deren Tod wir nicht zu glau­ben vermögen. Aber das ist alles kein Osterglaube. Das ist nicht der Osterglaube, den Jesus mit diesem Wort den Seinen abverlangt. Er verlangt hier einen Glauben, der dem Sterben vorangeht. Ich lebe, — das heißt soviel: wenn ich auch jetzt sterbe, wenn eure Augen von meinem Leben nichts, aber auch gar nichts mehr sehen werden, wenn die anderen triumphieren werden, daß sie jetzt, end­lich, mit mir fertig sind, daß die Woge, die ich zum Wallen ge­bracht habe, beruhigt, die Bewegung, die durch mich über euch ge­kommen ist, zu Ende ist, daß dieses Feuer, das ich angezündet habe, erloschen ist, — wenn sie sagen werden: Sehet, da liegt er. Der, der den Tempel abreißen, der aus der Räuberhöhle ein Bethaus ma­chen wollte, der die Armen im Geist tröstete und sein Wehe aus­rief über die Reichen und Satten, da liegt er! Der Bund von Herodes, dem schlauen Fuchs, und Kaiphas, dem rechtmäßigen Hohenprie-[307]ster, der diesen einen opferte, um das Volk zu retten, dieser Bund von Staat und Kirche hat doch gesiegt. Da liegt er. Er ist gerichtet, und der Himmel hat sich nicht aufgetan, und er ist nicht vom Kreuz herab gestiegen — das hätte er doch gekonnt, wenn er Gottes Sohn war — und dann haben sie ihn abgenommen, wie man tote Men­schen abnimmt von ihrem Marterpfahl, und die Bewegung um Je­sus, die so groß anfing, ist jämmerlich zu Ende gegangen.

Dagegen sagt Jesus seinen Jüngern: Wenn das geschehen wird, dann gerade, dann sollt ihr euch an das halten, was ich euch jetzt sage: Ich lebe. Wenn ihr sehen werdet, wie sie triumphieren, alle, die von einem lebendigen Gott nichts wissen wollen und seinen Tempel zum Mausoleum machen, dann haltet euch an mein Wort: Ich lebe! Ich lebe und regiere in Ewigkeit. Ich regiere auch dort, wo es so aussieht, als ob Herodes und Kaiphas regierten. Nein, das Leben war noch nie auf der Seite dieser seltsamen Richter und Kirchenfürsten, dieser Soldaten und Spötter, dieser Massen und dieser Skeptiker. Das Leben war und ist und wird sein ganz auf der Seite derer, die den Sohn im Vater und den Vater im Sohn finden, wo der Vater für den Sohn eintritt und der Sohn dem Va­ter gehorsam ist. Dort ist das Leben. Auch wo Jesus im Tode ist, da ist das Leben bei ihm. Es sinkt unter, wie eine Taucherglocke untersinkt, aber sie geht nicht unter. Der Tod Jesu ist das Letzte, was Menschen gegen Gott zu tun vermochten, aber: Ich lebe! Und seine Auferstehung ist das Zeichen, der Beweis, daß auch der Tod dieses Leben nicht brechen kann. Denn es ist Gottes eigenes Werk, es ist sein eigenes Leben.

Weihnachten und Ostern gehören untrennbar zusammen. Weih­nachten feiern wir das Wunder der Geburt dieses Lebens, feiern wir die Tatsache, daß das Leben Gottes mitten unter uns in diese Todeswelt getreten ist — und das in der Gestalt dieses einen Men­schen. Ostern ist der Zusammenstoß der Welt Gottes, aus der die­ser Mensch kommt und lebt, mit unserer Welt und mit den Kräf­ten, aus denen wir hier leben und denen wir unterworfen sind. Ostern ist die Entscheidung darüber, ob wir wirklich recht haben, wenn wir Weihnachten singen: Das ew’ge Licht geht da hinein und gibt der Welt einen neuen Schein. Ostern erinnert uns daran, daß [308] es einmal so aussah, als ob dieser Schein erloschen wäre. Als ob auch dieser eine, an dem unser Glaube hängt, nur ein großer Mensch wäre, wie die anderen Großen, deren Namen wir feiern. Aber in Wahrheit leben sie doch alle im Totenreich und ihre Namensfeiern sind Gedächtnisfeiern. Sie wirken noch. Darum bekennen wir uns zu ihnen. Sie sind noch eine geistige Kraft, die uns treibt und hoch­reißt. Darum sind wir ihnen verpflichtet, aber nicht anders, als das Menschengeschlecht seinen Ahnen verpflichtet ist. Nicht wahr, mit­ten durch alle diese Meinungen und leeren Hoffnungen, mit denen wir uns hier in dieser Todeswelt trösten und uns von Jahrhundert zu Jahrhundert weiterschleppen, macht Ostern einen Strich: Hier ist die ganze Hoffnung unseres Lebens in Ihm offenbar geworden — aber auch die ganze Hoffnungslosigkeit ohne ihn, Licht und Schatten sind ganz und endgültig auseinandergetreten. Ich lebe — das heißt im Munde Jesu: Ihr seid die Toten von dem Punkte her gesehen, den ich einnehme. Fragen wir hier aber weiter, was denn das für ein. Punkt ist, von dem aus unser aller Leben wie ein Tod erscheint, wie ein Nichts, wie ein Schatten, dann antwortet uns Je­sus mit allem, was er selbst ist: Dieser Punkt heißt Gott. Wer Gott verliert oder verloren hat, wer nicht mehr von ihm her lebt und auf ihn hin, der kann nicht mehr vom Leben sprechen. Was wirk­lich Leben ist, weiß der nicht mehr. Er weiß es so wenig wie ein Mensch, der von einem schönen, herrlichen Bild einen verdorbenen, entstellten Abdruck hat. Und das ist ja wohl auch so bei uns allen, je mehr wir uns an dieses Leben ohne Gott gewöhnen, je mehr wir uns daran klammern, je inhaltsleerer unser Glauben, Lieben, Hof­fen wird, desto mehr schmecken wir den Tod im Leben. Wir schmecken das Nichtige heraus. Das Leben wird uns zu einer Speise, die uns nicht mehr schmeckt, um nicht mehr zu sagen.

Wir haben am Anfang unserer Predigt gesagt, die Osterbotschaft schwinge in diesen beiden Sätzen: In dem Satz, der von Jesus allein gilt, «Ich lebe!». Er ist die Auferstehung und das Leben. Das ist das eine. Das Präsentische. So redet man, wenn man von der schlecht­hinnigen Gegenwart des Lebens in Jesus redet. In ihm ist Gott ge­genwärtig. Daneben aber steht der andere Satz: «Auch ihr werdet leben.» Ihr — das sind wir, das ist jeder von uns in seiner ein-[309]samsten Todesgebundenheit. Mit unseren fleischlichen Augen sehen wir den Tod in seiner Gültigkeit für alle. Da ist die Geschichte nichts als ein großes Totenfeld, zumal die der letzten 50 Jahre in Europa. Und wer weiß, was noch alles vor uns steht! Aber die Augen des Glaubens sehen etwas anderes: die Verheißung, mit dem Finger Gottes mir ins Herz geschrie­ben: Ihr sollt auch leben. Diese Schule des Glaubens fängt bei mir selber an, bei meinem Tod und bei dem Tode, wo er mich trifft und mich zum Feind und Gegner Gottes machen möchte und vielleicht schon gemacht hat. Hier ist mit dem, was wir fühlen und greifen, nichts getan. Hier muß mit den Augen des Glaubens gesehen und mit der Vernunft des Glaubens geurteilt werden. Ihr werdet leben. Was als Wahrheit in Jesus vor uns steht, in dem Hirten seiner Schafe, den Gott schon herausgeführt hat aus dem Totenreich, dasselbe ist bei uns allen noch im Gange, es ist bei uns noch im Geschehen. Teilweise liegt unser Leben noch in der Todes­nacht, aber es hat eine Mitte bekommen, wo es hell ist. Es ist hin­eingekommen in die Kraft der Verheißung Gottes, die Leben, ewi­ges Leben verheißt. Und wenn wir irre werden wollen an ihr, weil der Tod so stark ist in uns und das Leben so schwach, weil der Tod der Sünde Sold ist und wir abendländischen Nihilisten in die­ser Sache einiges geleistet haben und noch leisten, dann steht diese Verheißung vor uns als Gegenwart, als erfüllt in Jesus, dem leben­digen Herrn. Das ist Ostern! In ihm ist sie ein für allemal Ereignis geworden. Das Leben, zu dem wir berufen sind, ist vor uns in ihm erschienen. Suchen wir es nicht in uns, sondern in ihm. Aller Glau­be, der Leben in uns sucht, ist Scheinglaube und findet am Ende nur den Tod. Der Glaube aber, der sich an den Osterfürsten hält und weiß, daß Jesus nicht mehr stirbt, der wird auch durch den eigenen Tod hindurchreißen, wie Jesus hindurchgebrochen ist. Das sei unser letztes Wort an diesem Ostertage: In Jesus ist Gottes Le­ben gegenwärtig, für uns ist es noch zukünftig. Aber seien wir des­sen gewiß, daß auch für uns der Tod um Jesu Willen dahinten liegt und wir — wenn auch noch durch so mancherlei Dunkel — dem Leben entgegengehen. Das bedeutet: Wiedergeborensein zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

Gehalten in Bonn am 17. April 1960 (Ostersonntag).

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 304-309.

Hier Iwands Predigt als pdf zum Herunterladen.

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