Martin Luther – Eine Lobrede auf die Musik

Luther mit Laute

1538 brachte der Wittenberger Buchdrucker Georg Rhau eine Sammlung geistlicher vierstimmiger Kompositionen mit dem Titel „Symphoniae iucundae” heraus, die eine lateinische Vor­rede Luthers enthielt, in der er sich an Musikstudenten wandte. Diese bekam erst später — wahrscheinlich 1605 von Michael Prätorius — die Bezeichnung „Encomion musices” (Lobrede auf die Musik). Der Torgauer Kantor Johann Walter schätzte diese grundsätzlichen Aussagen Luthers über die Musik so sehr, daß er sie 1564 übersetzte und mit dem Titel „Vorrede des Heiligen tewren Man Gottes, Doctoris Martini Lutheri, von der Himmlischen Kunst Musica, … ” drucken ließ:

Martin Luther grüßt die Musikstudenten mit Heil in Christus.

Ich möchte fürwahr dieses göttliche und überragende Ge­schenk, die Musik, aus ganzer Seele loben und allen an das Herz legen. Aber ich werde von der Vielfalt und der Größe ihrer Kraft und Vortrefflichkeit so überschüttet, dass ich weder Anfang noch Ende noch Form einer Rede finden kann und gezwungen bin, in der größten Möglichkeit zu Lobsprüchen ein dürftiger und gedankenarmer Lobredner zu sein. Denn wer kann alles er­fassen? Und wenn du willst, dass alles erfasst wird, scheint dir, dass nichts erfasst wird.

Zuerst, wenn du die Sache selbst betrachtest, findest du, dass die Musik vom Anfang der Welt an den gesamten Geschöpfen, jedem einzelnen und allen zusammen, mitgegeben und mit ihnen geschaffen worden ist. Denn es gibt nichts ohne Klang und Rhythmus, so dass selbst die Luft, die an sich unsichtbar und unfühlbar und für alle Sinne unwahrnehmbar ist, die von allen am wenigsten für musikalisch, sondern für ganz stumm und nichts gehalten wird, dennoch, wenn sie bewegt wird, klingend und hörbar und auch fühlbar wird. Dadurch zeigt der Geist wunderbare Geheimnisse an (Apg. 2,3f.), von denen zu reden hier nicht der Ort ist.

Aber noch wunderbarer ist die Musik in den Lebewesen, zu­mal in den Vögeln, wie der allergrößte Musiker und König, der göttliche Psalmist David, mit ungeheurem Staunen und froh­lockendem Herzen die wunderbare Geschicklichkeit der Vögel und ihre Sicherheit im Singen rühmt, indem er Ps. 104,12 sagt: „Darüber wohnen die Vögel des Himmels und singen aus den Zweigen.”

Im Verhältnis zur menschlichen Stimme aber sind sie alle [181] nahezu musiklos, so groß ist die überfließende und unfassbare Freigebigkeit und Weisheit des höchsten Schöpfers in dieser einen Sache. Die Forscher haben sich angestrengt, dieses wunderbare Kunstwerk der mensch­lichen Stimme zu er­kennen, auf welche Weise durch eine so leichte Bewegung der Zunge und noch leichtere der Kehle die Luft bewegt wird und jene unendliche Verschiedenheit und Aus­drucksweise der Stimme und Sprache nach dem Willen der lenkenden Seele so mächtig und leidenschaftlich ausbreitet, so dass sie über so große Zwischenräume hinweg ringsum von allen nicht nur klar gehört, sondern auch verstanden werden kann. Aber sosehr sie sich auch bemühen, niemals finden sie es heraus, sondern sie enden mit Verwunderung bei dem Erstau­nen, dass sich bisher noch keiner gefunden hat, der auch nur bestimmen und feststellen konn­te, was jenes Wehen und gewissermaßen Alphabet bzw. der erste Grundstoff ist, nämlich das Lachen (vom Weinen will ich gar nicht erst reden). Sie bewundern es, aber sie erfas­sen es nicht. Diese Überlegungen über die unendliche Weisheit Gottes allein in diesem einen Schöpfungswerk überlassen wir denen, die es besser verstehen und mehr Zeit dafür haben. Wir dagegen nippen kaum davon.

Hier ist über die Verwendung einer so großen Sache zu reden. Durch ihre unendliche Verschiedenheit und Brauchbarkeit übertrifft sie aber die vollendetste Beredsamkeit aller Redner weit. Wir können jetzt nur das eine anzeigen, was die Erfahrung bezeugt, dass die Musik eine Sache ist, die, verdient nach dem Wort Gottes als Herrin und Leiterin der menschlichen Lei­denschaften – über die Tiere muss jetzt geschwiegen werden –, gerühmt werden muss, von denen doch die Menschen selbst wie von ihren Herren geleitet und oft mitgerissen werden. Der Musik kann – wenigstens von uns – kein größeres Lob als dieses ausgesprochen werden. Denn was findest du wirksamer als die Musik, die Traurigen zu trösten, die Fröhlichen zu er­schrecken, die Verzweifelnden zu ermutigen, die Überheblichen zu demütigen, die Leidenschaften zu beschwichtigen? Wer kann alle die Herren des mensch­lichen Herzens aufzählen, nämlich die Leidenschaften und Begierden und Gedanken, die zu allen guten und bösen Taten antreiben? Selbst der Heilige Geist ehrt, die Musik als Werkzeug seiner eigentlichen Aufgabe. Er bezeugt in seiner Heiligen Schrift, dass er den Propheten seine Gaben, d. h. die Neigung zu allen guten Taten, durch sie [182] eingegossen hat, wie bei Elisa zu sehen ist (2. Kön. 3,15). Um­gekehrt wird durch die Musik der Satan, d. h. der Antreiber zu allen bösen Taten, ausgetrieben, wie bei Saul, dem König von Israel, gezeigt wird (1. Sam. 16,23).

Daher haben die Väter und die Propheten nicht vergeblich an­gestrebt, dass nichts mit dem Wort Gottes enger verbunden sein soll als die Musik. Denn davon haben wir so viele Gesänge und Psalmen, in denen sowohl die Rede als auch der Gesang zugleich das Herz des Hörers bewegen, während sich die Musik in den übrigen Lebewesen und Dingen ohne Rede aus­drückt. Endlich ist dem Menschen vor den übrigen allein eine so mit der Singstimme verbun­dene Rede gegeben worden, damit er weiß, dass er Gott mit dem Wort und mit der Musik loben muss, nämlich durch eine klingende Predigt und durch eine mit einer lieblichen Melo­die vermischten Sprache. Wenn du aber die Menschen untereinander vergleichst, siehst du, wie zahlreich und verschie­denartig der ruhmreiche Schöpfer die Gaben der Musik ausge­teilt hat, wie ein Mensch sich vom anderen in der Stimme und in der Sprache unterscheidet, wie einer den anderen wunderbar übertrifft. Denn man sagt, man könnte nicht zwei Menschen fin­den, die in jeder Beziehung in ihrem Gesang und in ihrer Sprache übereinstimmen, auch wenn die einen oft versuchen, die an­deren nachzuahmen wie die einen Affen die anderen.

Wo aber sogar das Studium und die künstlerische Musik hin­zutreten, die die natürliche verbessern, sorgfältig bearbeiten und ausführen, wird es endlich möglich, die vollkommene und vollendete Weisheit Gottes in seinem wunderbaren Werk der Musik zu spüren, aber nicht voll zu erfassen. Daraus ragt beson­ders hervor, dass eine Stimme gesungen wird und, wäh­rend diese Hauptmelodie fortgeführt wird, viele Stimmen rings­um wunderbar scherzen, frohlocken und mit sehr erfreuenden Ausdrücken sie verzieren und so neben ihr gleichsam einen göttlichen Reigen ausführen, so dass denen, die wenigstens mäßig dafür empfänglich sind, nichts Wunderbareres in dieser Welt zu geben scheint. Die aber nicht dafür empfänglich sind, sind wahrhaftig unmusisch und denen würdig, die inzwischen auf einen Schmutzfinken oder auf die Musik von Schweinen hören. [183]

Aber die Sache ist zu groß, als dass in dieser Kürze ihr ganzer Nutzen beschrieben werden könnte. Dir, bester Jüngling, sei dieses edle, heilsame und erfreuende Geschöpf an das Herz gelegt, durch das du dir auch in deinen Leidenschaften gegen schändliche Wünsche und schlechte Gesellschaften bisweilen helfen kannst. Gewöhne dich daran, in diesem Geschöpf den Schöpfer zu erkennen und ihn zu loben und die verderbten Gei­ster, die diese allerschönste Natur und Kunst der Musik­ wie die schamlosen Dichter – für schändliche Leidenschaften missbrauchen, mit aller Anstrengung zu fliehen und zu meiden. Sei gewiss, dass der Teufel diese gegen die Natur, die durch dieses Geschenk allein Gott den Schöpfer loben will und muss, fortreißt, sobald diese ungeratenen Kinder aus dem Geschenk Gottes ein Raubgut machen und damit den Feind Gottes und Gegner dieser allerschönsten Natur und Kunst verehren. Lebe wohl im Herrn.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, hg. v. Horst Beintker, Helmar Junghans und Hubert Kirchner, Band 3: Sakramente, Gottesdienst, Gemeindeordnung, bearbeitet von Helmar Junghans, Berlin 1981, 180-183 (WA 50,368-374).

Hier der Text als pdf.

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