Martin Luther – Warum es in der Kirche Jesu Christi nicht immer still und friedlich zugehen kann

Michael Mathias Prechtl - Martin Luther, inwendig voller Figur

Michael Mathias Prechtl (1926-2003) – Martin Luther inwendig voller Figur (Aquarellzeichnung 1983). Prechtl hat dazu Luthers Gesicht aus einer Zeichnung Johann Reifensteins (1545) kopiert. Dem Kreuzigungsgemälde Lucas Cranachs d.Ä. auf dem Mittelteil des Flügelaltars der Weimarer Stadtkirche (1553) sind Luthers Kragen, die Haltung der Hände zur geöffneten Bibel sowie die Gestalt des Gekreuzigten samt dem aus der Seitenwunde entspringenden Blutstrahl entnommen. Während Prechtl die Seiten der Bibel unbeschrieben lässt, weist bei Cranach Luthers Zeigefinger auf Hebräer 4,16: »Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Gnadenstuhl, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben werden.«

Im Protestantismus gilt das Sittengebot: Jede/r ordinierte Amtsträger/in darf in der Kirche zur Sprache bringen, wie er oder sie für sich selbst den christlichen Glauben versteht – egal ob damit Jesus Christus zum Gottesmann degradiert wird, heillos am Kreuz gestorben ist oder aber im vollen Grab das Zeitliche gesegnet hat. Dieses Freisinnigkeitsgebot kann weder mit dem Lehramt der Heiligen Schrift, noch mit den Verfassungen der Landeskirchen und auch nicht mit dem jeweiligen Ordinationsversprechen in Einklang gebracht werden. Und schließlich widerspricht Martin Luther solch einer Freisinnigkeit mit dem Christus-Bekenntnis. So schreibt er in Die drei Symbole oder Bekenntnisse des Glaubens Christi, in der Kirche einträchtiglich gebraucht von 1538:

Ich habe in allen Geschichten der ganzen Christenheit erfahren und gemerkt, daß alle diejenigen, die den Hauptartikel von Jesus Christus recht gehabt und gehalten haben, fein und sicher in rechtem christlichen Glauben geblieben sind. Und ob sie sonst daneben geirret oder gesündigt haben, sind sie doch zuletzt erhalten worden. Denn wer hierin recht und fest stehet, daß Jesus Christus rechter Gott und Mensch ist, für uns gestorben und auferstanden, dem fallen alle anderen (Glaubens) Artikel zu und stehen ihm fest bei. Das ist so ganz gewiß, daß Paulus Eph. 1, 22 sagt, Christus sei das Haupt, Grund, Boden und die ganze Summe, zu dem und unter welchem sich alles sammelt und findet, und in ihm seien alle Schätze der Weisheit und des Verstandes verborgen, Kol. 2, 3. Er selbst sagt auch (Joh. 15, 5): »wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht«, (Luk. 11, 23): »wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut« usw.

Denn so ists beschlossen (sagt Paulus Kol. 2, 9), daß in Jesus Christus leibhaftig oder persönlich die ganze völlige Gottheit hat wohnen sollen; so daß, wer nicht in Christus Gott findet oder kriegt, der soll außerhalb Christi Gott nimmermehr und nirgend mehr haben noch finden, wenn er gleich über den Himmel, unter die Hölle, hinaus aus der Welt führe. Denn hier will ich wohnen (spricht Gott), in dieser Menschheit, von Maria der Jungfrau geboren usw. Glaubst du es, wohl dir! Wo nicht, wie du willst; dein Unglaube wird hieran nichts ändern. Und Christus will trotz dir wohl (bestehen) bleiben, samt allen seinen Gläubigen, wie er bisher geblieben ist, wider alle Gewalt des Teufels und der Welt.

Umgekehrt habe ich auch gemerkt, daß aller Irrtum, Ketzerei, Abgötterei, Ärgernis, Mißbrauch und Bosheit in der Kirche ursprünglich daher gekommen sind, daß dieser Artikel oder Stück des Glaubens von Jesus Christus verachtet oder verloren worden ist. Und wenn mans bei Licht und recht ansiehet, so streitet alle Ketzerei wider den lieben Artikel von Jesus Christus, wie Simeon Luk. 2, 34 von ihm sagt: daß er sei »gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird«. Und Jesaja (8, 14) hat ihn lange zuvor als einen Fels des Ärgernisses und des Anstoßes verkündigt. Denn was sich stößt, das stößt sich gewiß an diesem Stein, der jedermann im Wege liegt, und von den Bauleuten verworfen wird, wie er selbst aus dem 118. Psalm (V. 22) zeiget; so daß auch Johannes in seiner Epistel (2. Joh. V. 7) kein anderes noch sichereres Zeichen gibt, die falschen und widerchristlichen Geister zu erkennen, als wo sie Jesus Christus leugnen. Denn sie haben alle an ihm Ehre einlegen wollen und haben doch Schande davongebracht.

So hat der Teufel zu tun, und greift Christus mit drei Heerspitzen an: eine will ihn nicht Gott sein lassen, die andere will ihn nicht Mensch sein lassen, die dritte will ihn nicht tun lassen, was er getan hat. Ein jeglicher der drei will Christus zunichte machen. Denn was hilft es, ob du bekennest, daß er Gott sei, wo du nicht auch glaubest, daß er Mensch sei? Denn damit hast du nicht den ganzen rechten Christus, sondern ein Gespenst des Teufels. Was hilft es, ob du bekennest, daß er Mensch sei, wo du nicht auch glaubest, daß er Gott sei? Was hilfts, daß du bekennest, er sei Gott und Mensch, wo du nicht auch glaubest, daß er für dich alles geworden sei und getan habe? Gleichwie es denjenigen nicht geholfen hat, daß sie bekenneten, er wäre für uns gestorben usw., und doch nicht glaubten, daß er Gott (wie die Arianer), oder nicht Mensch (wie die Manichäer) wäre. Es müssen wahrlich alle drei Stücke geglaubt sein, nämlich: daß er Gott sei; ebenso, daß er Mensch sei; ebenso, daß er für uns solcher Mensch geworden sei, das ist, wie das erste Symbol sagt: empfangen vom heiligen Geist, geboren von Maria der Jungfrau, gelitten, gekreuziget, gestorben und auferstanden usw. Fehlets an einem Stücklein, so fehlen alle Stücke. Denn der Glaube soll und muß ganz und vollkommen sein. Ob er wohl schwach sein und angefochten werden kann, soll und muß er dennoch ganz und nicht falsch sein. Schwach sein tut den Schaden nicht, aber falsch sein, das ist der ewige Tod.

Aus dem dritten Haufen werden nun kommen und sind bereits viele vorhanden, die werden nicht glauben, daß Christus von den Toten auferstanden sei, noch sitze zur Rechten Gottes und was mehr von Christus im Glauben(sbekenntnis) folget. Die werden dem Faß den Boden ausstoßen und des Spiels ein Ende machen. Denn damit wird der ganze Christus untergehen. Und wird die Welt nichts vom künftigen Leben halten, so ist dann Christus nichts mehr. Denn wer das künftige Leben nicht hoffet, der bedarf Christi ebensowenig wie die Kühe und anderen Tiere des Paradieses, weil Christi Reich nicht auf Erden ist noch sein kann, wie er selbst vor Pilatus bekennet Joh. 18, 36: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« usw. Solcher Glaube hat zu Rom am Hofe des Papsts angefangen, und derselbe Sauerteig durchsäuert alle geistlichen Stände, von den Kardinälen an bis hin auf die Altaristen. Sie sagen wohl: Christus sei Gott und Mensch und habe gelitten, schelten auch die früheren Ketzer (denn es trägt Geld, Ehre und Gewalt ein), aber daß es ihr Ernst nicht sei, beweiset, daß sie nichts von der Auferstehung und dem ewigem Leben halten.

Hier sind nun etliche ärgerliche, schändliche Leute, die der heiligen Christenheit gar höhnisch vorwerfen können, daß so viel Zwietracht, Sekten, Irrtum, Ketzerei und Ärgernis drinnen zu finden sind, als sollte deshalb die Lehre des Evangeliums billig (für) falsch und unrecht zu achten sein; weil die Christenheit einträchtig und friedlich sein solle. Diese sind gar weise, treffliche Leute, die den heiligen Geist lehren können, wie er die christliche Kirche regieren solle. Ja, Lieber, wenn der Teufel Christus nicht in die Ferse beißen wollte, oder es lassen müßte, so wäre leicht eine solche stille, friedliche Kirche zu haben. Aber nun er Christus feind ist und ohne Unterlaß in seiner Kirche Krieg, Sekten, Aufruhr anrichtet, so tut man ja der lieben Kirche großes Unrecht, daß man ihr an solchem Unfrieden und wüsten Wesen Schuld gibt, welches sie nicht tut, sondern leiden muß.

WA 50,266-270

Hier der vollständige Text von Martin Luther, Die drei Symbole oder Bekenntnisse des Glaubens Christi, in der Kirche einträchtiglich gebraucht, als pdf.

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