Søren Kierkegaard – Christentum hospitalisiert (Die Einschätzung des Arztes)

Krankensaal

Kierkegaards letzte publizistische Unternehmung war seine Abrechnung mit dem organisierten Christentum und insbesondere mit der lutherischen Staatskirche in Dänemark, die er in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Der Augenblick (Øjeblikket) veröffentlichte. Hier der Beitrag „Die Einschätzung des Arztes“ aus der vierten Ausgabe vom 7. Juli 1855:

Dass eine richtige Diagnose (die Einschätzung der Krankheit) mehr als halbgewonnenes Spiel bedeutet, wird jeder Arzt zugeben, und ebenso, dass alle sonstige Tüchtigkeit, alle Fürsorge und Achtsamkeit nichts hilft, wenn nicht richtig diagnostiziert ist.

So auch im Verhältnis zum Religiösen.

Das mit der »Christenheit«, dass wir alle Christen sind, hat man und wird man weiterhin als gültig stehen lassen; und dann hat man bald die eine, bald die andere Seite der Lehre hervorgekehrt und wird es weiterhin tun.

Die Wahrheit aber ist: nicht nur sind wir keine Christen, nein, wir sind nicht einmal Heiden, denen ohne Bedenken die christliche Lehre verkündet werden konnte, sondern wir sind sogar durch einen Sinnentrug, einen ungeheuren Sinnentrug (»Christenheit«, christlicher Staat, christliches Land, eine christliche Welt) daran gehindert, es zu werden.

Und dann will man, dass man den Sinnentrug unan­getastet, unverändert bestehen lässt und dagegen eine neue Darstellung der christlichen Lehre liefert.

Das will man; und in einem gewissen Sinne ist das ganz in seiner Ordnung; eben weil man im Sinnentrug befangen ist (um nicht davon zu reden: wenn man sogar am Sinnentrug interessiert ist), eben deshalb muss man wollen, was die Krankheit nährt — etwas ganz Gewöhnliches, dass dasjenige, wonach den Kranken am meisten gelüstet, eben das ist, was die Krankheit nährt.

2.

Denk Dir ein Krankenhaus. Die Patienten sterben wie Fliegen. Die Methoden werden auf die eine und die andere Weise geändert: hilft nichts. Woran kann es dann liegen? Es liegt am Gebäude, das ganze Gebäude hat Gift in sich; dass die Patienten als an einer Krankheit gestorben verzeichnet werden, der eine an dieser, der andere an jener, ist eigentlich nicht wahr; denn sie sind alle an dem Gift gestorben, das im Gebäude ist.

So im Religiösen. Dass der religiöse Zustand jäm­merlich ist, dass sich die Menschen religiös in einem erbärmlichen Zustand befinden, das steht fest. Einer meint dann, wenn man ein neues Gesangbuch, ein anderer, wenn man eine neue Liturgie, ein dritter, wenn man Gottesdienst mit Musik bekäme usw. usw., würde das helfen.

Vergeblich; denn es liegt am: Gebäude. Das ganze Gerümpel mit einer Staatskirche, wo, geistig gespro­chen, seit unvordenklichen Zeiten nicht gelüftet wor­den ist, die eingesperrte Luft in diesem Gerümpel hat Gift entwickelt. Und deshalb ist das religiöse Leben krank oder ausgestorben, ach, denn eben das, was Weltlichkeit als Gesundheit ansieht, ist, christlich, Krankheit, ebenso wie, umgekehrt, das christlich Gesunde von Weltlichkeit als krankhaft angesehen wird.

Lasst es denn einstürzen, dieses Gerümpel, schafft es weg, schließt all diese Geschäfte und Buden, die einzi­gen, welche die strenge Feiertagsverordnung ausge­nommen hat, macht diese offizielle Zweideutigkeit unmöglich, setzt sie außer Tätigkeit und versorgt sie, all die Quacksalber — denn wenn es sich auch so ver­hält, dass der königlich autorisierte Arzt der rechte Arzt ist und der nicht autorisierte der Quacksalber, dann ist es christlich umgekehrt, eben der königlich autori­sierte Lehrer ist der Quacksalber, ist es, weil königlich autorisiert: und lasst uns Gott wieder in Schlichtheit verehren, statt ihn in Prachtgebäuden zum Narren zu halten, lasst es wieder Ernst werden und mit dem Spiel vorbei sein — denn ein Christentum, verkündet von königlichen Beamten, die vom Staat besoldet und ab­gesichert sind, die gegen die anderen Polizei einsetzen, ein solches Christentum verhält sich zum Christentum des Neuen Testaments ebenso, wie es, an Schwimmen gemessen, ein Spielen ist, wenn man mit Kork oder Blase schwimmt.

Ja, lasst es geschehen; was dem Christentum nottut, ist nicht die erstickende Protektion des Staates, nein, frische Luft tut ihm not, Verfolgung und — die Pro­tektion Gottes; der Staat richtet nur Unheil an, er wehrt die Verfolgung ab, und er ist nicht das Medium, durch das Gottes Protektion sich leiten lässt. Vor allem: erlöst das Christentum vom Staat; mit seiner Protektion liegt er das Christentum tot, wie wenn eine Madame mit ihrem Corpus ihr Kind totliegt, und er lehrt das Christentum die abscheulichsten Unsitten: unter dem Namen Christentum Polizeimacht einzusetzen.

3.

Ein Mensch wird mit jedem Tag magerer, wird ausgezehrt, was kann es sein, er leidet ja doch keine Not. »Nein, gewiss«, sagt der Arzt, »davon kommt es nicht, es kommt gerade von seinem Essen, davon, dass er zur Unzeit isst, dass er isst, ohne Hunger zu haben, Reizmittel benutzt, um ein wenig Esslust hervorzubringen, und auf diese Weise zerstört er seine Verdauung, schwindet dahin, als litte er Not.«

So religiös. Das Verderblichste von allem ist, zu befriedigen, was noch kein Bedürfnis ist, so dass man nicht abwartet, bis das Bedürfnis da ist, sondern ihm zuvorkommt, wohl auch durch Reizmittel versucht, etwas hervorzubringen, was ein Bedürfnis sein soll und was dann befriedigt wird. O es ist empörend! Und doch ist es das, was man auf religiösem Gebiete tut, wodurch man eigentlich die Menschen um das bringt, was die Bedeutung des Lebens ausmacht, und ihnen hilft, das Leben zu vertun.

Denn dafür die ganze Maschinerie mit einer Staats­kirche und 1000 königlichen Beamten, die in der Ge­stalt von Sorge für die Seelen der Menschen ihnen das Höchste im Leben abnarren, dass sie in ihnen ent­stünde, diese Selbstkümmernis, dieses Bedürfnis, das dann wahrlich schon einen Lehrer, einen Pfarrer nach seinem Sinne fände, statt dass jetzt das Bedürfnis – und eben das Entstehen dieses Bedürfnisses im Men­schen ist die höchste Bedeutung des Lebens — gar nicht entsteht, sondern dadurch, dass es befriedigt wird, lange bevor es entstanden ist, am Entstehen ge­hindert wird. Und das soll das Fortsetzen einer Tätig­keit sein, die der Erlöser des Menschengeschlechts voll­führte, dies, dieses Verhunzen des Menschenge­schlechts — und warum? weil nun einmal so und so viele königliche Beamte da sind, die unter dem Namen Sorge für die Seelen mit Familie davon leben müssen!

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 68-71.

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