Martin Luther – „Der Glaube schlachtet die Vernunft“ (Vom sacrificium intellectus)

JHWHs Bund mit Abram (Gen 15,1-21)

JHWHs Bund mit Abram (Gen 15,1-21)

Der liberale Protestantismus weiß Martin Luther als vermeintlichen Ahnherr des eigenen subjektiven Glaubensbewusstseins zu feiern. Dabei ist es gerade Luther, der die liberalprotestantische Vernunftgläubigkeit mit deren Eliminierung der christlichen Glaubensartikel auf das Schärfste kritisiert. In seiner Auslegung zum Galaterbrief von 1531 fordert Luther sogar das sacrificum intellectus, also das gottesdienstliche Opfer des Verstandes zugunsten des wortgebundenen Glaubens an den dreieinigen Gott ein:

Gal 3,6: So hat doch „Abraham Gott geglaubt, und es ist ihm gerechnet zur Gerechtig­keit“ (1.Mose 15,6).

Bisher hat Paulus von der Erfahrung her argumentiert. — Jetzt fügt Paulus das Beispiel Abra­hams hinzu und zitiert die Zeugnisse der Schrift. Das erste steht 1.Mose 15,6: „Es glaubte Abraham etc.“. Auf diese Stelle stützt sich [139] Paulus hier ganz stark und dann hauptsäch­lich im Römerbrief 4,2 f.: „Wenn Abraham“, heißt es dort, „aus den Werken des Gesetzes gerechtfertigt ist, dann hat er Gerechtigkeit und Ruhm, aber nicht bei Gott“, sondern bei den Menschen, denn bei Gott hat er Sünde und Zorn. Bei Gott aber ist er nicht deswegen gerecht­fertigt, weil er Werke tat, sondern weil er glaubte. „Denn die Schrift sagt: es glaubte Abraham Gott, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Diese Schriftstelle aus 1.Mose 15, 6, wie sie’s denn würdig ist, hat Paulus im genannten Römerbriefkapitel großartig ausge­legt und wichtig ge­macht. Abraham, so sagt der Apostel, ist nicht schwach geworden im Glau­ben und sah nicht seinen erstorbenen Leib an, als er ungefähr hundert Jahre alt war, sah auch nicht auf den erstorbenen Leib der Sara, blieb nicht unentschlossen-mißtrauisch der Verheißung Gottes gegenüber, sondern wurde stark im Glauben, gab Gott die Ehre und wußte auf’s gewisseste, daß, was Gott verheißen hat, das kann er auch tun. Das ist ihm zur Gerechtigkeit ge­rechnet. Es ist aber nicht nur seinetwegen geschrieben, sondern auch unse­retwegen.

Paulus macht hier aus dem Glauben an Gott den höchsten Gottesdienst, die höchste Hingabe, den höchsten Gehorsam und das höchste Opfer. Wer sich auf die Redekunst versteht, achte auf diese Stelle sehr genau, und er wird sehen, daß der Glaube eine allmächtige Sache ist und daß seine Kraft unab­schätzbar und unendlich ist. Der Glaube gibt Gott die Ehre, und Größeres kann man Gott nicht geben. Gott die Ehre geben, das heißt ihm glauben, heißt ihn für wahr­haftig halten, für weise, gerecht, barmherzig, allmächtig, alles in allem: Gott die Ehre geben, heißt ihn als den Urheber und Geber alles Guten anerkennen. Das bringt die Vernunft nicht fertig, aber der Glaube. Der Glaube vollendet die Gottheit und daß ich so sage, er ist der Schöpfer der Gottheit, nicht in der Person Gottes, sondern in uns. Denn ohne Glauben ver­liert Gott in uns seine Ehre, seine Weisheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Barm­herzigkeit etc. Alles in allem, Gott hat keine Majestät und Gottheit, wo nicht der Glaube ist. Und Gott verlangt von dem Menschen nichts weiter, als daß er ihm seine Ehre und Gottheit zugestehe, d. h. daß er ihn nicht für ein Göt­zenbild halte, sondern für Gott, der auf den Menschen sieht, ihn erhört, sich seiner erbarmt, hilft etc. Wenn ihm das zugebracht wird, behält er seine Gottheit unver­sehrt und unverletzt, d. h. er hat, was das gläubige Herz ihm zuteilen kann. Und diesen Ruhm Gott zuteilen können, ist der Inbegriff aller Weisheit, aller Gerechtigkeit, aller Religion und alles Opfers. Da kannst du sehen, was für eine große Gerechtigkeit der Glaube ist, und umge­kehrt, was für eine große Sünde der Unglaube ist.

Der Glaube also rechtfertigt, weil er Gott gibt, was ihm gebührt; wer das tut, der ist gerecht. (So bestimmt auch die Jurisprudenz, daß der gerecht sei, der jedem das Seine gibt.) Der Glaube spricht also: Ich glaube dir Gott, was du redest. Was aber spricht Gott? Unmögliche Dinge, Worte, die als Lügen erscheinen, als töricht, schwach, absurd, verabscheuungswürdig, ketzerisch, [140] teuflisch, – wenn man nach der Vernunft urteilt. Denn was ist lächerlicher, törichter, unmöglicher, als wenn Gott zu Abraham sagt, daß er aus dem un­fruchtbaren und schon erstorbenen Fleisch der Sara einen Sohn erhalten sol­le?

So wirft uns Gott allezeit, wenn er Artikel des Glaubens vorstellt, einfach unmögliche und absurde Dinge entgegen, wenn du nach dem Urteil der Ver­nunft gehen willst. So erscheint es der Vernunft gewiß lächerlich und absurd, daß uns im Hl. Abendmahl Leib und Blut Christi ausgeteilt werden; daß die Taufe Bad der Wiedergeburt und Erneuerung durch den Hl. Geist sei; daß die Toten am Jüngsten Tag auferstehen; daß Christus, der Sohn Gottes, emp­fangen und getragen wurde im Schoß der Jungfrau, daß er geboren wurde, den unwürdigsten Tod am Kreuze erlitt, auferweckt wurde, jetzt sitze zur Rechten des Vaters und alle Gewalt habe im Himmel und auf Erden. (Paulus nennt das Evangelium von dem gekreuzigten Christus das Wort vom Kreuz und eine törichte Predigt, die die Juden als ärgerliche, die Heiden als törichte Lehre beurteilen etc.) So urteilt die Vernunft über alle Artikel des Glaubens. Sie versteht ja nicht, daß es höchster Gottesdienst ist, das Wort Gottes zu hö­ren und zu glauben. Sondern sie meint, daß das, was sie selbst auserwählt und Gutes tut – wie sie sagen: mit Zielstrebigkeit und Eigenhingabe –, Gott gefalle. Daher, wenn Gott redet, urteilt die Vernunft, sein Wort sei Ketzerei und Teufelswort, es erscheint ihr nämlich als absurd etc. Dieser Art ist die Theo­logie aller Sophisten und Sektierer, die das Wort Gottes mit der Vernunft messen.

Aber der Glaube schlachtet die Vernunft (fides occidit rationem) und tötet jenes Tier, das die ganze Welt und alle Kreaturen nicht töten können. So hat es Abraham durch den Glauben ans Wort Gottes getötet, durch das ihm Samen aus der unfruchtba­ren und bereits gebärunfähigen Sara versprochen wurde. Diesem Wort hat die Vernunft Abrahams gewiß nicht alsbald zustimmen können, gewiß kämpfte seine Vernunft in ihm gegen den Glauben, hielt es für lächerlich, ab­surd und unmöglich, daß Sara, die nicht nur schon 90 Jahre zählte, sondern auch von Natur unfruchtbar war, ihm einen Sohn gebären solle. Diesen Kampf hatte tatsächlich der Glaube mit der Ver­nunft in Abraham. Aber der Glaube in ihm hat gesiegt, hat geschlachtet und geopfert jenen höchst erbit­terten und ganz verderblichen Feind Gottes. So müssen alle Frommen mit Abra­ham in die Finsternis des Glaubens hineinschreiten, müssen ihre Ver­nunft töten und sprechen: Du Vernunft bist töricht, verstehst nicht, was Got­tes Sachen sind, daher widerstrebe mir nicht, sondern schweige, maße dir kein Urteil an, sondern höre Gottes Wort und glaube! Da schlach­ten die Frommen im Glauben die Bestie, die größer ist als die Welt und so bringen sie Gott die willkommensten Opfer und den wahren Gottesdienst dar.

Quelle: D. Martin Luthers Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, hrsg. v. Hermann Kleinknecht, Göttingen 1980, Seiten 138-140.

Hier Luthers Text als pdf.

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