versus populum oder ad orientem – in welche Richtung beten bzw. reden?

Altar Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin

Versus populum oder ad orientem – das ist die liturgische Streitfrage in der römisch-katholischen Kirche. Jüngst hat der Chef der Gottesdienstkongregation im Vatikan, Kardinal Robert Sarah, auf der Sacra Liturgia-Konferenz in London, die liturgisches Ausrichtung des Zelebranten ad orientem vorgeschlagen, wie dies ja vor der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanum üblich gewesen ist. Man mag da einen Traditionalismus vermuten. Mitunter heißt es ja in katholisch-traditionalistischen Kreisen, die liturgische Zuwendung des Priesters/Pfarrers sei Martin Luther zu verdanken, hat doch dieser in seiner „Deutschen Messe“ von 1526 geschrieben: „In der rechten Messe unter echten Christen darf der Altar nicht so bleiben und der Priester muss sich immer zum Volk wenden, wie es Christus ohne Zweifel im Abendmahl getan hat.“ (WA 19,80). Aber Christina Rietz in ihrem Artikel „Schau mir nicht in die Augen“ hinterfragt versus populum aus ganz anderen Gründen.

Wer als evangelischer Pfarrer bei ökumenischen Schulgottesdiensten in einer katholischen Kirche hinter dem (Volks-)Altar versus populum zu sitzen kommt, fühlt sich mitunter auf einem liturgischen Präsentierteller. Und in der Tat lässt sich fragen, ob nicht eine gemeinsame Ausrichtung aller Betenden „in Richtung auf die aufgehende Sonne“ auf den ankommenden Herrn hin angebracht ist. Der (leere) Altar als symbolische Zentrierung des Gebets von Seiten der Gemeinde ad orientem und von Seiten der Liturgin versus populum kann dieser Gebetsgemeinschaft keinen wirklichen Anhalt geben. Da wird versus populum viel eher zur Bühnenperformanz, wo der Liturg den Gläubigen etwas Bedeutsames vorzutragen sucht. Die Anrufung des dreieinigen Gottes wird allzu leicht in einen sinnstiftenden Gebetsautismus zurückgenommen. Man mag einwenden, dass versus populum einer sakrifiziellen Deutung priesterlichen bzw. pastoralen Handelns zu wehren weiß. Aber das überzeugt nicht wirklich. Wo der Pfarrer bzw. der Priester permanent der Gemeinde gegenübersitzt bzw. gegenüber tritt, wird einer klerikalen Konfrontation innerhalb der Kirche Vorschub geleistet.

Abendmahl

Unter Beachtung einfacher liturgischer Regeln kann ad orientem und versus populum evangelischerseits in ein richtiges Zusammenspiel gebracht werden: Wird primär die Gemeinde angeredet, ist versus populum angesagt, also beispielsweise bei der liturgischen Eröffnung. Wird primär der dreieinige Gott angerufen bzw. angeredet, geschieht dies gemeinsam ad orientem, beispielsweise beim Kyrie, Gloria, Tagesgebet sowie im Gemeindelied. Die Lesungen mit Evangelium und Predigt sowie die Abkündigungen sprechen die Gemeinde an, also versus populum. Das Glaubensbekenntnis ist homologisch und zugleich lobpreisend, daher gemeinsam ad orientem. Gebetsanliegen für die Fürbitten sind versus populum, die Prosphonese hingegen ad orientem. Offertorium, Präfation und die Teile des eucharistischen Gebets vor den Einsetzungsworten sind ad orientem. Mit den Einsetzungsworten, die ja zugleich Zuspruch des Evangeliums sind, handelt die Liturgin an Christi Statt und wendet sich damit der Gemeinde (versus populum) zu. In der Gegenwart Christi in Leib und Brot auf dem „Tisch des Herrn“ ist die gottesdienstliche Zentrierung vorhanden, die das liturgische Gegenüber beim Vaterunser, dem Agnus Dei und der Kommunion gelten lässt. Das Post-Communio-Gebet hingegen als Dankgebet wäre wiederum ad orientem,  während der Segen versus populum abschließt.

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Eine Antwort to “versus populum oder ad orientem – in welche Richtung beten bzw. reden?”

  1. Holger Forssman Says:

    So war es in Erlangen Bruck üblich. Da waren wir konservativer als die Katholiken mit ihrem Volksaltar, der zusätzlich in die alten Kirchen eingefügt wurde. Jetzt sind wir in München St. Johannes. Die Kirche ist genordet (nicht geordnet) und hat nur einen Altar, der uns immerzu auf die Gemeinde schauen lässt.

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