Søren Kierkegaard – Der Pfarrer beweist nicht nur die Wahrheit des Christentums, er widerlegt sie zugleich

Amtstracht eines lutherischen Geistlichen

Kann ein Pfarrer das Evangelium glaubwürdig bezeugen? Kierkegaard verneint dies mit folgender Begründung: „Der Beweis dafür, dass etwas Wahrheit ist, aus der Bereitschaft, dafür zu leiden, der kann nur von einem geführt werden, der selber bereitwillig dafür leidet. Der Beweis des Pfar­rers: die Wahrheit des Christentums daraus zu beweisen, dass er Geld dafür nimmt, Profit davon hat, davon lebt, mit Familie, regelmäßig befördert, davon lebt — dass andere gelitten haben, ist Widerspruch in sich, ist, christlich, Prellerei.“ Hier Kierkegaards Text „Der Pfarrer beweist nicht nur die Wahrheit, er widerlegt sie zugleich“ aus Øjeblikket (Der Augenblick), Nr. 9 vom 24. September 1855:

Zu geoffenbarter Wahrheit gibt es nur ein Verhalten: zu glauben.

Dass man glaubt, lässt sich nur auf eine Art beweisen: dadurch, dass man bereit ist, für seinen Glauben zu leiden; und der Grad des eigenen Glaubens wird nur durch den Grad der eigenen Bereitschaft bewiesen, für seinen Glauben zu leiden.

Auf die Weise kam das Christentum in die Welt; ihm dienten Zeugen, die bereit waren, unbe­dingt alles für ihren Glauben zu erleiden, und die wirklich auch leiden, die Leben und Blut für den Glauben opfern mussten.

Der Mut ihres Glaubens macht dann seinen Ein­druck auf das Menschengeschlecht, das zu folgendem Schluss veranlasst wird: Was den Menschen dazu be­geistern kann, solcherart alles zu opfern, Leben und Blut zu wagen, das muss doch Wahrheit sein.

Das ist der Beweis, der für die Wahrheit des Chri­stentums geführt worden ist.

Jetzt hingegen ist der Pfarrer so gut, dies zu seinem Gewerbe zu machen (aber Gewerbe ist doch wohl gerade das Gegenteil von Leiden, von Geopfertwerden, worin der Beweis liegt): die Wahrheit des Chri­stentums daraus zu beweisen, dass Menschen gelebt haben, die für das Christentum alles geopfert, die Leben und Blut gewagt haben.

Also Beweis und Widerlegung auf einmal! Der Beweis für die Wahrheit des Christentums daraus, dass man alles dafür gewagt hat, wird ja dadurch widerlegt oder verdächtig gemacht, dass der Pfarrer, der diesen Beweis vorträgt, gerade das Gegenteil tut. Wenn man die Herrli­chen, die Wahrheitszeugen, alles für das Christentum wagen sieht, wird man zu diesem Schluss veranlasst: das Christentum muss Wahrheit sein; wenn man auf den Pfarrer acht gibt, wird man zu diesem Schluss veranlasst: das Christentum ist wohl nicht die Wahrheit, sondern der Profit ist die Wahrheit.

Nein, der Beweis dafür, dass etwas Wahrheit ist, aus der Bereitschaft, dafür zu leiden, der kann nur von einem geführt werden, der selber bereitwillig dafür leidet. Der Beweis des Pfar­rers: die Wahrheit des Christentums daraus zu beweisen, dass er Geld dafür nimmt, Profit davon hat, davon lebt, mit Familie, regelmäßig befördert, davon lebt — dass andere gelitten haben, ist Widerspruch in sich, ist, christlich, Prellerei.

Und deshalb muss der »Pfarrer«, christlich, gehalten werden, wie man, bürgerlich, davon spricht, einen Dieb zu halten. Und wie einem Juden »Hepphepp« nachgerufen wurde, so soll, bis man keinen Pfarrer mehr sieht, dem Pfarrer nachgerufen werden: Haltet den Dieb! Haltet ihn, er stiehlt, was den Herrlichen gehört! Was sie durch ihre edle Uneigennützigkeit verdient hatten, was sie aber, mit Undank belohnt, verfolgt, erschlagen, nicht bekamen, das stiehlt der Pfarrer ihnen dadurch, dass er ihr Leben vereinnahmt, ihre Leiden schildert, die Wahrheit des Christentums aus der Bereitschaft jener Herrlichen beweist, für sie zu leiden. So bestiehlt der Pfarrer die Herrlichen; und so betrügt er den Einfältigen, die Menge der Men­schen, die keine Fähigkeit haben, den Handel des Pfarrers zu durchschauen: dass er die Wahrheit des Christen­tums beweist und sie zugleich widerlegt.

Was Wunder denn, dass das Christentum gar nicht vorhanden ist, dass das Ganze mit der Christenheit Galimathias ist, wenn diejenigen, die Christen sind, es in Vertrauen auf den Beweis des Pfarrers sind, wenn sie annehmen, das Christentum sei Wahrheit, in Ver­trauen auf den Beweis des Pfarrers: dass etwas Wahr­heit ist, weil einer bereitwillig genug ist, davon Profit zu haben und vielleicht sogar, raffinierend, den zusätzlichen Profit nimmt, zu versi­chern, er sei bereit, zu leiden. In Vertrauen auf diesen Beweis die Wahrheit des Christentums anzunehmen, ist ebenso sinnlos, wie sich selbst als einen wohlhabenden Mann anzusehen, weil man viel Geld in den Händen hat, das einem nicht gehört, oder weil man etliches Papier­geld besitzt, aus­gestellt von einer Bank, die keine Valuta besitzt.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 238-240.

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