Søren Kierkegaard – Die Wahrheit über die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesellschaft

Bischof Jakob Peter Mynster (1775-1854)

Bischof Jakob Peter Mynster (1775-1854)

Kierkegaards letzte publizistische Unternehmung war seine Abrechnung mit dem organisierten Christentum und insbesondere mit der lutherischen Staatskirche in Dänemark, die er in der von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift Der Augenblick (Øjeblikket) veröffentlichte. Hier seine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Stellung der Pfarrers „Die Wahrheit über die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesellschaft“ aus der siebten Ausgabe vom 30. August 1855:

Wie ein Statistiker, der mit derlei vertraut ist, wenn man ihm die Volksmenge einer großen Stadt nennte, die Verhältniszahl für das müsste angeben können, was eine solche Stadt an öffentlichen Frauenzimmern ver­braucht; wie ein Statistiker, der damit vertraut ist, wenn man ihm die Größe einer Armee nennte, die Verhältniszahl für das bestimmen können müsste, was eine Armee dieser Größe an Ärzten braucht, wenn sie gut versorgt sein soll: so müsste auch ein Statistiker, der sich damit befasste, wenn man die Volksmenge in einem Land nennte, die Verhältniszahl für das be­stimmen können, was ein solches Land an Meineidern (Pfarrern) brauchen wird, wenn es, unter dem Namen Christentum, gegen das Christentum völlig gesichert sein sollte, oder völlig vertrauensvoll darauf, unter dem Schein, das Christentum zu haben — Heidentum leben zu können, sogar beruhigt und raffiniert dadurch, dass es Christentum ist.

Von diesem Blickpunkt aus ist die Wahrheit über die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesellschaft zu sehen, oder welche Bewandtnis es in Wahrheit mit seiner Bedeutung hat.

Das Christentum ruht, als auf seiner Voraussetzung, in dieser Betrachtung des Menschendaseins: dass das Menschengeschlecht ein verlorenes Geschlecht ist, dass jeder Einzelne, der geboren wird, dadurch, dass er geboren ist, dass er solcherart einem Geschlecht angehört, ein Verlorener ist. Das Christentum will daher jeden Einzelnen erlösen, macht aber keinerlei Hehl daraus, dass, wenn damit Ernst gemacht werden soll, dieses Leben unbedingt das Gegenteil dessen wird, wofür ein Mensch Geschmack und Sinn hat, eitel Leiden, Qual, Elend.

Darauf geht der Mensch selbstverständlich nicht ein; unter Millionen ist vielleicht kein einziger, der redlich und ehrlich darauf eingehen würde. Für den »Men­schen«, für das »Menschengeschlecht«, für die »Ge­sellschaft« wird die Aufgabe also, sich mit aller Macht gegen das Christentum zu wehren, das als Todfeind des Menschen betrachtet werden muss.

Doch offen mit dem Christentum zu brechen, »nein«, sagt der Mensch, klug, wie er ist, »nein, das ist nicht klug, das ist sogar unvorsichtig und bringt auf keine Weise hinreichend Sicherheit. Eine so ungeheure Macht, wie das Christentum ist — wenn man gerade ihr gegenüber so ehrlich ist, sich so sehr auf sie einlässt, dass man sie geradeheraus verwirft; riskiert man, dass man dieser Macht am Ende doch in die Finger gerät, als Strafe dafür, dass man sich unklugerweise mit ihr eingelassen hat — denn sie ehrlich verwerfen, heißt in gewisser Weise doch, sich auf sie einlassen.«

Nein, hier gehören ganz andere Mittel hin, hier muss der schlaue Kopf »Mensch« ganz anders auf seinem Posten sein.

Und jetzt fängt die Komödie an. Für eine Volks­menge von der und der Größe wird man, so sagt der Statistiker, eine so und so große Anzahl von Meineidern brauchen. Die werden engagiert. Dass dasjenige, was sie verkünden, dass dasjenige, was ihr Leben aus­drückt, nicht das Christentum des Neuen Testaments ist, sehen sie wohl selber; aber sie sagen: es ist unser Broterwerb, für uns gilt es, die Ohren steifzuhalten, uns nicht anfechten zu lassen.

Das waren die Meineider. Die Gesellschaft hat viel­leicht eine Art Ahnung davon, dass es mit diesem Eid auf das Neue Testament wohl nicht seine richtige Be­wandtnis hat. Doch für uns, denkt die Gesellschaft, ist die Aufgabe natürlich, die Ohren steifzuhalten, so zu tun, als wäre alles in seiner Ordnung. »Wir«, so sagt die Gesellschaft, »wir sind nur Laien, wir ruhen getrost im Vertrauen auf den Pfarrer, der ja durch Eid auf das Neue Testament verpflichtet ist.«

Jetzt ist die Komödie vollkommen; alles ist Christ und christlich, und Pfarrer — und alles drückt das genaue Gegenteil vom Christentum des Neuen Testaments aus. Aber es ist wie unmöglich, das Ende dieses so schlau Verwickelten zu erwischen, es ist wie unmöglich, hinter diesen Schein zu kommen. Wie sollte jemand darauf verfallen, zu bezweifeln, dass das Chri­stentum vorhanden ist, das ist ja genauso unmöglich, wie dass einer darauf verfallen könnte, der Pfarrer sei ein Gewerbetreibender, er ist ja durch Eid dazu ver­pflichtet, dieser Welt zu entsagen, so dass also das Gewerbe, das Geschäft, unter der Bezeichnung Ent­sagung von dieser Welt läuft, ebenso verwirrend, wie wenn einer, der ankommt, Lebwohl sagt, wie sollte jemand darauf verfallen, wenn man das Wort Lebwohl hört, dass da einer ankommt, und wie sollte jemand darauf verfallen — worauf wohl auch keiner verfallen ist oder was, wenn ich es nicht selber gesagt hätte, wohl auch keiner gewusst hätte, von wem ich unter dem Namen »Meineider« spreche, dass es der »Pfarrer« ist, der »Pfarrer«, der ja gerade: Wahrheitszeuge ist.

Das ist die Bedeutung des »Pfarrers« für die Gesell­schaft, die von Geschlecht zu Geschlecht eine »not­wendige« Anzahl von Meineidern verbraucht, um unter dem Namen Christentum gegen das Christentum völlig gesichert zu sein und völlig gesichert, Heidentum leben zu können, vertrauensvoll gemacht, sogar raffi­niert dadurch: dass das Christentum ist.

Natürlich gibt es im ganzen Pfarrerstand keinen einzigen Ehrlichen. Ja, ich weiß schon, dass Leute, die im Übrigen nicht abgeneigt sind, in dem, was ich sage, mit mir einig zu sein, doch meinen, ich müsste Aus­nahmen machen, es gebe doch einzelne. Nein, danke; darauf zu sprechen kommen hieße, in den Quatsch hineinkommen; denn das Ergebnis wäre dann ver­mutlich, dass der ganze Stand und die ganze Gesell­schaft mir in allem, was ich sage, recht gäbe, denn jeder für sich würde natürlich meinen, er sei die Aus­nahme. Es gibt aber, ganz buchstäblich, keine Aus­nahme; es gibt, ganz buchstäblich, keinen einzigen ehrlichen Pfarrer. Die Polizei möge sich nur diesen vermeintlich Ehrlichen, selten und außerordentlich Red­lichen etwas genauer ansehen: und wer sehen will, der wird bald sehen, dass auch der nicht ausgenommen ist; denn es gibt ganz buchstäblich keinen einzigen Ehr­lichen.

Erstens kann er doch wohl nicht so dumm sein, nicht zu sehen, dass die Weise, wie er entlohnt wird, christlich, durchaus unzulässig ist, genau gegen die Anordnung Christi ist; item, dass sein ganzes Dasein als Einheit aus Staatsdiener und Jünger Christi, christlich, durchaus unzulässig ist, genau gegen die Anordnung Christi eine Zweideutigkeit, so dass man (obschon aus einem anderen Grunde als dem, warum es gegen Ver­brecher gebraucht wird, — denn der »Pfarrer« läuft schwerlich weg, davor braucht man keine Angst zu ha­ben) verlangen könnte, dass seine Tracht zweifarbig sei[1]*), um auszudrücken: teils-teils, sowohl-als-auch. — Zwei­tens; dadurch, dass er Mitglied des Standes ist, hat er an der Schuld des ganzen Standes teil; wenn der ganze Stand Verderbtheit ist, kann Ehrlichkeit nur dadurch ausgedrückt werden, dass man es unterlässt, Mitglied dieses Standes zu werden, sonst bewirkt man ja nur – wenn wir das mit seiner Ehrlichkeit einen Augenblick gelten lassen wollen —, dass der Stand dadurch, dass er ihn dabei hat, einen bekommt, auf den er sich berufen kann, was er gerade nicht haben sollte. Es ist, wie wenn die Polizei bei einer Ansammlung den Leuten bedeutet, sich wegzuverfügen: kein guter Bürger bleibt dann stehen; stehenzubleiben ist eben das Zei­chen dafür, dass man Gemeinschaft haben will mit denen, die trotz des Verbotes der Polizei stehenblei­ben. Einen Augenblick aber soll ruhig gelten, dass dieser Mann, der stehenbleibt, ein höchst respektabler, ein guter Bürger ist; wir wollen darüber hinwegsehen, dass er es durch sein Stehenbleiben widerlegt; durch sein Stehenbleiben richtet er in einem anderen Sinne großen Schaden an. Die Ansammlung bekommt jetzt einen, auf den sie sich berufen kann, und das bewirkt vielleicht, dass die Polizei nicht so energisch vorgehen kann, wie nötig wäre, nur weil dieser »gute Bürger« dabei ist. — Drittens; vielleicht ist dieser vermeintlich Ehrliche so weit davon entfernt, eine Ausnahme zu sein, dass er, nur auf eine feinere Weise, sogar schlim­mer ist als andere. Unter Blinden ist bekanntlich der Einäugige König; und das ist ganz schlau ausgedacht: wenn man darauf abzielt, für einen billigen Preis als etwas Außerordentliches zu gelten, sich dann in die Gesellschaft der Mittelmäßigkeit, der Jämmerlichkeit, der Unredlichkeit zu begeben; hier wird, durch den Gegensatz, das eigene bisschen Ehrlichkeit sich brillant ausnehmen, o ja, wenn nicht dieses schlaue Ausnutzen der Beleuchtung eine weitaus tiefere Art von Unehr­lichkeit wäre als die unverhohlene der anderen.

Nein, es gibt ganz buchstäblich keinen einzigen ehrlichen Pfarrer. Und dagegen ist durch die Anwe­senheit des »Pfarrers« die ganze Gesellschaft, christ­lich, eine Niederträchtigkeit, was sie so jedoch nicht wäre, wenn der »Pfarrer« nicht dabei wäre.

Von morgens bis abends drücken diese Tausende oder Millionen der Gesellschaft die Anschauung des Lebens aus, die der des Christentums genau entgegen­gesetzt ist, so sehr entgegengesetzt wie Leben zu Sterben. Das kann man nicht niederträchtig nennen, das ist menschlich. Aber jetzt kommt das Niederträchtige: dass 1000 auf das Neue Testament vereidigte Männer dabei sind, die selber, wie die ganze übrige Gesellschaft, die Anschauung des Lebens ausdrücken, die der des Christentums genau entgegengesetzt ist, aber zugleich der Gesellschaft versichert, dies sei Chri­stentum. Jetzt ist die Gesellschaft eine Niederträch­tigkeit.

Im Sinne des Neuen Testaments Christ sein ist, in aufsteigender Richtung, vom Menschsein ebenso ver­schieden, wie Menschsein, in absteigender Richtung, vom Tiersein verschieden ist. Ein Christ im Sinne des Neuen Testaments ist, obschon er, leidend, mitten in der Wirklichkeit dieses Lebens steht, diesem Leben jedoch durchaus entfremdet, er ist, wie es in der Schrift heißt, auch in den Kollekten (die — blutige Satire! — noch von der Sorte Pfarrer verlesen wird, die wir jetzt haben, und der Sorte Christen, die jetzt lebt) Fremdling und Pilger — man stelle sich nur vor, wie z. B. der verstorbene Bischof Mynster psalmodiert: Wir sind Fremdlinge und Pilger in dieser Welt. Ein Christ im Sinne des Neuen Testaments ist buchstäblich ein Fremdling und Pilger: er fühlt sich fremd, und jeder spürt unwillkürlich, dass er ihm fremd ist.

Lass mich ein Beispiel nehmen. So zu leben, dass man angestrengter arbeitet als ein Zwangsarbeiter, und dadurch erreicht, dass man Geld zusetzt, gar nichts wird, ausgelacht wird u. dgl.: diese Art zu leben muss sich für die Menge der Menschen wie eine Art Ver­rücktheit darstellen, jedenfalls werden die Vielen sich befremdet fühlen, werden befremdet auf eine solche Lebensweise blicken. Die Wahrheit indes ist die, dass eine solche Lebensweise dem Christentum des Neuen Testaments entspricht. Lassen wir jetzt einen, der so lebt, in einer christlichen Gesellschaft leben, wo es eine ganze Mannschaft von durch Eid auf das Neue Testa­ment verpflichteten Lehrern gibt: da kommt die Nie­derträchtigkeit. Diese vereidigten Lehrer, ja gerade angesichts ihrer und ihrer Lebensweise fühlt die Menge sich nicht befremdet, das kennen die Vielen gut, das ist ja ihr Eigenes: es lebe der Profit, Tätigsein im Ge­werbe, das sich durch das eine und das andere bezahlt macht. Aber diese Lehrer, sie sind ja Pfarrer, also müssen sie doch wohl, als auf das Neue Testament vereidigt, wissen, was Christentum ist, also geben sie der Menge die Garantie dafür, dass dieses Profitable u. dgl., dass das wahres Christentum ist. Wenn dann die Menge, solcherart belehrt, gerade angesichts einer sol­chen Lebensweise wie der beschriebenen sich befrem­det fühlt, geneigt ist, sie für Verrücktheit anzusehen (was noch nicht niederträchtig, sondern menschlich ist), so meint jetzt die Menge, christlich, dazu berechtigt zu sein, über ein solches Leben zu urteilen, es sei eine Art Verrücktheit. Das ist niederträchtig, und diese Niederträchtigkeit ist auf die Anwesenheit des —»Pfarrers« zurückzuführen.

Einmal verlief das Gespräch mit dem verstorbenen Bischof Mynster so: ich sagte zu ihm, die Pfarrer könn­ten das Predigen fast genauso gut lassen, all ihr Predi­gen bringe gar keine Wirkung hervor, weil die Ge­meinde in aller Stille im Nacken hinten denke: ja, das ist sein Broterwerb. Darauf antwortete Bischof Mynster erstaunlicherweise: Daran ist etwas. Diese Antwort hatte ich eigentlich nicht erwartet; denn zwar geschah das unter vier Augen, aber Bischof Mynster pflegte, was diesen Punkt betrifft, sonst immer die Vor­sicht selber zu sein. Was mich angeht, so habe ich mich hinsichtlich jener meiner Äußerung nur inso­weit verändert, als mir jetzt deutlich geworden ist, dass der Pfarrer in einem Sinne doch eine ungeheure Wir­kung hervorbringt, dass seine Anwesenheit die ganze Gesellschaft, christlich, in eine Niederträchtigkeit ver­wandelt.

Quelle: Søren Kierkegaard, Der Augenblick. Eine Zeitschrift. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Die andere Bibliothek, Nördlingen: Franz Greno 1988, S. 183-189.

[1] Wie die Tracht der damaligen dänischen Zuchthäusler. (A. d. Ü.)

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