Fridolin Stier – „Gott aber will den Geber“. Von der Versuchung Abrahams

chagall-abraham

Marc Chagall – Die Opferung Isaaks (Ausschnitt)

Fridolin Stiers Büchlein „Geschichte Gottes mit dem Menschen„, das zuerst 1959 bei Patmos erschienen ist, wurde 2011 von Stiers Schülerinnen Eleonore Beck und Martha Sonntag im Verlag Katholisches Bibelwerk neu herausgegeben. In Stiers Nacherzählung der „Heiligen Geschichte“, in die von Stier selbst übersetzte Bibelzitate eingefügt sind, findet sich auch eine eindrückliche Homilie zu Abrahams Versuchung in Genesis 22:

Als das Unwahrscheinliche doch wahr geworden, Isaak, der Erbsohn, geboren und schon zum Knaben herange­wachsen war, sollte sich der Bewährte an einer furchtba­ren, alles Wahrgewor­dene wieder in Frage stellenden For­derung noch einmal bewähren müssen. Gott fordert von ihm das Leben seines Sohnes:

Nimm doch deinen Sohn, den einzigen, den du lieb hast, Isaak, geh in das Land Moria und bringe ihn dort auf einem Berg, den ich dir nennen werde, als Brand­opfer dar!“ (Gen 22,2)

In der Frühe steht Abraham auf, sattelt den Esel und spal­tet das Holz. Er gehorcht unverzüg­lich. Man bricht auf, zwei Knechte, der Esel mit den Scheiten auf dem Rücken, der Vater, das Kind. Wieder wandert Abraham. Es be­gann in Charan mit dem Verzicht auf die Heimat, es ging in das Land, das ihm verheißen war, und hinaus ging es wieder, hinab nach Ägypten, in neue Gefahr; weite, schwere Wege ist er gegangen, aber Gott war mit ihm, bewährter Bürge seines Worts; es waren doch Wege ins Volle. Dieser aber, der Opfergang auf den Berg, führt ins Leere. Was gilt sein Wort? Da ist der Strick, mit dem er das Kind fesseln wird, da das Messer, es mit eigener Hand ihm hinzuschlachten, das Holz, das Kohlenbecken … Drei Tage wandert Abraham, der Gastgeber Gottes (Gen 18,1-16); sein Vertrauter (Gen 18,17); der kühne Fürspre­cher für Sodoma und Gomorrha, die sündigen Städte (Gen 18,22-33) – Abraham, der „Freund Gottes“ (Jdt 8,19). Was für eines Gottes! Sein Antlitz verfinstert, furchtbar vom Vertrauten zum Fremden gewandelt, ver­zerrt zur Götzenfratze des Molochs, des Menschenopfer heischenden Gottes der Kanaanäer und Phönizier … Drei Tage, zwei Nächte, am Himmel, nicht zu zählen, die gleichen Sterne wie in jener Nacht der Verheißung. Wie­der, wie am Anfang des Abrahamweges, widerspricht der Befehl der Verheißung. Die letzte Strecke den Berg hin­an, hinauf zur Opferstätte, gehen die beiden allein, der Vater mit dem Schlachtmesser und dem Feuerbecken in der Hand, der Sohn mit den Scheiten auf dem Rücken.

Vater! – Ja, da bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Da ist das Feuer und das Holz, wo aber ist das Lamm zum Brandopfer …? So gehn sie selbander dahin. Und sie kommen an den Ort, den Gott ihm genannt hatte. Dort baut Abraham den Altar, schichtet das Holz, fesselt sei­nen Sohn Isaak und legt ihn auf den Altar, oben hin, auf das Holz.“ (Gen 22,7-9)

Schonungslos wird hier erzählt, mit marternder Genau­igkeit, mit großer Kunst die Spannung bis zur Qual ge­steigert. Doch ist diese schriftstellerische Wirkung nur ein Nebeneffekt der Absicht, zu zeigen, wie sich Abraham vollkommen bewährte, mit jedem Schritt, jedem Hand­griff, jedem Wort, in jedem Akt der letzten, ungeheuerli­chen Probe. Bis hin zu dem Augen­blick, da er, schon aus­holend zum Todesstoß, den Boten Jahwes rufen hört:

Strecke deine Hand nicht aus gegen den Knaben und tu ihm nichts! Denn nun weiß ich, daß du ein Gott Fürch­tender bist, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nichtverweigerst.“ (Gen 22,12)

Das ist es, was Gott will, nicht das Leben Isaaks, nicht das ersatzweise geopferte Leben des Schafbocks, der sich mit den Hörnern im Busch verfangen hatte. Nur der Götze (wie alle Nachäffer Gottes, auch der absolute, machtherrliche, sich selbst vergötzende Staat) will die Gabe, das Kind, das Tier—den geschlachteten Isaak. Gott aber will den Geber — und die Gabe nur, wenn sich in ihr der Geber gibt, sein ganzes Selbst, sein ganzes Herz. Und das ist mehr als Fleisch und Blut auf Schlachtaltären. Sich selber verlassend, im bloßen Verlaß auf Gottes Wort, verzich­tend auf alle im Leben Isaaks liegende Gewähr der verhei­ßenen Volks­vaterschaft errang er die Gewährung:

Bei mir selber habe ich geschworen …, weil du solches getan …, segne ich dich und mehre ich deinen Samen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Ufer des Meeres … dafür, daß du meinem Ruf gehorchtest.“ (Gen 22,15-18)

Auf Abrahams Tat gründet die geschichtliche Existenz der „Söhne Abrahams“, Israels, des Volkes Gottes.

 

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: