„Von Anfang an“ – erste Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

Altarbibel (Luther 84)

In evangelischen Kirchengebäuden liegt auf dem Altar gewöhnlich eine aufgeschlagene Bibel. Sie soll die Gegenwart des Wortes Gottes symbolisieren. Aber damit ist noch nicht gesagt, wie Gottes Wort aus der Bibel zur Sprache kommt. In einer achtteiligen Predigtreihe möchte ich durch das Alte und Neue Testament führen und das jeweilige Erzählgeschehen für unser Christsein erschließen. Anregung hierzu ist die kleine Schrift Lesslie Newbigins „A Walk Through the Bible“. Hier die erste Predigt mit dem Titel „Von Anfang an“. Als Lesungen liegen 1Mose 1,1-4a.26-28.31a; 2,1-4a sowie Johannes 1,1-5.9-13 der Predigt zugrunde.

„Buch der Bücher“ – so wird die Bibel zu Recht bezeichnet. Genauer gesagt geht das deutsche Wort „Bibel“ auf die griechische Pluralform „Biblia“ zurück, meint also „Bücher“ und zwar die 39 (bzw. 46) Bücher des Alten Testaments sowie die 27 Bücher des Neuen Testaments, somit eine eigene Bibliothek. Sie enthält all diejenige Schriften, die in einem christlichen Gottesdienst unter dem Anspruch „Wort Gottes“ laut vorgelesen werden und damit in der Kirche als „Heilige Schrift“ gelten.

Über Jahrhunderte hinweg war die Bibel das eine „Bücherbuch“, das Menschen in Europa präsent gewesen ist, zunächst durch Lesungen im Gottesdienst, später dann auch in gedruckten Bibelausgaben. Dort finden sich zwischen zwei Buchdeckeln die biblischen Bücher in eine zeitbestimmte Reihenfolge angeordnet, angefangen von den alttestamentlichen Geschichtsbüchern, den Lehrbüchern sowie den Prophetenbüchern hin zu den neutestamentlichen Geschichtsbüchern, den Briefen und schließlich dem prophetischen Buch der Offenbarung, alles zusammen auf 1400 Buchseiten gedruckt. Ganz entscheidend war hierfür, dass Martin Luther die hebräische Buchsammlung des Alten Testaments sowie die griechischsprachige Buchsammlung des Neuen Testaments in ein eingängiges Deutsch übersetzt hatte, so dass 1534 seine Bibelübersetzung zum ersten Mal bei Hans Lufft in Wittenberg komplett im Druck erschien. Als dann Carl Hildebrand Freiherr von Canstein 1710 in Halle sein Vermögen in eine eigene Bibelanstalt mit einem „stehenden Satz“ investierte, ließ sich fortan die Luther-Bibel kostengünstig als „Handbuch“ im Oktavformat in hohen Auflagen drucken. Somit konnten auch weniger vermögende Menschen die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments in der eigenen Hand halten und zur eigenen Erbauung lesen.

lutherbibel 1534

Anfang der Luther-Bibel von 1534

Wie liest sich eigentlich die Bibel als Gottes Wort an uns Menschen? Mitunter scheint es, als wäre die Bibel eine Spruchsammlung oder Anthologie für unser Leben, aus der wir Bibelverse auswählen sollen, die uns persönlich zusagen. So handhaben wir es ja bei den biblischen Tauf-, Konfirmations- und Trausprüchen. In der Tat finden sich ganz starke Worte in der Bibel, die dem eigenen Leben zuzusprechen sind, man höre nur aus dem Hohelied der Liebe:

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig
und eine Flamme des HERRN,
sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken können.
Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte,
so könnte das alles nicht genügen.

(Hohelied 8,6-7)

Und dennoch können einzelne Bibelverse für sich gelesen nicht die ganze Botschaft enthalten. Ja, es gibt in der Bibel das Buch der Sprüche und auch das Buch der Weisheit. Aber diese Bücher sind im biblischen Kanon anderen gegenüber nachgeordnet. Die Bibel hat mehr zu bieten als Weisheiten und Weisungen für ein gelingendes Leben. Sie lädt uns vielmehr in ein Geschehen ein, das unermesslich größer ist als unser eigenes Leben. Wir sollen uns mit unserem eigenen Leben in die Bücher der Bibel hineinlesen, damit wir bei deren Geschehen mit dabei sind. Wo wir beim Lesen den roten Faden des Erzählgeschehens aufnehmen, finden wir uns selbst wieder in der Gegenwart Gottes, wird das Geschehen auch für uns verbindlich. Der katholische Bibelübersetzer Fridolin Stier (1902-1981) hat über solch „eindringliches“ Bibellesen Folgendes geschrieben:

„Wenn ich das Buch öffne, betrete ich geheiligte Stätten. Sinai und Zion, der Berg, darauf der Herr geredet, der Hügel, auf dem er gelitten, die Felsenkammer, daraus er sich lebend erhoben, sie nähern sich mir. Ich erfahre wundersame Gegenwart des zeit- und räumlich Fernen … Wenn ich das Buch öffne, wandelt sich mir, durch all mein entfernendes Wissen hin, das Dort in ein wahres Da, das Damals in ein wirkliches Jetzt. […] Ich bin am Ort, da er redet. Auch wenn er sehr still ist an der Stätte, auch wenn er mir schweigt in den Worten, die ich höre, so weiß ich doch: der Redende ist da. – Ich halte mich hörend ihm hin. Ich muss warten.“[1]

Wer in der biblischen Geschichte entscheidend handelt, sind nicht Menschen, sondern der eine Gott, der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Gott hat getan, bevor Menschen zu tun bekommen. Schauen wir uns die Abfolge der biblischen Bücher im Alten und Neuen Testament an, geht göttliches Geschehen jeweils menschlichen Weisungen voraus.

Die Bibel enthält Gottes Geschichte mit den Menschen – seine Taten, seine Weisungen und seine Verheißungen. Das Besondere daran ist, dass diese allumfassende Geschichte als Geschichte eines Volks, nämlich Israel, und im Besonderen als Geschichte eines Menschen aus diesem Volk, nämlich Jesus Christus, erzählt wird. Wir Deutsche – wie auch andere Völker – kommen in der Bibel nicht namentlich vor, obwohl wir von dem, was damals in Israel und Palästina geschehen ist, genauso mitbetroffen sind.

Die Gottesgeschichte wird aus dem Blickwinkel des einen Volkes Israel erzählt – ein Volk, das dieser Gott zu Beginn der Geschichte auserwählt hat. Es ist ihm Träger seiner Verhei­ßung. Das auserwählte Volk ist nicht über alle Zweifel erhaben. Es wird vielmehr in Mitleidenschaft gezogen, kann seiner Berufung irrewerden, muss viel aushalten und immer wieder Unheil ertragen. So wird in der Bibel die Geschichte einer fordernden, erlittenen, bewährenden und erlösenden Erwählung erzählt. Und bei all dem was geschieht behält dieser Gott das erste und letzte Wort.

Genesis 1 Hebräisch

So lasst uns nun dem ersten Wort der Bibel, also dem göttlichen Anfangswort zuwenden. In der hebräischen Bibel ist das erste Buch Mose mit dem ersten Bibelwort überschrieben: „Bereschit“ – auf Deutsch „am Anfang“. „Am Anfang schuf der Gott Himmel und Erde“ heißt es kurz und bündig. Die Bibel erzählt keinen Schöpfungsmythos, kein Machtkampf zwischen Göttern, bei dem die irdische Schöpfung als göttliches Abfallprodukt erscheint. Stattdessen lesen wir in Psalm 33:

Der Himmel ist durch das Wort des HERRN gemacht
und all sein Heer durch den Hauch seines Mundes. […]
Denn wenn er spricht, so geschieht’s;
wenn er gebietet, so steht’s da.

(Psalm 33,6.9)

Der Gott spricht wirklich, ruft seine Schöpfung wörtlich ins Leben. Am Anfang steht keine autogene All-Werdung, wo sich die Natur natürlich vervielfältigt als physikalische Kosmogonie und als biologische Evolution. Weder Ursprung noch Urknall werden beleuchtet; vielmehr werden uns Himmel und Erde mit allen Gestirnen, mit allen Lebewesen zu Land, zu Wasser und in der Luft als herrliche Wirklichkeit Gottes vorgestellt. Als Bibelleser betreiben wir keine Ursachenforschung, sind weder Weltraumforscher noch Naturwissenschaftler, sondern göttliche Geschöpfe, Ebenbilder unseres Schöpfers. Noch einmal Fridolin Stier:

„Das All ist nicht allein, das All ist nicht – alles. Es ist jemand bei ihm und über ihm: sein Schöpfer. Der Mensch ist nicht allein in der Einöde des Alls, des dunklen Welturgrundes letzte Ausgeburt: er hat ein DU. – Darum steht die Menschheit in ihrer Geschichte nicht allein: sie führt kein Selbstgespräch, sie spielt kein Monodrama. – Es ist einer da, der sie ruft und ihre Antwort will; es ist der andere da, der in all ihrem Handeln mit im Spiele ist. – Er selber hat dieses Drama veranstaltet und eröffnet mit dem Worte: „Lasset uns Adam (Menschen) machen, nach unserem Bilde, uns ähnlich.““[2]

In sechs göttlichen Werktagen wird uns die Schöpfung erzählt. Weltall, Erde, Natur und Leben zeigen sich darin als göttliche Anordnung und finden schlussendlich Gottes Wohlgefallen: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose 1,31). Wir sollen uns selbst in unserem Lebensraum als göttliche Geschöpfe wiederfinden, damit wir wissen, wem wir unseren Gehorsam und unser Vertrauen schuldig sind. Kein Ort tut sich in dieser Welt auf, den wir für selbst besitzen. Kein Raum schließt sich, in dem wir nicht unseren Gott als Schöpfer anrufen können und sollen. Sechs erzählte Tage führen uns in das große Gotteslob der Schöpfung, die göttliche Bestimmung unseres Menschseins. So heißt es im reformierten Westminster-Katechismus (von 1647): „Die vornehmste und höchste Bestimmung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und ihn vollkommen zu genießen in alle Ewigkeit.“

Das Leben der Geschöpfe läuft auf den siebten Tag zu, den besonderen Ruhetag, an dem der Gott selbst von allen seinen Werken ruhte. In diese Gottesruhe sind wir eingeladen. Der Kirchenvater Augustinus hat dies in seinen Bekenntnissen (Confessiones) eindringlich zur Gebetssprache gebracht:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.
Denn auf dich hin hast du uns geschaffen.“[3]

Doch wie sieht es zwischen Gott und der Menschheit wirklich aus? Keiner vermag zu sagen: „Alles in bester Ordnung“. So vieles was zwischen, durch und an Menschen geschieht – ob böswillig, fahrlässig oder mit besten Absichten – widerspricht der Schöpfungsgüte. Wäre alles Geschehen ganz natürlich – auch die Brutalität, der Verrat, die Gewalt, die Heimtücke, der Krieg wie auch der Tod – könnte niemand diese Schöpfung wirklich gutheißen. In der Natur sind „gut“ und „böse“ faktisch gleichgültig. Nur menschliches Handeln in Wort und Tat kann die gütige Anordnung der göttlichen Schöpfung fundamental in Frage stellen. So wird nun im Anschluss an die Schöpfung in 1Mose 3 der Sündenfall der ersten Menschen im Garten Eden erzählt. Man mag von der Plastizität der Geschichte – die Nacktheit, eine sprechende Schlange, die Frucht vom Baum der Erkenntnis – in das Reich der Mythen gestoßen sein. Aber in dieser Erzählung wird uns anschaulich erklärt, wie es um den Menschen in Gottes Schöpfung geschehen ist, wie er sich selbst in ihr verloren hat.

Lucas Cranach d.Ä. – Adam und Eva (1526)

Vom Baum der Erkenntnis haben Mann und Frau gegessen und sind damit vor ihrem Schöpfer bloßgestellt. Als der Mensch für sich selbst herausfinden will, was für ihn gut zu sein hat, kommt es zwischen ihm und Gott zum Vertrauensbruch. Die vermeintliche Freiheit zu tun und zu lassen, was unserem eigenen Urteil gefällt, wird uns Menschen zum Fluch. Wo der Gottesgarten – das Paradies – uns verschlossen ist, müssen wir uns im Leben fortan selbst behaupten. Da dringt der Brudermord in die Mitmenschlichkeit ein; da werden himmelsstür­mende Turmbauer sprachverwirrt auf der ganzen Erde verstreut leben müssen. Das Unheil nimmt seinen Lauf – neben dem vorübergehenden Lebensglück.

Nein, es wird sich keine Menschheitsgeschichte ergeben, bei der wir in einen Zustand glückseliger Unschuld fortschreiten oder zurückkehren. Das eigene Leben wie auch das Zusammenleben auf unserer Erde werden wir auf Dauer nicht heil hinbekommen – weder durch naturwissenschaftliche Forschung, technische Entwicklungen noch durch moralische Erziehung. All die Menschheitsträume und Fortschrittsideologien entlarven sich im Tod als Hirngespinste. Gottes Urteil steht: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1Mose 8,21) Menschlicherseits kann für das Leben nichts Gutes herauskommen; es bleibt bei der eigenen Vergänglichkeit. Davon schreibt der Prediger:

Es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.“ (Prediger 3,19f)

Aber dennoch ist der Gott mit uns Menschen nicht fertig. „Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt bis heute nach. Der Gott sucht seine ungläubigen Geschöpfe. Er sucht uns, obwohl wir uns ihm verschlossen zeigen – mit unserem Selbstvertrauen wie auch mit unserer Lebensangst. Er sucht uns, die immer noch glauben, wir wüssten am besten, was für uns gut ist. Er sucht uns, weil er mit uns, seinen Geschöpfen nicht fertig ist, weil er uns nicht unserer Sünde und unserem Tod überlässt.

Die Bibel erzählt von Gottes Menschensuche, wie er sich selbst in unsere Welt hineinbegibt, wie er alles von sich mit Zorn und Liebe in diese Suche hinlegt, wie sein Sohn am Kreuz unsere Verlorenheit auf sich nimmt und wie Jesu Todesschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlas­sen!“ unsere Gottesverweigerung schlussendlich doch einholt.

Der Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt uns nicht los, bis er uns als seine Kinder zurückgewonnen hat.

[1] Wort Gottes oder Heilige Schrift, in: Bibel im Jahr ’77. Gott hat Zeit für uns, hg. vom Katholischen Bibelwerk eV Stuttgart, Nürnberg 1976, 37.
[2] Geschichte Gottes mit den Menschen, hrsg. v. Eleonore Beck und Martha Sonntag, Stuttgart 2011, 14.
[3] Bekenntnisse II,4.

Hier die Predigt als pdf.

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