Gerhard von Rad – Vom Lesen des Alten Testaments

Gerhard von Rad (1901-1971)

Gerhard von Rad (1901-1971)

Da mögen von Rads historische Urteile in Sachen Entstehung des Alten Testaments in der Forschung längst überholt sein. Und doch ist seine Schriftauslegung immer noch ein großer Gewinn für uns. Rads Exegese der biblischen Schriften ist eben keine selbstbezügliche Auslegung, die sich auf abstrakte Erkenntnisgewinne ausrichtet. Sie gilt vielmehr als Einführung in das je eigene Lesen der Bibel. Ein schöner Beitrag dazu ist der folgende Text:

Vom Lesen des Alten Testaments

Von Gerhard von Rad

Die Bibel ist zwar immer noch das meistgekaufte Buch, aber in unserem abendländischen Kulturkreis mag es nur wenige Menschen geben, die sozusagen aus Passion Bibelleser sind; Menschen also, die auf irgendeine Weise — es gibt ja so viele! — von diesem Buch fasziniert sind und die es auch nicht sehr stört, wenn sie beim Lesen einmal nicht ganz mitkommen. Nicht wenige Dichter und literarische Feinschmecker befinden sich wohl darunter.

In dem, was die Bibel den Menschen bedeutete, hat sich sehr viel geändert. In der Welt der frühmittelalterlichen Klöster nahm man die Bibel schon ganz anders in die Hand: voller Bereitschaft, sich ganz auf sie zu konzen­trieren, ganz für sie da zu sein und dafür alle erdenkliche Mühe aufzuwenden. Die, die sie in der Stille ihrer Zellen abschrieben, feierten dieses Buch mit einer unerhörten Kunst des Schreibens und des Malens der Initialen. Wenn überhaupt, so nimmt man heute die Bibel kühler und reser­vierter in die Hand, allenfalls mit einem merkwürdigen Gemisch von Respekt und Hilflosigkeit. Sie ist auch bei den Menschen, die gerne lesen, völlig an den Rand gescho­ben. Die Wahrheit ist, daß auch die Belesensten und Ge­bildetsten unter uns sie kaum mehr kennen. Im Kreis von Freunden hörte H. v. Hof­mannsthal einmal einen Ab­schnitt aus dem Deuterojesaja vorlesen. Davon beein­druckt sucht er zuhause vergeblich in seiner Bibel und [12] schreibt dann einem Freunde, er fände den »Deuterojesaja« in seiner Bibel nicht.

Erst in den Jahrhunderten nach der Reformation ist die Bibel so recht zum »Hausbuch« geworden, zum Kultur-und Bildungsbesitz des einzelnen und der Familien. Na­türlich hat sich auch schon vorher das ganze Abendland in allen seinen Lebensgebieten der Bibel geöffnet. Nicht nur in seinem religiösen Leben, auch in seinem Rechtsleben, in Wissenschaft und Kunst schöpfte es von Jahrhundert zu Jahrhundert, wessen es zum Leben bedurfte, und kam doch an kein Ende. Aber in der nachreformatorischen Zeit wurden die biblischen Geschichten in den Häusern vorge­lesen und zum Bildungsgut der breitesten Schichten. Auch noch heute kann der einfachste Mann, der seine Bibel kennt, im besten Sinne des Wortes als gebildet gelten. Es sind ja immerhin sechs Weltreiche, mit denen sich die Bibel beschäftigt. Über 14 Jahrhunderte haben an ihr geschrie­ben. Da ist von den uralten Reichen der Ägypter und Ba­bylonier die Rede. Die Assyrer haben Israel auf seinem eigenen Boden fast ausgelöscht. Aber die Bibel verfolgt auch mit wachem Interesse den Zusammenbruch der semi­tischen Weltherrschaft und den Übergang des »Reiches« auf die Indogermanen. Sie sieht auch das Perserreich zer­fallen und mit den Griechen den Hellenismus sich ausbrei­ten. Das Neue Testament steht schließlich im geschichtli­chen Horizont einer von den Römern gewaltsam befriede­ten Welt. Aber die Bibel enthält nicht nur Geschichte, sie enthält auch Rechtskorpora, alle Arten von Gebeten und sogar Liebespoesie. Nun, diese Stellung als Quelle des Tro­stes, der Belehrung, als Fundament aller Kultur und Bil­dung hat sie schon lange verloren. Interessant ist die Fest­stellung der Sprachwissenschaftler, daß sich mit dem Schwinden des biblischen Beisatzes der Sprachraum unse­rer Alltagssprache spürbar verengt habe. Auch damit ist das Lesen der Bibel schwerer geworden.

Andererseits hat uns die moderne Bibelwissenschaft so viel Neues, Erregendes und Aktuelles erschlossen, daß wir kei­nen Grund haben, grämlich zu werden. Aus dem Wunsch, [13] die Bibel in diesem einigermaßen neuen Lichte zu zeigen, ist das vorliegende Buch entstanden. Freilich, eine leichte Lektüre war die Bibel nie, und dazu kann und darf sie auch die beste Erklärung nicht machen. Wo immer man im alten Israel schrieb — für eilige Leser ist das nie geschehen. Aber es kann doch viel getan werden, dem heutigen der Bibel entfremdeten Leser Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, um die Texte wieder so unmittelbar und so angrif­fig werden zu lassen, wie sie sind und wie man sie in den großen Stunden in der Geschichte der Christenheit auch immer wieder verstanden hat. Dazu würde auch gehören, den Leser auf einige wichtige Dinge aufmerksam zu machen, die er zunächst einmal akzeptieren muß, wenn er zu einem verständnisvollen Lesen kommen will. Weil gerade an ihnen heute so viele scheitern, soll davon im Folgenden die Rede sein.

Allem übrigen voran: Wer sich mit dem Alten Testament beschäftigt, der soll beim Lesen fest zugreifen und sich nur ja nicht mit allgemeinen Gefühlseindrücken begnügen. Die Anspruchs­vollen, die es genau wissen, die die gemeinte Sache präzis vor sich sehen wollen, sind näm­lich viel besser dran. Die Texte im Alten Testament sind in ihrer Rede­weise meist so markant, daß sie gerade auf solche Leser warten. Auch die Ortsnamen wollen nicht übersprungen wer­den. Wie vertraut bewegt sich Hölderlin, ohne dort gewesen zu sein, in seinen Dichtungen in den Landschaften Griechenlands! Wie viel mehr müßte es ihm der Bibelleser gleichtun! Nicht selten hängt für das rechte Verständnis einer Geschichte viel davon ab, daß man weiß, wo der Ort liegt und was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Erst ein geduldiges Sicheinlesen läßt die Erzählungen oder Psalmen oder prophetischen Predigten von Mal zu Mal deutlicher werden. Immer mehr werden die Texte an Profil gewin­nen, und immer mehr wird sich beim Leser ein Unterschei­dungsvermögen schärfen für die ungeheuren Verschieden­heiten der literarischen Gattungen, zwischen denen es beim Lesen hin und her geht. Eine Genealogie läßt sich leicht von einer Sammlung von Rechtssätzen abheben; aber auch [14] unter den Erzäh­lungen selbst muß man gut unterscheiden können. Die eine geht objektiv und konzentriert, einer Denkschrift vergleichbar, dem Ablauf von Geschehnissen entlang, eine andere — eben­so konzentriert einem Ereig­nis hingegeben — sucht das Betroffensein des Lesers, sie will ihn nicht informieren, sondern ihn in der Tiefe seines eigenen Gottesverhältnisses treffen und zum Nachdenken veranlassen. Eine dritte ist unverkennbar didaktisch. Sie errichtet Normen für das Verhalten, appelliert an das Handeln des Lesers und will ihn zu einer Art von Imitatio bewe­gen. Aber solche »Lehrerzählungen«, die sich über ihren Stoff hinweg direkt an den Leser wenden, gehören wohl durchweg späteren Zeiten an. Viel charakteristischer für das Darstellen des frühen Israel ist das Gegenteil, näm­lich jenes völlige Zurücktreten des Erzählers hinter den Ereignissen, mit dem sich jeder Bibelleser einmal auseinan­dersetzen muß. In den meisten der Erzvätergeschichten – schon bei Abraham und vollends bei Jakob! — fühlt sich der Leser vom Erzähler völlig im Stich gelassen; dringend wünscht er von ihm zu erfahren, was denn nun an dem Tun und Lassen der handelnden Personen gut und richtig und was böse und falsch war. Aber der Erzähler schweigt ihm. Das soll ihm zum Zeichen werden, daß er es über­haupt nicht so eilig haben soll, über die Menschen in diesen Erzählungen zu urteilen. Vielmehr soll er auf das achten, was von Gott her an diesen Menschen geschieht. Freilich, bei feinerem Zuhören werden auch auf der Seite der von Gott betroffenen Menschen, also in ihrem Verhal­ten, Licht-und Schattenseiten erkennbar. Diese, manchmal rätselhafte Gelassenheit der Erzäh­ler, die ja alles andere ist als Unbeteiligtsein, will erst einmal verstanden sein. Viele von die­sen Erzählungen sind dazu noch Produkte eines ausgespro­chenen Kunstwillens und sind damals sicher auch als Kunst­werke gewürdigt worden. Schon hier stoßen wir auf eine merk­würdige paradoxe Erfahrung, deren Beglückung jeder Bibelleser kennt: Je mehr wir die Stoffe erst einmal in ihre alte und uns ferngerückte Welt zurückgeben, um so deut­licher und aktueller werden sie uns! [15]

Aber die erzählende Literatur, die ja im Alten Testament einen so großen Raum einnimmt, stellt an den heutigen Leser noch andere Zumutungen. Intensiver als irgend ein antikes Volk hat sich Israel mit seiner Geschichte beschäf­tigt. Die verschiedenen Quellenschriften, aus denen der Pentateuch zusammengesetzt ist, und vollends die Ge­schichte von der Thronnach­folge Davids, das deuterono­mistische und schließlich das späte chronistische Geschichts­werk zeigen es ja, wie Israel von Zeit zu Zeit immer wie­der neu ausholte, seine Geschichte zu schreiben. Diese großen literarischen Werke haben oft einen Jahrhunderte währenden Wachs­tumsprozeß durchlaufen oder sind von Redaktoren auf kunstvolle Weise ineinandergeschach­telt worden, so daß sie am Ende zu riesigen, unförmigen Sam­melwerken wurden, die in dieser Gestalt schwerlich noch als eine Lese-Literatur gedacht waren. Hier durch eine Entflechtung dem heutigen Leser behilflich zu sein, war eine der Hauptaufgaben, die sich dieses Buch gestellt hat.

Breitet das Alte Testament eine Welt von Geschichte in einer solchen Detaillierung aus, so wird sich der in abend­ländischem Geist erzogene Leser davon zunächst angespro­chen fühlen. Intensiver Umgang mit der Geschichte, das Analysieren von großen Werken der Geschichts­schreibung, das ist ihm ja nichts Fremdes; da kann er mitreden. In der Tat, kein anderes Volk des Alten Orients ist dem moder­nen Historiker mit einer solchen Fülle besten Quellenma­terials entgegengekommen. Israels Geschichte mit allen darin wirksamen politischen, sozialen und religiösen Kräf­ten läßt sich wesentlich genauer rekonstruieren als die anderer antiker Völker. Aber damit sind wir schon an dem Punkt angelangt, an dem sich das moderne Inter­esse an der Geschichte völlig von dem unterscheidet, was Israel an seine Geschichte band. Bei Israel war das nicht eine aufs Historische konzentrierte Wißbegierde; Israel war in sei­ner ganzen Existenz an seine Geschichte gebunden, denn in der Geschichte — sagt das nicht fast jede Seite des Alten Testaments? — ist es der Wirklichkeit seines Gottes begeg­net. Wohl verstanden: Diese Begegnung war Israel nicht in [16] einer ein für alle Male und wie in Stein gemeißelten ge­schichtlichen Dokumentation zuhanden, sondern in Füh­rungen, Berufungen, Verheißungen und Gerichten, die jede Zeit neu zu bedenken hatte. In immer neuer Gestalt mußte Israel die Ereignisse seiner Geschichte zu einer unmittelba­ren Anrede werden lassen. Daher also die sich ablösenden Versuche, sich große Geschichts­strecken immer aufs neue zu vergegenwärtigen! Das Alte Testament ist weithin nichts anderes als der literarische Nieder­schlag des leiden­schaftlichen, fast ein Jahrtausend währenden Gesprächs eines Volkes über den Sinn seiner Geschichte. Auch in Israel änderte sich mit den Zeiten der Zeitgeist. Das Ver­ständnis früherer Generationen genügte nicht mehr. Die Geschichte mußte in einem Verste­henshorizont, der in einem ständigen Wandel begriffen war, verstanden und angeeignet wer­den. Sah z. B. die eine Zeit das Handeln Gottes sich vornehmlich in äußeren Eingriffen in die Ge­schichte ereignen, in Wundern oder in der jähen Berufung von Männern zu göttlichen Werkzeugen, so sah eine andere Zeit dieses göttliche Handeln sich bis an die Grenze des Unsichtbaren in die Kausalketten menschlicher Aktionen einflechten. Gleichwohl war es Israel in seiner so großen und langen Bemühung um den Sinn seiner Geschichte nicht beschie­den, zu einem eindeutigen Ergebnis, zu einer ab­schließenden Erkenntnis hinzufinden. Doch war es ihm gegeben, in diesen seinen Geschichtsdarstellungen in einer unvergleichlichen Tiefe und Breite von Gott zu reden.

Der heutige Mensch verfügt über eine Virtuosität, mit der Geschichte umzugehen und sie sich, sei es zum Gewinn von Erkenntnissen, sei es zur Unterhaltung, zu deuten. Diese Wendigkeit im Umgang mit Geschichtlichem wirkt sich für das Verstehen des Alten Testamentes keines­wegs als Vor­teil aus, viel eher als ein ernstes Hindernis. Unsere neuzeit­liche Geschichtsbe­trachtung ist einseitig von dem Wissen um den Abstand des Vergangenen von der Gegenwart geprägt. Bewußtermaßen schiebt sie die Geschichte auf Distanz. Sie verhört ihre überlieferten Zeugnisse, aber sie behält sich ihr eigenes Urteil über die Zeit vor. Darin [17] äußert sie ein Gefühl der Überlegenheit. Letztlich ist es das Überlegenheitsgefühl der Lebenden gegenüber den Toten. Mit dem Geschichtlichen kann man heute alles machen; man kann aus dieser Totenwelt etwas ins Licht des Lebens herausheben, um sich daran zu ergötzen, man kann es ver­wandeln, man kann es aber auch ruhen lassen. Das alles steht ganz im Belieben des Menschen. Diametral verschie­den davon war Israels Verhältnis zu seiner Geschichte. Es besaß ein merkwürdiges Unvermögen, die Ereignisse seiner Geschichte zu vergessen und an die Vergangenheit zu ver­abschieden. Wir können sicher sein, daß es nicht weniges von sich aus gerne hätte ruhen lassen. Davon, wie es seine Geschichte immer wieder in seine Gegen­wart hereinholte, war ja eben schon die Rede. Das 5. Buch Mose ist nach ein­helliger Über­zeugung ein verhältnismäßig junges Werk. Es ist eine lange Abschiedsrede des Mose an sein Volk. Dieje­nigen, die es in dieser Stilform abfaßten, machten sich kei­nes frommen Betrugs schuldig und griffen auch nicht zu einem literarischen Kunstmittel. Die Stimme Moses, so wie sie in der späteren Königszeit im Geist gehört wurde — sie erging an diese vorgerückte Zeit, sie nahm Bezug auf ihre spezifischen Anfechtungen und ging der Unordnung ihres religiösen und sozialen Lebens zu Leibe. Über einen Ab­stand von vielen Jahrhunderten hinweg war es möglich, noch einmal an den Fuß des Berges Sinai zu treten und Gottes Willen zu hören. So holte Israel seine Gottesgeschichte in die Gegenwart herein! Aber vielleicht drücken wir es besser anders aus: Die Geschichte selbst war es, die immer neu auf Israel eindrang. Es war gar nicht Israels freier Wille, sich derart mit seiner Geschichte zu identifizie­ren. Die Geschichte war aufgestanden und ihm zur Anrede geworden. Beschäftigte sich in Israel eine Generation mit ihrer Geschichte, so beschäftigte sie sich mit ihrem eigenen Verhältnis zu Gott.

In dieser wichtigsten Sache des alten Israel als Leser mitzu­gehen, den alttestamentlichen Schriften dieses ihr Haupt­anliegen erst einmal abzunehmen — das will gelernt sein. Dabei geht es zunächst oft genug darum, diesen auf Gott [18] hin zeigenden Finger überhaupt erst zu sehen. Nicht über­all wird es dem Leser so leicht gemacht wie in der Josephsgeschichte, wo der Erzähler an einem Höhepunkt des Ge­schehens dem Joseph selbst das deutende Wort in den Mund legt (1. Mose 50,20); andere Erzvätergeschichten scheinen beim ersten Hinsehen sehr spröde zu sein. Und doch, wie profiliert und konzentriert ist bei ihnen die »Verkündi­gung«! Vorbei kommt der Leser an diesem Wort über Gott nicht. Und wenn er es fertig­brächte, es zu überlesen, wenn ihm auch das Kunststück gelänge, in dieser Sache sich nicht betreffen zu lassen, so hätte er an allem vorbei gelesen.

Das Alte Testament legt sich auf keine bestimmte Art und Weise, von Gott zu reden, fest. Im Gegenteil, seine Aussagemöglichkeiten reichen von der frömmsten Ergebung bis hin zu einer fast lästerlichen Parodie alles für heilig Gehal­tenen (bei Hiob und einigen der Propheten). Schwerlich wird die Menschheit noch Worte finden, die an Innigkeit und Kraft über das hinausgehen, was in manchen Psalmen über und zu Gott gesagt wurde. Aber dieser in der Kon­zentration von Jahrhunderten gewachsenen Gebetssprache stehen ganz andere Worte über Gott gegenüber, in denen so ziemlich alles souverän vorweggenommen ist, was spä­tere Gottesleugner und Gottesfeinde zu sagen wußten. Auch für die Durchschnittsfrommen in Israel gab es so etwas wie einen Ehrenkodex Gottes, d. h. gewisse Vorstel­lungen von dem, was man ihm zutrauen und nicht zu­trauen kann, wie man von ihm reden und nicht reden darf. Daran halten sich die Propheten ganz und gar nicht. Oft in einer geradezu hanebüchenen Sprache reden sie von Gott, und es ist völlig deutlich, daß sie damit konventionelle Vorstel­lungen von Gott wie in einer Art von Bildersturm zerschlagen wollen. Weshalb taten sie das? Nicht taten sie das aus einem starken Reformwillen heraus, also mit der Absicht, das Reden von Gott auf einen realeren Grund zu stellen. Sie waren keine Reformer und rechneten nicht damit, daß ihre Rede von Gott zum allgemeinen Redestil erhoben würde. Der Grund war ein anderer, und damit berühren wir etwas vom Schwersten, das Israel zu tragen [19] aufgege­ben war. Abraham, Mose und die Propheten, sie mußten das immer Gleiche und immer Neue verkraften: Gerade da, wo Gott sich ihnen offenbarte, da verbarg er sich zugleich tiefer als zuvor im Unbegreiflichen. Ist es nicht im Grund überall das gleiche: Denkt und erwartet der Mensch Gott, dann muß es licht werden und heilig zugehen, dann muß die Wirrnis des Irdi­schen im Wunder der Gottheit überstiegen werden. Dort hingegen, wo Gott Israel nahetrat, da zerbrach er alle vom Menschen erdach­ten Vorstellungen und Leitbilder und stieß ihn oft genug in neue Anfechtungen hinaus. Isaaks Opferung — »Ich bin, der ich bin« (2. Mose 3,14) — der Verstockungsauftrag an Jesaja (Jes. 6,10): Ist nicht in der Schilderung aller dieser großen Offenbarungsempfänge zunächst mehr Dun­kel als Licht? Und sind nicht das alles nur Schritte hin zu der Zumutung des Neuen Testaments, daß Gott im Kreuz Christi den Menschen ganz nahe gekommen sei und sich darin doch zugleich tiefer verborgen habe, als es jemals vom Menschen für tragbar gehalten wurde?

So also war der Gott, mit dem Israel im Gespräch stand, sich ihm ergebend, sich gegen ihn aufbäumend und wieder zu ihm zurückkehrend; aber allemal im Gespräch mit ihm und daraus auch in den dunkelsten Stunden nicht entlassen.

Sehen wir uns zuletzt noch kurz den menschlichen Partner an! Wie sieht das Gegenüber Gottes aus? Der wäre wohl ein schlechter Bibelleser, der sich nicht faszinieren ließe von diesem unvergleichlichen Bilderbuch unverstellter Mensch­lichkeit. Da ist alles vertreten, Hohes und Tiefes, Schreck­liches und Reines. Diese Könige und Soldaten, Prinzen und Bankrotteure, Gottesmänner und die unvergeßlichen Frau­engestalten — wie tummelt sich das alles auf dieser mensch­lichsten aller Bühnen! Welch eine Gelassenheit bei der Schilderung auch der dunkelsten Dinge! So den Menschen zu sehen, das heißt, darum wissen, daß Gott ihn zuvor gesehen hat. In diesem langen Gespräch eines Volkes mit Gott — man denke an das Psalmbuch! — ist also nicht nur Gott offenbar geworden; auch der Mensch ist vor sich sel-[20]ber offenbar geworden, viel deutlicher, als er sich von sich aus sehen konnte. Erst im Lichte Gottes kommt er in sein eigentliches Maß, erst hier wird er groß und unergründlich und sprengt alle Möglichkeiten seines eigenen Selbstver­ständnisses. Im Alten Testament ist er sich offenbar gewor­den als ein Geschöpf, das immer — ob er es weiß oder nicht — in einer Partnerschaft mit Gott steht, als ein Geschöpf, das hineingezogen ist in eine ungeheure Gottesgeschichte und das — von Anfang an angelegt auf das Gespräch mit Gott — in den Widerfahrnissen seines Lebens unter allen Umständen der Anrede durch Gott bedarf. Von diesem Wort lebt er, mit ihm steht er, ohne es fällt er.

Aber auch hier ist neben Hellem viel Dunkles. In voller Bewußtheit und Ehrlichkeit werden die Rätsel des Lei­dens, ja sogar die Schrecken der Gottverlassenheit gesehen und Lösungen gesucht. Sogar die Frage tritt auf, ob nicht die Leiden des Gottesvolkes vielleicht mehr sind als eine gerechte und vorübergehende Strafe — ein stellvertreten­der Dienst, in den nur dieses Volk geführt wurde? Auch diese Frage wird vom Ganzen des Alten Testaments nicht eindeu­tig beantwortet. Das Rätsel der Geschichte Israels steht in unveränderter Dringlichkeit auch im Raum des Neuen Testaments. Es steht über dem Gespräch Jesu mit seinen Zeitge­nossen, und erst recht steht die schicksals­schwere Trennung der jungen Christengemeinde von der jüdischen Synagoge im Zeichen dieses Rätsels, nachdem jene im Bewußtsein, das wahre Israel zu sein, das Leben und das Sterben Jesu von Nazareth als die letzte Sinner­füllung von Gottes Geschichte mit Israel ansah, um darauf­hin das ganze Alte Testament vom Osterge­schehen her zu deuten. Schließlich kann man selbst noch den Aufbruch des heutigen Israel ohne ein detailliertes Wissen um die Fragen und Erwartungen dieses jahrtausendealten Buches unmög­lich verstehen.

Der Zweck dieser Zeilen war, den Leser auf einiges hinzu­weisen, das er zunächst einmal als gegeben akzeptieren muß, wenn er überhaupt für sich in Anspruch nehmen will, gelesen und zugehört zu haben. Natürlich soll es ihm nicht [21] verwehrt sein, in aller Freiheit zu dem Gelesenen Stellung zu nehmen. Er soll auch nicht meinen, daß er sich das Gele­sene gleich aneignen und gar als das Seine nachsprechen müsse. Er ist aber gut beraten, wenn er sich mit dem Urtei­len erst einmal Zeit läßt, wenn er es lernt, sozusagen mit einem langen Atem zu lesen, und wenn er sich darin übt, Bedenken und innere Widerstände (an denen es gewiß nicht fehlen wird!) auf einen späteren Zeitpunkt zu verbeschei­den. Bibellesen hat zu allen Zeiten eine Bereitschaft zur Kontemplation gefordert.

Nach alledem ist das Buch, in dessen Studium der Leser nunmehr entlassen wird, insofern etwas Besonderes, als es nicht wie viele andere ein Buch »über« das Alte Testament ist. Es will nicht darüber informieren, wie die Bibelwissen­schaft heute über diesen Text oder über jenen Vorstellungskreis denkt. Das Buch will überhaupt nicht informieren. Was in ihm an Wissenschaft aufgeboten ist, dient nur dem Zweck, den Wahrheitsanspruch eines Textes oder einer Textgruppe deutlicher sehen zu lehren. Es versucht, Hin­dernisse aus dem Weg zu räumen, die einer wirklichen Begegnung mit der Aussage eines Textes im Wege stehen. Gelingt es dem Leser, sich für eine solche Begegnung bereit zu halten und sich von dem Irrtum zu lösen, daß er ja im wesentlichen schon wisse, was da zu lesen ist, so wird er je länger, je deutlicher spüren, daß der Text ganz von selbst auf ihn zugeht. Dann ist er mit seinem Lesen auf dem rech­ten Weg.

Zuerst veröffentlicht als Einleitung zu: Das Buch der Bücher. Altes Testament. Einführungen, Texte, Kommentare. Herausgegeben von Hanns-Martin Lutz, Hermann Timm, Eike Christian Hirsch, 1970, S. 11-18, R. Piper und Co. Verlag München. Als »Einleitung« nimmt der Text mehrfach auf die ihr folgende Aus­wahl und Kommentierung alttestamentlicher Abschnitte Bezug.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 11-21.

Hier der Text als pdf.

 

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