Gerhard von Rad – Die Geschichte von Bileam

Rembrandt - Bileam und die Eselin (1626)

Rembrandt – Bileam und die Eselin (1626)

Von Gerhard von Rad stammt der oft zitierte Spruch „Die legitimste Form theologischen Redens vom Alten Testament ist […] immer noch die Nacherzählung“ (Theologie des Alten Testaments, Bd. 1, 3. A., München 1961, S. 126). Das Nacherzählen biblischer Geschichten hat von Rad immer wieder selbst praktiziert. So sind eine Reihe seiner Nacherzählungen in dem postum herausgegebenen Band „Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament“ (Neukirchen-Vluyn 1974) veröffentlicht. Hier die kleine Nacherzählung der Bileamsgeschichte aus 4. Mose 22-24:

Die Geschichte von Bileam

Von Gerhard von Rad

Warum ist der Weg des alten Israel durch die Geschichte so sonderbar, so anders als der anderer Völker gewesen? Warum waren die Gefahren, denen es ausgesetzt war, töd­licher, warum waren die Tröstungen und Erfüllungen, die es in der Geschichte fand, tiefer und herrlicher? Darauf antwortet das Alte Testament: Das war deshalb, weil Israel in seiner Geschichte dem lebendigen Gott begegnet ist und weil ihm immer wieder Männer geschenkt wurden, die diese Begegnungen vollmächtig zu deuten verstan­den.

Es ist eine sehr ferne Kunde, von der unsere heutige Ge­schichte (4. Mose 22-24) handelt: Israel ist auf seiner Wüstenwanderung ganz nah an das verheißene Land her­angekommen, da tritt ihm der Moabiterkönig Balak ent­gegen, aber nicht, wie man erwartet, mit Heer und Waffen, überhaupt nicht mit äußeren Machtmitteln, vielmehr läßt er nur einen einzigen Mann herbeiholen, der aber ist ge­fährlicher als ein ganzes Heer, den Zauberer Bileam: »Komm, und verfluche mir das Volk, denn es ist mir zu mächtig.« Wir aufgeklärten, verstädterten Abend­länder wissen kaum mehr, was Fluch ist. Fluch ist unendlich viel mehr als ein böses Wort, eine böse Nachrede. Die Alten waren der Meinung: Wer flucht, der zieht etwas Urböses her­bei, der greift hinaus über den Bereich der vordergrün­digen Wirklichkeiten und lockt abgrün­dige, zerstörerische Mächte. Das kann freilich nicht jeder. Aber in jedem Volk gab es solche Menschen, die einen geheimnisvollen Zugang [43] zu diesem Bereich urböser Mächte hatten, ja eine unheim­liche Befehlsgewalt über sie; und so einer, weit und breit gekannt und gefürch­tet, war Bileam. Und Bileam hat sich auf den Ruf Balaks hin sogleich auf den Weg gemacht. Auch derlei ist in der Welt für Bezahlung zu haben! Dem ahnungslos Wandernden ist aber der Engel des Herrn mit gezücktem Schwert entgegengetreten. Dreimal mußte er ihm den Weg verstellen; sein Reittier hat ihn eher gesehen als der berühmte Zauberer. Aber wenn einer mit den dä­monischen Mächten im Bunde steht, dann hat offenbar ein Tier mehr Witterung für die Welt Gottes und ihre Offen­barungen! Als Bileam endlich den Engel des Herrn erkannt hat, da tut er freilich das, was jeder von ihm erwartet — er erbietet sich, umzukehren!

Nun kommt das Überraschende: Er soll gar nicht umkeh­ren, er soll nur getreulich das aussprechen, was ihm einge­geben wird. Im Aufbau der Erzählung könnte man das »das erregende Moment« nennen. Jeder Leser war mit Besorgnis dem Gang der Dinge gefolgt, denn Bileams Vor­haben war ein geradezu Teuflisches. Und nun verlegt ihm Gott nicht den Weg, er läßt ihn passieren. Wie mag das ausgehen? Aber Gott lenkt ja die Geschichte und die Ge­schicke nicht so, daß er den Menschen bei ihren Anschlägen dauernd in den Arm fällt. Er läßt sie handeln, sie handeln scheinbar ganz nach ihren eigenen Plänen und müssen gerade darin Gottes Werkzeuge und ihm zu Willen sein.

Bileam ist angekommen und geht gleich ans Werk: er wird auf einen Berg geführt, von wo aus er das Volk — aber nur sein äußerstes Ende — im Tal zelten sieht, und er trifft nun alle Anstalten für sein feierliches Fluchzeremoniell. Sieben Altäre werden errichtet, es wird geop­fert, er wech­selt nach der Weise solcher magischer Riten immer wieder den Ort seines Sprechens. Mit vollem Realismus werden diese Zauberpraktiken geschildert, um so wunder­barer wirken diesem ganzen Hokuspokus gegenüber die Sprüche, die Bileam nun verkündet: »Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht, wie soll ich schelten, den der Herr nicht schilt!« [44]

Mit diesem ersten Spruch ist unsere Erzählung auf ihre Höhe gekommen; hier beginnt sich die wunderbare Innen­seite des unheimlichen Geschehens zu öffnen: Bileam kann ja Israel gar nicht fluchen. Wo Gott ein Segenswort gespro­chen hat, hat die leidenschaftlichste Verflu­chung ihre Grenze. »Ja, von der Höhe der Felsen sehe ich es wohl und von den Hügeln schaue ichs: Siehe ein Volk, abgesondert wohnt es und rechnet sich nicht zu den Heiden.« Der ah­nungslose Frieden des im Tal lagernden Israel zeigt es besonders schön, wie da ein Kampf entbrannt ist völlig jenseits irdischer Machtfragen. Das Kräftespiel, das uns diese Erzählung zeigt, ist doch sehr seltsam. Die eigentli­chen irdischen Gegner sind ganz untätig. Die Moabi­ter schauen dem Bileam zu, und Israel zeltet ahnungslos im Talgrund. Handelnd sind die Mächte oberhalb des irdi­schen Kräftespiels: hie Bileam mit seiner Mobilisierung dämonischer Mächte, hie Gott, der Herr. Die Entscheidung in diesem Kampf fällt nicht bei Menschen, son­dern in einer höheren Dimension. Die Reformatoren würden gesagt haben: zwischen Gott und dem Teufel.

Und Bileam muß immer weiter segnen: »Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnun­gen Israel! Wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gärten am Strom, wie Eichen, die der Herr gepflanzt, wie Zedern am Wasser. Wasser rinnt aus seinen Eimern, reichliches Wasser hat seine Saat!« Man sieht, nun weitet sich der Blick des Sehers von Mal zu Mal; das Charisma wächst, nachdem sich Bileam in den Willen Gottes zu ergeben beginnt, und nun — eine wun­dervolle Einzelheit! — nun darf er auch das ganze Gottesvolk nach Stämmen lagernd sehen.

Balak ist beim Hören dieser unerwarteten Segenssprüche entsetzt; er schlägt die Hände überm Kopf zusammen und will Bileam wegjagen. Bileam bricht auch auf, aber, schon zum Gehen gewendet, hebt er noch einmal zu einem letzten Spruch an. An diesem Spruch können wir ent­fernt etwas ahnen von dem äußeren Entstehen einer Weissagung, von der mühseligen Konzen­tration und der Niederhaltung aller eigenen Stimmen in der Brust: »Es sagt Bileam, der Sohn [45] Beors, es sagt der Mann, dem die Augen aufgeschlossen sind, der die Erkenntnis hat des Höchsten, hingesunken, geöffneten Auges.« Und nun fangen die Umrisse des Ge­schauten an, sich langsam zu verdeutlichen: »Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, ein Szepter aus Israel.« Das ist der Messias, und damit hat Bileam an das Letzte ge­rührt. Nach diesem Höhepunkt fällt die Geschichte steil ihrem Ende zu. Balak läßt ab von Israel und Bileam kehrt in seine Heimat zurück.

Auch diese Geschichte ist natürlich keine absichtslose Er­zählung. Auch sie ist ein Bekenntnis: Gott steht zu den Seinen. Ihr Schutz liegt nicht bei den Menschen und ist auch gar nicht abhängig von den irdischen Kräfteverhältnissen. Ja mehr noch: Selbst die unheimlichsten Anschläge gegen seine Gemeinde müssen ihr zum Heil werden; selbst ein Bileam muß seg­nen! Verehrte Zuhörer, wie oft sind auch die Christen von Bileam gesegnet worden. So nimmt diese alttestamentliche Erzählung den neutestamentlichen Satz vorweg, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.

Vortrag im Süddeutschen Rundfunk, Sendereihe »Glauben und Le­ben«. Geschichten der Bibel, Dezember 1953.

Quelle: Gerhard von Rad, Gottes Wirken in Israel. Vorträge zum Alten Testament, Neukirchen-Vluyn 1974, 42-45.

Hier der Text als pdf.

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Eine Antwort to “Gerhard von Rad – Die Geschichte von Bileam”

  1. Gerhard von Rad – Predigt über 4. Mose 22-24 (Ausschnitte aus der Bileam-Erzählung) | NAMENSgedächtnis Says:

    […] nachdenkliche Predigt zur Bileam-Erzählung (vgl. dazu auch Rads Rundfunkvortrag „Die Geschichte von Bileam„): „Wir heute sehen uns an die alten biblischen Vorstellungen überhaupt nicht mehr […]

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