Gerhard von Rad – Über Exegese und Predigt (und wider „ausgeleiertes christliches Gerede“)

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim

Grabstein Von Rad in Handschuhsheim

Da wäre man selbst gerne dabei gewesen bei von Rads exegetisch-homiletischer Übung für Theologiestudierenden, die dieser gemeinsam mit Günther Bornkamm und Hans von Campenhausen im Wintersemester 1965/66 in Heidelberg veranstaltet hatte. Wider religionistische Ideologieextrakte dient nach von Rad die Exegese dazu, dass Predigten den jeweiligen Text selbst neu zur Ansprache bringen:

Über Exegese und Predigt

Von Gerhard von Rad

Wir haben diese Übung angezeigt, weil wir genau wie Sie um die Schwierigkeiten und Fragen wissen, die heute zwischen den beiden Größen Exegese und Predigt liegen, und auch darum, daß da etwas wie eine Lücke in unserem Vorlesungsangebot besteht. Ob diese Schwierigkei­ten so neuartig sind, wie heute manche meinen, oder ob sie nicht jede Zeit auf ihre Weise zu bestehen hatte, soll hier undiskutiert bleiben. Genug, die Fragen sind da, und wir wollen uns ihnen stellen.

Zwei Sätze stehen für uns fest, darin sind wir drei Ver­anstalter dieser Übung uns einig:

  1. Die Texte der Bibel müssen gepredigt werden — unter allen Umständen und um jeden Preis. Die Menschen, für die wir jeweils verantwortlich sind, brauchen sie dringend zum Leben (und zum Sterben).
  2. Die Texte der Bibel können gepredigt werden. Hier ist Kampfgelände, und vieles muß geklärt werden. Aber hätten wir nicht diese feste Überzeugung, dann wäre diese Übung sinnlos, und wir hätten sie nicht angezeigt.

Darin sind wir drei uns also einig. Alles weitere ist offen. Nun möchte ich Sie freilich warnen: Erwarten Sie sich hier keine Schaukämpfe! Sie müssen mitarbeiten — das ist die conditio sine qua non. Schützenhilfe wird dem, der sich exponiert, dann gern gewährt. Aber es geht nicht, daß Sie sich nur be­rieseln lassen. Das heißt konkret: Sie müssen sich vorbereiten, mit einer formulierten Meinung in die Übung kommen und Stellung nehmen.

Das Geschäft, das wir hier treiben, ist also das der Aus­legung. Beides ist Auslegung: die wissenschaftliche Exegese und die Predigt. Auslegung ist immer Aneignung eines uns über­lieferten geistigen Inhalts. Ohne irgendeine Form von innerer Aneignung ist überhaupt kein Verstehen möglich. Es [8] wäre Illusion zu meinen, wir könnten mit den überlieferten gei­stigen Inhalten umgehen wie ein Gießer mit langen Löffeln —und sie uns so vom Leib halten. Ohne daß sich das Auszulegende uns zuwendet, uns existentiell trifft, ist auch kein Verstehen möglich. Deshalb besteht auch kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Exegese und Pre­digt. Auch Predigt ist Auslegung, nur in anderer Sprachform, in anderer Konfrontie­rung. Trotzdem trennen wir die beiden Arbeitsgänge. Darum auch jetzt zuerst ein Wort zur Exegese, dann zur Predigt.

Wenn nun also von der Exegese die Rede sein soll, so muß man wohl heute hier ganz allge­mein mit einem blinden Fleck rechnen, mit einem manchmal kompletten Unvermögen, ja einem Nichtverstehen schon allein der Aufgabe, um die es geht, und dessen, was hier zu aktivieren wäre. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn wir uns miteinander eine halbe Stunde in der Ausstellung „Ars Sacra“ über mittelalterliche Buchkultur umsehen könnten. Der Ein­druck, der sich einem da aufdrängt, ist ja der: Wie kann man ein Buch ehren, feiern, wie unsäglich sich mühen im Abschreiben, im Ausschmücken der Initialen, in Illustrationen, welche Mühsal der Hingabe, der Unterwerfung — ach, einfach: wie wird hier das Buch empfangen und bejaht! Und in der unglaublichen handwerklichen Präzision welche Leben­digkeit, ja Erregung! Ohne Frage steht bei jedem Umgang mit dem Buch etwas Handwerk­liches im Vordergrund, das sauber oder unsauber getan werden kann. Bei dem „Handwerk“ der Auslegung geht es z. B. um Kenntnis und Beherrschung einer fremden Sprache, der geschichtlichen Umwelt, um Konzentration auf die Sache, um den Respekt vor dem Wort und dem Text, aus dem dann ein Unterscheidungsvermögen erwächst zwischen dieser und jener Redeform. Nehmen wir an, es handle sich um eine Geschichte: es gibt ja so viele Möglich­keiten, Gewesenes zu beschwören! Die Sage tut es ganz anders als etwa der deuteronomi­stische Geschichtsschreiber. Und wenn erst Propheten mit Geschichte umgehen, Geschichte prophetisch aufreißen, da vergeht dem auf exakte Historie pochenden Posi­tivisten Hören und Sehen.

Weite Teile der Bibel sind in einer gehobenen Kunstsprache geschrieben. Was bedeutet das? Nichts, wenn wir Poesie für einen rhetorischen Zierrat halten. Viel, wenn wir bedenken, [9] daß die poetische Rede eine ganz spezifische Form ist, Wirklich­keit zu erkennen und auszu­sagen, nur ihr vorbehalten, nicht auswechselbar. Wenn ein geographischer Name auftaucht, darf er nicht Schall bleiben. Manchmal eröffnen sich von da über­raschende Perspektiven.

Glauben Sie, man sieht es einem Text nicht so schnell an, worauf er hinaus will, am wenig­sten den bekannten oder solchen, die scheinbar in einem uns vertrauten religiösen Jar­gon einhergehen. Der größte Feind jeder ordentlichen Aus­legung ist die unkritische Paraphrase, die einfach mit ein wenig anderen Worten den Text wiederholt. Die kritische Paraphrase freilich ist die Krone jeder Auslegung. Weiter kann man nicht kommen, als in wenigen sau­beren Sätzen das verstandene Sinngebäude auszusagen. Das ist das paradoxe Geheimnis alles ordentlichen Auslegens: Je mehr wir uns zunächst im Hintergrund halten, je mehr wir dem Text handwerklich sauber näherzukommen suchen, je weniger wir ihm mit unseren Fragen ins Wort fallen, um so direkter wird er uns ansprechen. Was ist herrlicher, als wenn so ein Text zu reden beginnt, oft ganz anderes als Erwartetes. Aber was tut das? Er redet. Ken­nen Sie nicht die Freude an der Exegese? Nein, Sie kennen sie nicht! Wie wäre sonst dieser augen­blickliche run nach zu­sammenfassenden Darstellungen, nach Inhaltsangaben zu ver­stehen! Die ödeste abgezogene Zusammenfassung gilt heute mehr als die Quelle selbst. Da muß einen das Studium doch mißmutig machen. Übrigens noch eines: Wie uninteressant werden, wenn man in dieser Arbeit steht, die Fragen nach den theologischen Richtungen! Dieses Interesse an den theologi­schen Schulen und Richtungen ist ja ohnehin nur etwas für Schwachsinnige!

Lassen Sie mich meine Gedanken noch ein bißchen weiter­spinnen: Auslegen ist also immer ein Übersetzen. jede Über­setzung ist ja schon eine Auslegung. Nicht ein Wort der alten Sprache deckt sich genau mit dem entsprechenden der unsrigen. Sprache und Geist sind eine Einheit. Wir können nicht übersetzen, als ob Jesaja oder Johannes deutsch ge­sprochen hätten. Das wäre gerade keine treue Übersetzung. Es muß also etwas von dem, was eigentlich nur hebräisch oder griechisch gesagt werden konnte, in die Übersetzung herüber-[10]genommen werden. Diese Fremdheit darf nicht verlorengehen in einem glatten, geläufigen Deutsch. Also muß man in einer guten Übersetzung alle erdenklichen Möglichkeiten unserer Sprache akti­vie­ren, um dem Fremden entgegenzukommen. Identität ist nie zu erreichen.

Eine besondere Schwierigkeit ist der rapide Sprachschwund, der sich bei uns ereignet. Viele merken gar nicht mehr, daß sie sich nur noch schmaler, abgegriffener Sprachklischees bedie­nen, mit denen der ungeheuren Breite und dem Nuancenreichtum des biblischen Sprachschat­zes nicht beizukommen ist. Schleier­macher hat einmal das Problem des Übersetzens sehr spitz formuliert: Es gibt zwei Wege, die der Übersetzer einschlagen kann. „Entweder der Überset­zer läßt den Schriftsteller mög­lichst in Ruhe und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.“[1]  Die erste Mög­lich­keit des Übersetzens voll­zieht die wissenschaftliche Exegese, die zweite die Predigt (wenn auch nicht so, daß dabei der Hörer vom Text in Ruhe gelassen würde!).

Damit sind wir also beim zweiten, bei der Predigt. Erlauben Sie eine kleine Abschweifung auf ein außertheologisches Ge­biet. In der deutschen Dichtung hat sich etwa in der Zeit von 1900 bis 1914 etwas höchst Bedeutsames ereignet. Viele Dichter sahen sich immer mehr außer­stande, die von ihnen ins Auge gefaßten Wirklichkeiten mit der hergebrachten Sprache, also der Goethes oder der Romantiker, auszusprechen. Goethe, die Romantiker und die Spätro­man­tiker (bis heute wirksam) hatten eine geistige Welt, ein tragendes Wertgefüge, in das sie ihre Dichtungen hineinstellten wie in einen großen Horizont. Diese herkömmlichen Begriffe, Werturteile, poetischen Formen trugen nicht mehr, und demgegenüber stand eine ganz neue Welterfahrung auf. Das bisher Banale, poetisch Irrelevante, Neutrale entließ ganz Ungeheu­res, Abgründiges. (Ich kann hier nur das Phänomen beschreiben, nicht seine Gründe, die ins Uferlose führen.) Tatsache ist also: Die damalige Dichtung in führenden Vertretern (und auch gerade Dichtung strebt in ihren Aussagen nach Präzision) fühlte sich von den bisherigen [11] Ausdrucksmöglichkeiten im Stich gelassen, sie waren eigen­tümlich leer geworden, schablo­nen­haft, jedenfalls ganz un­geeignet, die Wirklichkeit zu artikulieren, der sich diese Dichter bedrängend genug konfrontiert sahen. Denn was wird aus der Wirklichkeit, die wir in der Sprache nicht mehr artikulieren können! Alle diese Dichter haben das als etwas Entsetzliches erlebt. Hofmannsthal, der das Erlebnis des Sprachzerfalls und des furchtbaren Zweifels an der Welt sehr früh und vielleicht am klarsten ausgesprochen hat (in seinem Chandosbrief), hat diese Krise nicht überwunden. Er hat weitergedichtet, aber eigentliches Neuland selber nicht mehr erreicht. Er spricht von dem „Anstand des Schweigens“, der übrigbleibe. Andere konn­ten sich nur retten, indem sie versuchten, die neu erfah­rene Wirklichkeit auf ganz neue Weise, oft ‚in großen Wag­nissen, in Sprachexperimenten zu apperzipieren.

Dieses ungeheure Phänomen (es ergriff ja auch die Maler und Musiker) geht uns hier nicht unmittelbar an. Der Prediger ist kein Dichter. Die Sache, die er zur Sprache zu bringen hat, ist eine andere. Die Dichter können ihm in seiner Sache nicht helfen. Aber mittelbar geht es uns doch an. Der Pfarrer muß darum wissen. Die Menschen, an die er sich wendet (gerade die jungen), werden mehr und mehr in diese Zweifel an der Welt hineingezogen. Das bedeutet unter anderem: Der Pre­diger muß allen pseudopoetischen Zierrat abbauen. Er setzt sonst seine eigene Sache einem vernichtenden Verdacht aus. Den Boden, den er bei der kleinbürgerlichen Gemeinde viel­leicht noch halten kann, verliert er bei den Intellektuellen und bei den Arbei­tern. Aber nicht nur das: Wir haben ja auf dem Gebiet des christlichen Wortschatzes einen sehr ähnlichen Zer­setzungs- und Entleerungsprozeß unserer traditionellen christ­lichen Spra­che er­fah­ren. Schon Bonhoeffer sagt, wir müßten im Nachsprechen der großen biblischen Dinge wieder ganz von vorne beginnen. Meine Kommilitonen, welch ein Fortschritt wäre es schon, wenn im Umkreis unserer Theologie diese Er­kenntnis Gemeingut würde, daß die Bibel mit ihrer Sprache (ihren Sprachen!) die Aussagemöglichkeit unserer heutigen Sprache weit transzendiert. Heute, mehr als sechzig Jahre nach dem Chandosbrief, die theologische Sturm­glocke zu läuten, wäre lächerlich. Die Aufgabe, der wir gerecht zu werden [12] haben, ist längst erkannt: Wir müssen die Aussage der Bibel in unserer Sprache genauso konkret (so konkret ad hominem) weitergeben, wie sie in der Bibel gemeint war. Das Aus­weichen in unver­bindliche religiöse Allgemeinheiten ist eine der größten Predigtsünden. Auch damit, daß einer, um sich modern zu geben, in einen flotten Jargon überwechselt, ist gar nichts geholfen.

Es besteht ja ein fundamentaler Unterschied zwischen uns und jenen Dichtern. Die Welt, die jene auszusagen haben unter Grauen und Entzücken, redet nicht (jedenfalls nicht in Wor­ten), ihr Geheimnis muß ihr mit den gewagtesten Experi­menten abgelockt werden. Wir haben den Auftrag, die Worte von Redenden weiterzugeben. Und hier will ich etwas ganz Verwegenes nur andeuten: Es könnte ja sein, daß die Christen durch ihr Wissen um Gott und um die Welt in dem Problem, mit dem sich unsere Dichter herumschlagen, einen helfenden Beitrag leisten. Wir hätten sie davon zu überzeugen, daß Welt und Mensch nur im Gegenüber zu Gott zu verstehen und zu bestehen sind.

Die große Entdeckung, die Sie alle beim Predigen machen müssen, ist die, daß die Texte wirklich selbst reden (Deutero­jesaja muß so etwas wie ein Schnaufen und Stöhnen Gottes erfahren haben, wenn er eine Zeitlang schwieg! Jes. 42,14). Das sind die besten Predigten, denen man die eigene Über­raschung des Predigers anmerkt darüber, daß und wie der Text plötzlich anfing zu reden. Ich habe Predigten gehört, bei denen hatte man das Gefühl, daß der Prediger nur ein wenig zur Seite getreten ist, um den Text reden zu lassen (nun, er hat natür­lich schon noch etwas mehr getan!). Im Kirchenkampf habe ich Predigten gehört, da ist dem Prediger der Text wie ein Sack von der Kanzel gerutscht, weil er so unglaublich aktuell war, daß der Prediger die Kontrolle darüber ganz ver­lor. Das mögen extreme Fälle sein, aber sie sind immer noch besser als ein ausgeleiertes christliches Gerede. Gute Predigten haben etwas von einem geistigen Abenteuer an sich. Ich gebe Ihnen zehn bis zwanzig Anfängerpredigten frei, in denen Sie Eingelerntes weitersagen. Dann haben Sie sich ausgepredigt. Wenn Sie dann nicht die Entdeckung machen, daß jeder Text [13] selber reden will, dann sind Sie verloren. Es geht um jenes Wort, das schärfer ist als ein zweischneidiges Schwert.

Dich, Herr, wir wollen bitten,
du edler Herzog wert,
nach rechter Kinder Sitten:
send uns dein geistlich Schwert,
das schneidt zu beiden Seiten,
ich mein dein göttlich Wort,
damit wir mögen streiten
wider der Höllen Pfort.[2]

Da ich schon beim Gesangbuchzitieren bin, noch ein Wort zum Abschluß: Es ist ein kirchli­ches Geschäft, das wir treiben. Die Art, wie viele junge Theologen sich von der Kirche ab- set­zen, ist mir höchst unbehaglich. Sie ist auch ganz unreali­stisch. Viele gehen gar nicht mehr zur Kirche, erwarten dann aber für sich selbst einen regen Kirchenbesuch! Sagen wir Kirche, so meinen wir auch die verfaßte Kirche. Sicher hat mancher manches gegen unsere Kirchenre­gierung auf dem Herzen. Aber es ist doch so: Wir delegieren die weniger schönen Aufgaben an eine Kirchenregierung, die schließlich auch unserer Anteilnahme und Mitarbeit bedarf. Eine Kritik an der verfaßten Kirche wird erst da glaubwürdig, wo der Kritiker ebenso und noch mehr vor seiner eigenen Türe kehrt.

Damit sei unsere Arbeit also eröffnet. Ich hoffe, daß nun auch Sie, wo es Ihnen notwendig erscheint, freimütig vom Leder ziehen. „Ich habe meine erste Rede getan, lieber Theo­philus.“

Einleitende Bemerkungen zu einer exegetisch-homiletische Übung für Theologiestudenten, die von Rad gemeinsam mit Günther Bornkamm und Hans von Campenhausen im Wintersemester 1965/66 in Heidelberg veranstaltete.

Quelle: Gerhard von Rad, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1973, Seiten 7-13.

[1] Schleiermacher, Sämtliche Werke III, 2, 207 ff.

[2] EKG 203,2 („O König Jesu Christe“).

Hier der Text als pdf.

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