Gerhard von Rad – Predigt über Ruth 1 (Über die Pfeiler im Tempel Gottes)

Naomi bedrängt Rut und Orpa in das Land der Moabiter zurückzukehren (William Blake, 1795)

Naomi bedrängt Ruth und Orpa in das Land der Moabiter zurückzukehren (William Blake, 1795)

Bemerkenswert ist, was Gerhard von Rad in seiner Predigt über das ersten Kapitel des Buches Ruth der Gemeinde zuzusprechen weiß:  „Es quält uns, daß sich in unserem Leben so wenig in christli­chem Sinne begibt, die Farblosigkeit und Anonymität unseres Christenstandes. Aber anonymer als die Moabiterin Ruth sind wir ja auch nicht; und sie war nicht zu gering geachtet, zum Pfeiler in seinem Tempel zu werden. Und vor allem wollen wir uns nicht fort­gesetzt belauern und die Christlichkeit unserer Gedanken und Motive überprüfen. Das sahen wir ja: Es ist alles schon von Gott in sein Werk eingerechnet: unser gutgemeinter Überschwang und unsere kurzsichtige Schlauheit. Es ist alles an seinem Ort schon gerechtfertigt, weil unser Leben in einer Tiefe, in die kein Menschen­verstand hinab­leuchtet, an das Leben Christi gebunden ist.“

Predigt über Ruth 1

Von Gerhard von Rad

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethle­hem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremd­ling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Naemi … Und Elimelech, Naemis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Ruth. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden Söhne, so daß die Frau beide Söhne und ihren Mann überlebte.

Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wie­der zurück … Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: »Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, daß ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause!« Und sie küßte sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: »Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.« Aber Naemi sprach: »Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? … Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herren Hand ist gegen mich gewesen.« Da erhoben sie ihre Stimmen und weinten noch mehr. Und Orpa küßte ihre Schwiegermutter, Ruth aber blieb bei ihr. Sie aber sprach: »Deine Schwä­gerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott. Kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. « Ruth antwortete: »Rede mir nicht ein, daß ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das — nur der Tod wird mich und dich scheiden …«

So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. Und als sie nach Bethlehem hinein­kamen, erregte sich die ganze Stadt über sie, und die Frauen spra­chen: »Ist das die Naemi?« Sie aber sprach zu ihnen: »Nennt mich nicht Naemi (dh. lieblich), sondern Mara (dh. bitter); denn der All­mächtige hat mir viel Bitteres angetan. Voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimge­bracht …«

Es war aber um die Zeit, da die Gerstenernte anging, als Naemi mit ihrer Schwie­gertochter Ruth, der Moabiterin, zurückkam vom Moabiterland nach Bethlehem.

Liebe Gemeinde! Das Alte Testament ist das Buch eines Volkes, das hineingerissen worden ist in eine besondere Gottesgeschichte, das Buch eines Volkes, das Gott sich gegriffen hat, in dem er die Nebel der Unwissenheit über Gott, in dem er den Qualm der religiösen Mythen zerrissen und sich selbst als Herrn geoffenbart hat. Es ist für uns also das Buch eines Volkes, das unablässig mit dem Wort Gottes beschäftigt ist; gewiß ungeheuerlich daran versagend, aber dann doch langsam in ein Wissen über Gott und die Menschen hinein­wachsend, das wir in der ganzen Welt vergebens suchen. Das Alte Testament ist für uns das Buch eines Volkes, das sich in diese Offen-[46]barung Gottes und seines Willens keineswegs leicht ergeben hat, sondern das vielmehr in eine chronische Götzendämmerung hinein­geführt wurde, in ein immer tieferes Offenbarwerden der Ohnmacht aller menschlicher Sicherung und alles dessen, was der Mensch von sich aus für göttlich erklärt. Es ist das Buch prophetischer Erleuch­tungen über ungeheure Welt- und Geschichtsgedanken Gottes, die doch im Letzten Gedanken des Friedens und nicht des Leides sind. Aber zugleich werden wir aus diesem Buch inne, daß sich Gott um keinen Preis seine Geschichtspläne aus der Hand winden, daß er sie unter keinen Umständen zu einem geschichtsphilosophischen Gesetz machen läßt, das wir Neunmalge­scheiten begreifen könnten. So ist uns das Alte Testament in gewisser Hinsicht das Buch des Normalvolkes vor Gott, das sich als ein Klümplein weichen Tones in der Hand des allmäch­tigen Gottes erkennen mußte. Ja, es ist das Buch eines Volkes, das für den Herrn Christus und sein Kommen zube­reitet wird. Denn all dieses: diese Gottesgeschichte, dieses Beschäftigtsein mit dem Wort Gottes, diese chronische Götzendämmerung, dieses Gericht über die mytholo­gischen Götteroffenbarungen — das sind ja nur Hinführungen und Einübungen auf das Kom­men Jesu Christi, auf sein Gericht und sein Heil.

Wie hat man eigentlich in einem solchen Volk gelebt, in einem Volk, das unter solchen Gottesgewittern stand? Da waren doch nicht überall Gottesmänner und Propheten; da waren doch auch viele einfache Menschen in ihrem Alltag. Wie haben die eigentlich gelebt? Hinter dieser Frage steht nicht historische Neugier, vielmehr etwas uns Bedrängendes: Wir ahnen, daß auch unser aller Leben vielleicht in ähnlicher Weise in eine gewittrige Gottesgeschichte eingebettet ist, und daß die gegenwärtigen Geschichtsereignisse, die uns erschrecken, viel­leicht auch in irgendeinem Bezug zu dem Kommen Christi in diese Welt stehen. Deshalb fragen wir: Wie lebt man in einem solchen Volk, unter einem solchen Himmel?

Nun, wir sehen hier in eine Familie hinein, in kleine bäuerliche Verhältnisse. »Familie« ist schon zu viel gesagt. Die Männer sind ja tot; es sind ein paar Frauen, »Flüchtlinge« würden wir heute sagen, die wieder in ihre alte Heimat zurückkehren, um da — ganz verarmt — noch einmal von vorne anzufangen. Wie bitter das Ankommen in der alten Heimat war, das spricht die alte Frau selbst aus: »Der Allmächtige hat mich sehr betrübt; voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht. « Aber nun muß natürlich etwas geschehen, daß die bei­den Frauen wieder einen Grund unter die [47] Füße bekommen. Ruth fängt ganz unten an; sie nimmt das Armen­recht in Anspruch und liest auf den Feldern der reichen Bauern ehren. Dabei wird sie mit einem Bauern bekannt, der ein entfernter Verwandter ihres verstorbenen Mannes ist. Nun gab es bekanntlich in Israel ein Gesetz, demzufolge die Brüder eines Verstorbenen sich dessen kinderloser Witwe anzunehmen, sie zur Ehe zu nehmen hatten, um stellvertretend dem Verstorbenen Nachkommenschaft zu erwecken. Boas war zwar kein naher Verwandter; weder er noch auch Ruth haben zunächst an eine solche Möglichkeit gedacht. Aber bei Naemi war der Plan schnell geschmiedet, und — wir müssen es aussprechen — es war ein gefährli­cher Plan, in den die alte Frau die Ruth hineinverwickelt hat. Jene nächtliche Szene auf der Tenne, wie da Ruth sich zu den Füßen des schlafenden Boas niederlegt und sich mit seiner Decke zudeckt, um sich ganz in seinen Schutz zu begeben — das war gewiß auch für die Alten eine recht verfängliche Sache. Und wenn der Erzähler auch in großer Keuschheit kei­nerlei häßlichen Gedanken Raum gibt, so hätte das alles doch auch ganz anders ausgehen können. Aber Boas nimmt, nachdem noch eine juristische Schwierigkeit überwunden ist, die Ruth in Ehren zur Ehe; und der Urenkel aus dieser Verbindung war der König David, der Gesalbte Israels!

Aber unsere Frage: Wie lebt man denn im Alltag in einem solchen Volk? — hat sie eine Antwort gefunden? War denn da überhaupt von den großen Dingen des Glaubens die Rede? Alles war ja so vordergründig erzählt und spielte sich so realistisch ab, wie das eben bei Bauern zu sein pflegt. Wo sind hier also die großen göttlichen Dinge, von denen wir eingangs sprachen? Kein Wetterleuchten davon stört den stillen Horizont dieser Geschichte!

Nun, da ist ja noch das schöne Wort der Ruth. Aber ist dieses Wort bei uns nicht ein bißchen zu berühmt geworden? Was nennt sie alles im Überschwang zusammen: Gott und Volk und Land und Grab will sie mit der Mutter ihres verstorbenen Mannes gemeinsam haben, dürfen doch einmal ganz offen fragen: Ist das wirklich das Wort eines großen Glaubens? War Ruth ein gläubiger Mensch, konnte sie das als Moabiterin überhaupt gewesen sein? Ihr Mann war wohl Israelit; aber es war in jenen Zeiten nicht üblich, daß zwischen Mann und Frau tiefe Glaubensgespräche geführt wurden. Ist dieser Satz der Ruth also nicht viel eher das Wort einer sehr schönen menschlichen Treue? Das Verhalten der Orpa war doch nicht ungläubig oder gar häßlich. Naemi hatte ihr den Rückweg ja selbst angeraten, den [48] Weg in »ihrer Mutter Haus«. Das ist doch auch eine reelle Sache, der Weg in der Mutter Haus. Je mehr wir über den Satz der Ruth und seinen eigentlichen Sinn nachdenken, um so unwägbarer wird er uns. Wir bekommen ihn, wenn wir nach ihm greifen, nicht recht zu fassen. Es ist wohl nur ein winziges Etwas, das bei ihr den Ausschlag gibt; freilich etwas, das im Leben oft zentner­schwer wiegt: Es ist das Geheimnis einer echten menschlichen Verbundenheit, es ist ein wenig Treue. Aber so ist es nun auch nicht gemeint, daß uns der Erzähler mit dieser Szene sagen will: seht diese Ruth an und lernt von ihr; diese Treue ist das Entscheidende im mensch­lichen Leben. So nicht. Und doch stehen wir jetzt ganz dicht vor dem Geheimnis dieser Ge­schichte. Natürlich war dieser Augenblick, dieser Satz für Ruth die alles entscheidende Wen­de, weil sie ja damit in das Volk des lebendigen Gottes eingetreten ist. Natürlich hat Ruth mit diesem Wort die große Grenze zwischen Tod und Leben überschritten. Das hat Boas ganz richtig verstanden als er später zur Ruth sagte: »Der Herr vergelte dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter seinen Flügeln Zuversicht hättest.« Ein bißchen merkwürdig ist das ja zugegangen! Ja, und noch einmal ja: sie hat sie überschritten, die große Grenze zwischen Tod und Leben, — ein wenig überschwenglich und ein wenig ahnungslos. Nicht kraft ihres bergeversetzenden Glaubens, sondern weil Gott sie geführt hat, weil Gott sie für seinen Gesalbten gebraucht hat, ist sie nach Bethlehem gekommen. So ist das also eine Geschichte, die wir mit gutem Grund in der Epiphaniaszeit bedenken.

Diese Geschichte von der Ruth zwingt einen dazu, eine etwas merk­würdige Predigt zu halten. Ich kann ja nicht sagen: seht hin auf diese wahrhaft frommen Menschen, die ihr Vertrauen ganz auf Gott gesetzt haben, und lernt von ihnen! Diese Geschichte ist ja überhaupt eigentüm­lich arm an frommen Worten. Ja, wäre nicht in dieser Hinsicht sogar das Gegenteil zu sagen: Ist es nicht ein wenig erschüt­ternd zu sehen, wie wenig alle diese guten und treuherzigen und auch ein wenig verschlagenen Menschen von dem Eigentlichen, das Gott mit ihnen treibt, wissen und reden. Da sehen wir nun einmal hinein in eine Familie dieses Volkes, das unter den Gewittern einer von Gott geführten Geschichte stand; — ja, wir hören ein paar religiöse Sätze, ein paar fromme Wünsche, aber rührt denn das alles an das Werk Gottes, mit dem er sein Volk seinem Gesalbten zubereitet? Und trotzdem! Führt der Weg der Ruth deswegen weniger nach [49] Bethlehem? Und sind wir vielleicht wesentlich anders nach Bethlehem geführt worden? Nein, deswegen, weil Ruth so wenig von alledem weiß und spricht —deswegen war ihr Leben nicht weniger von Anbeginn dem Gottesvolk und dem Gesalbten Israels zugeordnet. Im Sendschreiben an die Gemeinde Philadelphia ist von denen die Rede, die zu Pfeilern im Tempel Gottes gemacht werden (Off. Joh. 3,12). Dies Wort könnte man wahrlich über das Buch Ruth schreiben. Wer ist denn zu einem Pfeiler in dem Tempel Gottes geworden, wenn nicht sie? Ja, wenn wir auf die äußeren Dinge sehen, auf die Worte, die gesprochen werden, und auf die Motive, die dem Handeln der einzelnen Menschen zugrunde liegen, wo kämen wir da hin! Naemi hat die Ruth erst zurückschicken wollen und sie dann nach der Art alter Frauen noch einmal unter die Haube bringen wollen. Boas war sicher ein frommer Bauer — nichts gegen Boas! —, aber er will die Ruth zur Frau und er will auch den Acker, den die Ruth noch in die Ehe bringt. So ist das eben bei den Menschen. Ja, wie ist das nur gekommen, daß Ruth zum Pfeiler im Tempel Gottes geworden ist? Durch menschliche Treue, gewiß; aber menschliche Berechnung und Eigennutz waren doch auch im Spiel und noch vieles andere mehr. Und wenn wir so noch viel genauer nachrechnen wollten, dann würden wir doch nie auf das Eigentliche, das Werk Gottes stoßen, weil das tief verborgen ist in und hinter alledem, was wir vor Augen sehen. Das ist also die Predigt unserer biblischen Geschichte für uns, daß sie uns lehrt zu scheiden zwischen dem, was Menschen treiben und denken und dem, was die Bibel das Werk Gottes mit uns nennt; und daß wir wissen sollen, daß Gottes Werk unter allen Umständen ans Ziel kommt und nicht an der Unzulänglichkeit dessen hängt oder scheitert, was wir denken oder reden oder handeln.

Wir kommen doch auch eben von Bethlehem her; und es ist uns wieder gesagt worden, daß unser Leben von Gott selbst dem Herrn Christus zugeordnet worden ist; meint Ihr, daß wir des Trostes dieser Geschichte nicht besonders bedürften? Es gibt heute zwei Arten von Anfech­tung, die unseren Glauben besonders quälen: Die eine kommt aus den großen zerstörerischen Ereignissen, die uns erschrecken, weil wir Gottes Hand darin schlechterdings nicht mehr erkennen können. Und davon ist in unseren Predigten schon fast zu viel die Rede. Die andere aber kommt aus dem Gegenteil, nämlich aus der trivialen, inhaltslosen Alltäglich­keit, aus dem Ereignislosen, aus der Unbeweglichkeit unserer Herzen und unseres ganzen Lebenskreises, der wie [50] von den Ringen der Stumpfheit umklammert ist, die wir nicht sprengen können; sie kommt also da her, daß man von dem Werk Gottes bei uns so gar nichts sieht oder spürt — und das ist die Anfech­tung der Engel! Der Prophet Sacharja schildert es uns nämlich einmal, wie eine Schar himmlischer Boten, nachdem sie einen ganzen Tag lang die Erde aufmerksam durchstreift haben, des Abends an das Himmelstor zurückkeh­ren, um Gott dem Herrn Mel­dung zu erstatten (Sach. 1,7ff). Und da bricht aus dem Anführer dieser Engel die verzweifelte Klage heraus: Sie haben die ganze Erde in Ruhe und Frieden vorgefunden; dh. von dem Kom­men des Reiches Gottes war schlechterdings gar nichts zu merken. Aber da erfährt er etwas, das wahrzunehmen auch die Augen der Engel zu blind waren: Gott brennt in Eifer für sein Volk, und alle Vorkeh­rungen für das Kommen seines Reiches sind schon bis ins Kleinste getroffen.

Das ist der Trost, dessen wir heute bedürfen. Was weiß schon unsere christliche Sensations­lust von dem Werk Gottes, mit dem er die Welt seinem Gesalbten zubereitet, wenn das schon den Engeln verborgen war! Was weiß sie davon, daß auch unser ereignisloses Leben hinein- geflochten ist in Gottes Pläne, was weiß sie, wozu er uns brauchen will. Es quält uns, daß sich in unserem Leben so wenig in christli­chem Sinne begibt, die Farblosigkeit und Anonymität unseres Christenstandes. Aber anonymer als die Moabiterin Ruth sind wir ja auch nicht; und sie war nicht zu gering geachtet, zum Pfeiler in seinem Tempel zu werden. Und vor allem wollen wir uns nicht fort­gesetzt belauern und die Christlichkeit unserer Gedanken und Motive überprüfen. Das sahen wir ja: Es ist alles schon von Gott in sein Werk eingerechnet: unser gutgemeinter Überschwang und unsere kurzsichtige Schlauheit. Es ist alles an seinem Ort schon gerechtfertigt, weil unser Leben in einer Tiefe, in die kein Menschen­verstand hinab­leuchtet, an das Leben Christi gebunden ist.

Nachdem wir nun das Zeugnis des Buches Ruth im Ganzen verstanden zu haben glauben, sollten wir jetzt unseren Text noch einmal richtig lesen und darauf achten, wie die ganz vor­dergründigen Dinge an der Oberfläche des Lebens dieser paar Menschen nun doch einen heimlichen und zuweilen auch sichtbaren Bezug haben zu dem in und hinter allem geschehen­den Christuswerk. Achten sollten wir darauf, wie die äußeren Begebenheiten und Erfüllungen, auf die diese Menschen hinarbeiten, nun eben doch heimlich verklammert und getragen und gerechtfertigt sind von diesem Christuswerk, das [51] allem zugrunde liegt. Wir sollten das deshalb bedenken, damit wir weniger erschrecken vor der Vordergründigkeit und Zeitlichkeit alles dessen, was auch unsere Tage ausfüllt, als könne nicht auch dieses Zeitliche und Vorläu­fige von Christus getragen und gesegnet sein, so gesegnet sein, daß es sogar in dieser Zeit schon einen Schein des Ewigen und Endgültigen bekommt.

Laßt mich aus dem vielen, das da zu überdenken wäre, nur eines herausgreifen: Naemi hatte zu den beiden jungen Frauen gesagt: »Der Herr gebe euch, daß ihr Ruhe findet, eine jegliche in ihres Mannes Haus.« Das ist ein schönes und gutes Wort; es meint die Ruhe, die Mann und Frau einander gewähren. Noch schöner aber ist es, daß dies Wort dann durch Gottes Fügung an Ruth in Erfüllung gegangen ist. Gewiß ist diese Ruhe nichts Jenseitiges, sie ist auch nichts Geistliches; aber in aller Zeitlichkeit ist sie nun eben doch eine Erfüllung, die Gott in diesem Leben gewähren will, und deshalb doch schon wie ein Angeld, wie ein kleines irdisches Ab­bild der Ruhe, von der wir wissen, daß sie für das Volk Gottes vorhanden ist. Paulus hat da einen ähnlichen Satz dem Philemon geschrieben; er hat ihm eine Bitte vorgetragen und dann hinzugesetzt: »Ja, lieber Bruder, bringe mein Herz in Jesus Christus zur Ruhe« (Philemon V. 20). Das soll es also geben, so eine Ruhe in Christus, die wir uns gegenseitig in dieser Zeit gewähren dürfen. Das ist nicht die letzte Ruhe in Christus; wie sollten wir die zu vergeben haben, aber eine Ruhe in der Zeit, die doch auch schon etwas von der letzten großen Ruhe in sich hat, schon eine Christusgabe, in der wir mitten auf dem Moorgrund dieser Zeitlichkeit einkehren dürfen.

Wenn wir jetzt zurückblicken auf das, was uns diese alte Geschichte gelehrt hat, so haben wir eigentlich dauernd ein großes Pauluswort umkreist: »Euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott« (Kol. 3,3). Wenn wir dieses Wort von unserer alttestamentlichen Geschichte her ausle­gen, so heißt das: Dieses unser Leben, das Gott so positiv ansieht, daß er es für seine ewigen Zwecke gebrauchen kann, das in seinen Augen etwas so Reelles ist, daß es sich sogar als Pfei­ler im Tempel Gottes verwenden läßt — das ist uns verborgen. Aber es ist da, weil Chri­stus da ist. Ist nicht unser christliches Lamento über die Nichtigkeit unseres Lebens oft ein sehr unchristliches Gerede? Sollte uns nicht vielmehr ein Hochgefühl erfüllen, daß er unser Leben brauchen will — vielleicht sogar zu seiner großen Ernte; so, wie auch die Ruth gleich hat mithelfen dürfen bei der Ernte, die gerade in Israel im Gange war. Amen.

Predigt am 27. Januar 1952 im Universitätsgottesdienst in Heidelberg

Quelle: Gerhard von Rad, Predigten, hg. v. Ursula von Rad, München: Chr. Kaiser, 2. A., 1978, 45-51.

Hier der Text als pdf.

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