Gerhard von Rad – Predigt über 4. Mose/Numeri 22-24 (Ausschnitte aus der Bileam-Erzählung)

Balak und Bileam auf dem Berg Peor (Kupferstich nach Marten de Vos, Antwerpen Gerard de Jode, 1585)

Balak und Bileam auf dem Berg Peor (Kupferstich nach Marten de Vos, Antwerpen: Gerard de Jode, 1585)

Eine nachdenkliche Predigt zur Bileam-Erzählung (vgl. dazu auch Rads Rundfunkvortrag „Die Geschichte von Bileam„): „Wir heute sehen uns an die alten biblischen Vorstellungen überhaupt nicht mehr gebun­den. Wir heute sehen die Welt anders. Ach, dieses »Wir heute!« Das hat an seinem Ort gewiß seinen guten Sinn. Aber ebenso sicher ist, daß es im Handumdrehen zu einer unerträglichen Anmaßung wird, zu einem ahnungslosen Beiseiteschieben von einem Wissen um die Welt, um den Menschen und auch von einem Wissen um Gott, demgegenüber wir heute kläglich abschneiden. Ist es denn so, daß die Wirklichkeit unseres Lebens erst in unseren Jahren richtig gesehen wurde? Stellen wir doch die Frage ganz einfältig. Auf welcher Seite stehen denn nun die besseren Realisten? Sind es die, die dieses »Wir heute« so an­spruchs­voll im Munde führen, sind sie die besseren Realisten? Oder ist ihnen unser Erzähler im Vorsprung, wenn er den Segen Gottes für eine Wirklichkeit, für eine Macht hält, von der wir Tag und Nacht unbewußt leben, so daß wir verloren gingen, wenn wir uns nicht in ihr bergen könnten. Hier entscheidet es sich doch erst, was die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens ist.“

Predigt über 4. Mose 22-24 (Ausschnitte aus der Bileam-Erzählung)

Von Gerhard von Rad

Als der (Moabiterkönig) Balak hörte, daß Bileam komme, zog er ihm entgegen und Balak nahm den Bileam mit sich und führte ihn hinauf nach Bamoth Baal, von wo er den äußersten Teil des Volkes (Israel) sehen konnte.

Und Bileam hob an seinen Spruch und sprach: »Aus Aram ließ Balak mich holen, der König Moabs aus den Bergen des Ostens: Komm, verfluche mir Jakob, Komm, verwünsche Israel! Wie sollte ich fluchen, wem Gott nicht flucht? Wie sollte ich verwünschen, wen der Herr nicht verwünscht. Denn von der Höhe der Felsen sehe ich es, erschaue es von den Hügeln. Siehe, ein Volk, das abseits wohnt, das sich nicht rechnet unter die Heiden. Wer zählt den Staub Jakobs, wer die Tausende Isra­els? Möchte ich sterben den Tod der Gerechten und mein Ende sei wie das ihre!« Da sprach Balak zu Bileam: »Was hast du mir angetan? Meinen Feinden zu fluchen ließ ich dich holen, und siehe, du hast ja gesegnet!« Er antwortete und sprach: »Muß ich nicht darauf achten zu reden, was mir der Herr in den Mund legt?«

Da nun Bileam sah, daß es dem Herrn gefiel, Israel zu segnen, ging er nicht wie zuvor nach Zeichen aus, sondern wandte sein Angesicht gegen die Wüste. Und Bileam erhob seine Augen und sah Israel nach Stämmen gelagert. Da kam der Geist Gottes über ihn, und er hob an seinen Spruch und sprach: »So spricht Bileam, der Sohn Beors, so spricht der Mann, des Auge aufgeschlossen ist, so spricht, der göttliche Reden vernimmt, der Gesichte des Allmächtigen schaut, hingesunken und enthüllten Auges: Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen Israel! Wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gär­ten am Strom, wie Eichen, die der Herr gepflanzt, wie Zedern am Wasser. Wasser rinnt aus seinen Eimern, reichliches Wasser hat seine Saat.«

Liebe Gemeinde! In einem Blatt war vor kurzem ein Gebet zu lesen, das lautete folgender­maßen: »Gib mir die Gelassenheit, Dinge hin­zunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden. « Ja, wer das nur immer wüßte: wo man ändern muß und wo man hinnehmen muß, der wäre ein weiser Mensch! In der Erzählung, über die wir jetzt nachdenken wollen, ist von einer Sache die Rede, in der es für Israel auf eine höchst merk­würdige Weise nur um ein Hinnehmen ging. Alles Ändern-Wollen lag weit, weit jenseits aller menschlichen Macht. Was hat doch dieses Israel alles erzählt! Unheimlich viel hat es auf dem Weg erlebt, den es in Ehren und in Schanden vor dem Angesicht seines Gottes gegangen ist. Wer es so noch nicht weiß, den kann das Erzählen Israels darüber aufklären, daß, wer um Gott weiß, der erfährt die Welt und den Menschen noch in ganz anderen Dimensionen. Da wird doch der Mensch überhaupt erst offenbar, und darum war das [162] das Geheimnis des Erzählens Israels: Je intensiver es von Gott redete, um so intensiver, um so realistischer wurde ihm der Mensch und die Welt, in der er lebte. Das ist ihm freilich nichteinfach in den Schoß gefallen. Viel Nachdenken, viel Konzentration steht hinter sei­nem Erzählen. Man könnte dieses erzählende Israel einem Menschen vergleichen, der unter Umständen von einem Erlebnis seiner Jugend lange geschwiegen hat, der es vielleicht jahrzehntelang in sich verschlossen hielt, bis sich ihm endlich die Zunge löste. Sicher ist unsere Bileamgeschichte von der Art. Viel Nachdenken ist darin; viel mehr, als wir in einer Predigt herausholen können.

Nach langer Wüstenwanderung ist Israel am Rand des Kulturlandes angekommen. Die Moa­biter erschrecken: »Nun wird dieser Haufe wie das Vieh alles kahlfressen.« Wie einen barba­rischen Haufen sehen sie das Gottesvolk auf sich zukommen. Aber ihr König Balak weiß Rat. Die Lage ist nicht hoffnungslos. Da gibt es ja noch den weitbekannten Magier und Zauberer Bileam. Den muß man rufen. Der allein kann, und zwar allein durch zerstörende Worte, Israel vernichten. Dieser Bileam ist die Hauptperson der Erzählung bis zu ihrem letzten Satz. Sagt die Bibel: er konnte fluchen, so versteht das heute vielleicht niemand mehr richtig. Was ver­stehn wir schon unter fluchen? Häßliche Worte, zu denen sich einer hinreißen läßt, wenn er die Selbstbeherrschung verliert. Und wenn er dann mit einer Serie von Kraftausdrücken auf­warten kann, dann lächeln wir wohl gar. Aber, liebe Gemeinde, wenn irgendwo Fluch im Spiele war, da hat bei den Alten keiner mehr gelächelt.

Wer also war Bileam? Ich will es einmal so ausdrücken: Bileam war ein gottloser Mensch. Ich weiß wohl, daß wir heute so schwere Urteile nicht gern aussprechen. In der Angefochtenheit unseres Glaubens fühlen wir uns zu solchen Sätzen nicht ermächtigt, und diese Zurückhaltung ist sicher lobenswert. Aber damit ist die Sache ja noch nicht vom Tisch. Den großen Dosto­jewski hat die Frage lebenslang nicht losgelassen: Was ist das eigentlich, ein wirklich gott­lo­ser Mensch? Wie sieht so einer aus, und was geht in ihm vor? Nun, die psychologische Frage, wie es denn im Innern eines solchen Menschen aussieht, also die Frage nach seinen spezifi­schen Leiden und seinen Zerrissenheiten, die interessiert unseren biblischen Erzäh­ler nicht; um so mehr aber die Frage, was so einer tut, wie er wirkt. Nun, wenn er der Kerl dazu ist, so wirkt er durchaus ins Große. Das ist das eine. Aber er wirkt immer zerstörend. Wo immer er gewirkt hat, hinterläßt er eine Brandstätte, in der alles gute Leben verdorrt. [163] Und das eben meinten die Alten, wenn sie sagten: Ein solcher Mensch wirkt Fluch. Ich bin überzeugt, daß das alte Israel, aber auch die alten Griechen, in den Erfahrungen des Bösen wissender, sensitiver waren als wir; sie waren realistischer. Sie hatten da ganz bestimmte Fragen: Was für Träger sucht es sich, wie wirkt es, auf welchem Wege pflegt es unter den Menschen umzuge­hen? Manch­mal gibt es Menschen, die sind Träger und Vermittler von etwas ganz Bösem. Die meisten Menschen bekommen es mit diesem Urbösen gar nicht zu tun, einfach, weil sie in einem trivialen Mittelmaß leben. Sie bekommen mit ihm ebensowenig zu tun, wie mit dem Urguten. Aber manchmal gibt es Menschen, die haben einen geheimnisvollen Kontakt mit dem ganz Bösen; sie können es auslösen, lenken, und es folgt ihnen sogar. Freilich immer nur ein Stück weit und nie, ohne sie dann zuletzt in seine Nacht hinabzuzie­hen.

Ein solcher Mann war Bileam. Er war ein Spezialist auf diesem Gebiet, ein Techniker, der sich auf komplizierte Praktiken verstand. Nein, Bileam hat alles andere getan, als sich hin­reißen zu lassen oder seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Im Gegenteil, er war konzen­triert. Zu einem Werk, das sauber und präzis verrichtet werden wollte, hat er sich auf den Weg gemacht. Und da ist es dann zu einem merkwürdigen Zwischenfall gekommen. Wie so viele berühmte Spezialisten, war dieser Bileam doch wohl auch in gewisser Hinsicht ein beschränk­ter Mensch. Wer ein solcher virtuo­ser Techniker des Bösen geworden ist, der wird blind gegenüber all dem, was von Gott kommt. So kam es zu der berühmten Szene in jenem Hohl­weg, wo ihm der Engel des Herrn mit gezücktem Schwert in den Weg trat. Er sah gar nichts. Sein Reittier aber, die Eselin, die sah den Engel und war durch keine Schläge dazu zu bewe­gen, auch nur einen Schritt weiterzugehen. So tief war also die Gottesblindheit dieses Bileam, daß Gott erst dem Tierlein den Mund auftun mußte, und da erst sah Bileam etwas. Dieses Bild, das der Erzähler vor uns stellt, sollten wir nicht so schnell aus dem Gedächtnis fahren lassen: Dieser Techniker des Bösen, im Aufbruch zu einem schlimmen Vorhaben, zornig über einen Widerstand, der sich ihm entgegen­stellt, der die Kreatur quält, und am Ende wird eine hübsche Summe Geldes herausspringen, — das alles kennen wir doch auch nur allzu-gut.

Hätte unsere Geschichte nur etwas von jenen erbaulichen Erzählun­gen an sich, die wir nicht leiden können, weil sie alle an einer [164] bestimmten Stelle unwahr sind, so würden wir jetzt hören, wie der Engel des Herrn den Bileam straft, wie er ihn heimschickt oder gar zusammen­haut. Es geschieht aber etwas ganz anderes, und zwar etwas Unbegreifliches: Der Engel läßt das Schwert sinken; er tritt zur Seite und läßt den Bileam passieren! Er solle nur sagen, was ihm eingegeben werde. Nun, Bileam mochte gedacht haben, daß das noch einmal gut abge­gangen ist, und wird sich von seinem Schrecken schnell erholt haben. Aber wer kann das begreifen, was sich da ereignet hat? Der Engel läßt das Schwert sinken, und der schreck­liche Mann darf passieren! Aber so ist es doch: Alle Bileame dürfen ihres Weges gehen!

Also, er geht weiter, kommt an, wird wegen seiner Verspätung etwas unfreundlich begrüßt und trifft auf einem Berg sogleich seine Vorbe­reitungen zu dem Werk, das er wie kein anderer versteht. Aber diesmal mißrät ihm alles. Er kommt nicht wie sonst in große Form. Ganz merk­würdig: nicht Fluch-, sondern Segensworte hört er sich aussprechen. Balak ist entsetzt. Er weist auf das viele Geld hin, das er sich’s hat kosten lassen. Aber Bileam kann nur antworten: »Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht. Wie soll ich verwünschen, den der Herr nicht verwünscht.« Irgend etwas ist also dazwischen gekommen, das die Dinge mit einem Mal ganz anders laufen ließ. Bileam bekam es gewiß nicht zu fassen oder gar zu verstehen. Es war das, was die Bibel Gottes Segen nennt.

Damit ist der Erzähler nun zu seiner Sache gekommen. Hier, genau hier will er unser Ohr. Aber vielleicht wissen wir auch bei dem Wort Segen nicht mehr so recht genau, was wir uns darunter vorstellen sollen. Kommt nicht dem, was der Erzähler uns hier sagen will, eine Strophe entgegen, die wir gerne in der Silvesternacht singen:

„Ach, Hüter unseres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserem Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.“[1]

Das ist doch eigentlich ein ziemlich radikaler Satz; aber ich glaube, er umschließt den ganzen christlichen Trost. Wem aber ist es damit heute noch ganz ernst? Aktion ist doch heute das große Wort. Einen ganzen Katalog von Aktionen könnten wir aufzählen, und es wäre gewiß unrecht, wenn wir in den Ernst und in die Opferbereitschaft dieser Aktionen Zweifel setzen wollten. Aber glaubt ihr denn, wir würden mit unserem bestgemeinten »Tun und Machen« auch nur das Geringste ausrichten können, wenn wir es nicht im Schatten [165] einer größeren heilenden Macht entfalten könnten? Was, glaubt ihr, würde daraus werden, wenn wir gegen unsere ewige Anfälligkeit zum Resignieren nichts anderes aufbieten könnten als unseren guten oder manchmal auch nur halbguten Willen? Und so wären wir wieder bei dem ange­langt, was die Alten Segen nannten, und werden einsilbig. Vielleicht finden sich manche damit schnell ab: Wir heute sehen uns an die alten biblischen Vorstellungen überhaupt nicht mehr gebun­den. Wir heute sehen die Welt anders. Ach, dieses »Wir heute!« Das hat an seinem Ort gewiß seinen guten Sinn. Aber ebenso sicher ist, daß es im Handumdrehen zu einer unerträglichen Anmaßung wird, zu einem ahnungslosen Beiseiteschieben von einem Wissen um die Welt, um den Menschen und auch von einem Wissen um Gott, demgegenüber wir heute kläglich abschneiden. Ist es denn so, daß die Wirklichkeit unseres Lebens erst in unseren Jahren richtig gesehen wurde? Stellen wir doch die Frage ganz einfältig. Auf welcher Seite stehen denn nun die besseren Realisten? Sind es die, die dieses »Wir heute« so an­spruchs­voll im Munde führen, sind sie die besseren Realisten? Oder ist ihnen unser Erzähler im Vorsprung, wenn er den Segen Gottes für eine Wirklichkeit, für eine Macht hält, von der wir Tag und Nacht unbewußt leben, so daß wir verloren gingen, wenn wir uns nicht in ihr bergen könnten. Hier entscheidet es sich doch erst, was die eigentliche Wirklichkeit unseres Lebens ist.

Aber wir sind mit Bileam noch lange nicht am Ende. Merkwürdig, der Erzähler sagt, daß Bileam Israel erst gar nicht richtig gesehen habe, nur gerade noch seine Ränder. Aber als er sich in das Segnen ergab, da hat er es ganz gesehen, nach Stämmen gelagert. Eine merkwür­dige Sache! Man kann also das Gottesvolk sehen; es kann aber auch sein, daß man es nur undeutlich sieht, vielleicht nur seine Ränder. Es ist also möglich, daß einer davon spricht, darüber schreibt, sich dagegen wendet, und er hat es kaum zu Gesicht bekommen. Erst in dem Augenblick, als Bileam das Gottesvolk richtig sah, da öffnete sich ihm der Mund zu ganz überschwenglichen Segensworten:

Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel! Wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gärten am Strom, wie Eichen, die der Herr gepflanzt, wie Zedern am Wasser. Wasser rinnt aus seinen Eimern, reichliches Wasser hat seine Saat!

So kann man also auch vom Gottesvolk reden. Es ist nicht der Stil, der heute über die Kirche und über die Christenheit im Schwange ist. Heute hört man doch darüber nur gepfefferte Reden. Hier aber klingt es fast so, als liebte Bileam das Gottesvolk; nein, er redet so, [166] als liebte Gott dieses sein Volk, als sähe es Bileam ganz umflossen von dem Glanz reinen göttli­chen Wohlgefallens. Gärten am Strom, Zedern am Wasser, reichliches Wasser hat seine Saat. Wie schön sind deine Zelte Jakob! Aber so schnell ergeben wir uns nicht. Stimmt denn das alles? Wo ist denn von diesem überschwenglichen Segen etwas zu sehen? Aber vielleicht rührt solches Fragen wirklich nur daher, daß auch wir das ganze Gottesvolk einfach nicht sehen, sondern gerade nur seinen Rand. Wir wissen ja auch nicht, wen Gott diesem seinem Volk zurechnet. »Wer zählt den Staub Jakobs?« Wir sehen ja nicht die tausenderlei täglichen Bewahrungen, die Gott schenkt. Nichts wissen wir von den Erleuchtungen in einfältigen Her­zen, die keine Geistesgeschichte registriert, nichts von erfahrenen Tröstungen, von helfen­dem Tun in fernen Ländern. Wir hören doch nicht das gute Wort, an dem sich vielleicht nur Gott erfreut, gespro­chen von guten Menschen, die sich selber gar nicht für gut halten und von denen doch eine Kraft und ein Licht ausgeht. Ach, ließen wir uns ein wenig mehr hineinneh­men in diese Freude Gottes an seinem Volk; wir würden von dem Gottesvolk gewiß von Tag zu Tag mehr sehen und müßten nicht so grämlich einhergehen, wie wir es tun.

Man stellt es heute gern so dar, daß sich die Kirche Christi fast ein wenig gespenstisch in unserer heutigen technisierten Welt ausnehme. Aber unsere Bileamgeschichte zeigt uns die Sache einmal von der entgegengesetzten Seite: Dieser König Balak mit seiner Angst und seinem Geld, — hat er nicht etwas Gespenstisches? Und die berühmte Kapazität Bileam, der doch so ganz in der Hand Gottes ist, auch er hat etwas Gespenstisches. Aber das Gottesvolk zeltet ahnungslos im Talgrund; es weiß von alledem, was da in Gang gekommen ist, gar nichts. Nicht einmal zum Sich-fürchten sind sie gekommen! Und die Hand, die Gott über sie gehalten hat, haben sie auch nicht gesehen. Für sie war dieser Tag kein Tag des Heils, er war ein Tag wie jeder andere!

Was den Bileam betrifft, so stellt sich der Erzähler den Vorgang offenbar so vor, daß er Fluchworte zelebrieren wollte, daß er sich aber zu seinem maßlosen Erstaunen Segenssprüche sprechen hörte. Also gewissermaßen zwischen seinem Willen einerseits und den Worten seines Mundes andererseits hat sich etwas ereignet, etwas, was unser Erzähler ohne Frage für ein Wunder hält. Aber wo in aller Welt hat man derlei schon erlebt? Wenn wir darauf warten wollten, so enthielte unsere heutige Erzählung vielleicht nur einen mageren [167] Trost. Aber wer will es wissen, vielleicht war es auch damals anders, und Bileam hat wirklich geflucht, so wie er es seit Jahrtausenden tut? Vielleicht hat er dem Gottesvolk zugerufen: »Ich hasse dich; alles an dir ist mir zuwider. Unglaubwürdig bist du, denn du kannst dich ja selber gar nicht ernst nehmen. Deine ganze Kunst besteht darin, mit großen Worten umzugehen. Allem, was gerade modern ist, läufst du nach in der lächerlichen Angst, man könnte dich nicht für ganz modern halten.« Ja, vielleicht war es so; vielleicht hat er so oder ähnlich gesprochen? Aber vor Gott hat es geklungen, als hätte er gesagt: »Wie schön sind deine Zelte Jakob, wie Täler, die sich ausbreiten, wie Gärten am Strom!« Vielleicht war es so? Wer schaut einem so hinter­gründigen Erzähler gleich in die Karten? Und wie ruhig, wie gelassen ist das alles erzählt, manchmal sogar mit einem Anflug von Heiterkeit; so, als atme der Erzähler noch eine andere Luft als die, die von Flüchen verpestet ist, als hätte er etwas Entscheidendes hinter sich, das vor den meisten von uns noch wie eine unbewegliche Felswand steht.

Unser Predigttext hat uns heute zur Abwechslung einmal nicht zum christlichen Handeln aufgefordert, sondern nur dazu, daß wir ganz ruhig etwas Gutes, Heilendes an uns geschehen lassen. Auch dann wären wir angespannt beschäftigt. Wir würden die Augen dann ein wenig mehr aufmachen und die bleierne Langeweile, die auf vielen liegt, würde abfallen. Denn die Wirklichkeit unseres Lebens ist abgründig geheimnisvoll, und nie genug erkannte Segenskräf­te tra­gen uns. Wir könnten ruhig auch einmal davon reden. Wo immer wir es uns in einer von Flüchen verpesteten Welt eben doch einmal wohl-sein lassen, wo immer wir in eine Freude eintreten, wo immer wir uns etwas Gutem anvertrauen, da leben wir doch schon auf Borg von dem Glauben an den Segen Bileams. Dietrich Bonhoeffer hat diese Segenskräfte sogar in der Gefängniszelle verspürt: »Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.« Amen.

Predigt am 8. November 1970 im Universitätsgottesdienst in Heidelberg

[1] Paul Gerhardt, „Nun lasst uns gehn und treten“ (EG 58, Vers 6).

Quelle: Gerhard von Rad, Predigten, hg. v. Ursula von Rad, München: Chr. Kaiser, 2. A., 1978, 161-167.

Hier der Text als pdf.

Advertisements

Schlagwörter: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: