Richter, Könige und Propheten – dritte Predigt aus der Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz unseres Glaubens“

Juan Montero de Rojas -  Die Durchquerung des Jordans mit der Bundeslade (1667, Prado)

Juan Montero de Rojas – Die Durchquerung des Jordans mit der Bundeslade (1667, Prado)

Die Lesungen zur Predigt sind 1Könige 8,54-63 sowie Matthäus 23,37-24,2 entnommen.

Gottes Heil kommt nicht einfach aus himmlischen Regen, der sich beliebig über das Land verteilt. Ja, der himmlische Vater „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,45) Aber diejenigen, deren Leben diesem Gott wirklich verbunden ist, also seine Kinder, die hat er selbst erwählt. Schon vor Urzeiten schon hat seine Erwählung begonnen. Dem Erzvater Abraham hat er als Berufung kundgetan:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose 12,1-3)

Israel, Nachfahren des Stammvaters Abraham, ist Gottes erwählte Volk. Er hat esdurch Mose aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit entführt. Am Horeb, dem Gottesberg im Sinai zeigt sich der Gott seinem Volk, schließt mit ihm einen Bund und weist sie mit seinen Zehn Geboten in diesen Bund ein:

Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2Mose 20,5f)

40 Jahre lang hat sich Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste in diesem Bund zu bewähren. Mose muss immer wieder mit Ungehorsam und Unglauben seines Volks ringen. Wüstenzeit bedarf eines ganz besonderen Vertrauens, ist doch die Fülle des Lebens mit all seinen Gütern nicht zuhanden. Vom himmlischen Manna leben zu müssen ist auf Dauer kein Festschmaus. Rebellion, Götzendienst, Bundesbruch – die Wüstenzeit lässt das Volk immer wieder irrewerden. Und doch trägt Gottes Geduld und Treue sie durch. Eine neue Generation erreicht schließlich das Land Kanaan – „Land, darin Milch und Honig fließt“ – das von Gott zugelobte Land. Bei Jericho geht Israel über den Jordan (Josua 3 und 4) und wird Kanaan mit Waffengewalt erobern.

Das Land ist unser – so könnte es heißen –, es ist unser eigener Lebensraum. Nomaden suchen nach guten Weideplätzen für ihre Herden. Ortsansässige Siedler hingegen schauen darauf, was das eigene Land hergibt und versichern sich dazu der Gunst göttlicher Mächte. Man verehrt lokale Gottheiten in Gestalt von Metall- und Tonfiguren oder holzgeschnitzten Stelen, erhofft sich daraus eigenen Segen und Fruchtbarkeit. Figürlich betrachtete Götter scheinen den eigenen Lebensbedürfnissen viel näher zu als der Gott, dessen Angesicht für Menschen nicht zu ergründen ist. So verliert sich auf eigenem Grund und Boden der Glauben an den Gott, der Israel aus der Knechtschaft Ägyptens errettet hat.

Wo das gelobte Land in den eigenen Lebensraum anverwandelt wird, gibt es andere Völker, die Israel diesen Lebensraum streitig machen. Kanaaniter, Midianiter, Moabiter, Amoniter und Philister werden zur Bedrohung. Wo Israel in der Not sich auf seinen Gott besinnt und ihn anruft, erwächst ihnen geistbegabte Richter, die den Gegner mit Waffengewalt zu besiegen wissen. Und doch scheint es Israel an einer beständigen Herrschaft zu fehlen, „jeder tat, was ihn recht dünkte“ (Richter 17,6; 21,25). Da wird der Ruf laut: „Ein König soll über uns sein, dass wir auch seien wie alle Heiden, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe!“ (1Samuel 8,19f)

Der Prophet Samuel wird in Saul vom Stamm Benjamin fündig und salbt ihn zum König über Israel. Aber dessen Herrschaft zeigt die Doppelgesichtigkeit. Da kann ein einzelner Herrscher Recht und Ordnung zum allgemeinen Wohl der Untertanen durchsetzen und doch auch eigenmächtige Interessen verfolgen, die sein Regieren korrumpieren. Getrieben von maßloser Eifersucht und Verfolgungswahn endet sein Königtum in einer tödlichen Niederlage in einer Schlacht gegen die Philister. Seinem Nachfolger David vom Stamm Juda scheint eine bessere, gottwohlgefällige Regentschaft verheißen zu sein, gar eine eigene Dynastie (vgl. 2Samuel 7), aber der eigene Sohn und Nachfolger Salomo zeigt sich bei aller Weisheit als orientalischer Potentat, dessen Prachtbauten dem eigenen Volk Frondienste abverlangt (1Könige 5,27). Einst ist man der Sklaverei Ägyptens entkommen; nun muss man dem Herrscher aus dem eigenen Volk Knechtsdienste leisten.

Und doch in der Residenzstadt Jerusalem auf dem Zion setzt Salomo das Vorhaben seines Vaters um. Er baut dem HERR Gott einen Tempel mit dem Allerheiligsten, wo die Bundeslade unter großformatigen Cheruben (1König 6,23-30) als leerer Thron aufgestellt wird – Gottes namentliche Gegenwart hat seinen einmaligen Ort auf dem Zion. Er lässt sich ins Gebet nehmen, wie Salomo es selbst bei der Einweihung des Tempels tut:

Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir:  Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hören das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“ (1Könige 8,27-30)

Giuseppe Bonito - Salomons Tempelweihegebet (1750)

Giuseppe Bonito – Salomos Tempelweihegebet (1750)

Salomos Hingabe freilich ist nur halbherzig. Frauenliebe übertrifft die Gottesliebe. Im königlichen Harem leben fremdstämmige Frauen, die ihre eigenen Götter mitbringen (vgl. 1Könige 11). Das eigene Reich ist für die Nachkommen nicht zu halten. Es kommt nach Salomos Tod zur Teilung zwischen Israel als Nordreich mit der Hauptstadt Samaria und Juda als Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Man bekriegt sich untereinander, stürzt Könige, wehrt sich gegen Nachbarkönigtümer, opfert erfolgsversprechenden Göttern wie dem Baal, bis schließlich Salmanassar, König von Assyrien, Samaria und damit das Nordreich erobert. Die dortige Bevölkerung wird nach Mesopotamien verschleppt, wo sich deren Lebensspur verliert.

Im Südreich hingegen wechseln sich gute und ungute Könige aus der Dynastie Davids ab. Vereinzelt kommt es zu Reformversuchen – so unter Hiskia und Josia –, die den Gehorsam des Volks gegenüber Gott wiederherstellen wollen. Aber königliche Macht- und Bündnispolitik versagt schlussendlich. Die nächste altorientalische Supermacht Babylon erobert Jerusalem, um einen abtrünnigen Vasallen zu bestrafen. Könige werden von Nebukadnezar ausgetauscht. Beim erneuten Vasallenabfall wird Jerusalem zum zweiten Male erobert und zerstört. Die Oberschicht führt man in die Verbannung nach Babel. Somit ist die Geschichte Judas wie auch Israels als selbständige Königtümer bzw. Staaten zu Ende.

Dass die Geschichte Israels als Gottesvolk dennoch nicht zu Ende ist, verdankt sich seinen Propheten – Elia, Elisa, Amos, Hosea, Micha, Jesaja und anderen. Diese haben über all die Regentschaften hinweg Gottes Wort an Israel und Juda ausgerichtet; sie haben immer wieder an Gottes Bund erinnert, den Götzendienst gebrandmarkt und vor selbstherrlicher Bündnispolitik gewarnt. Nein, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist kein staatstragender Gott. Für ihn gilt keine Staatsraison, sondern ungeteilte Hingabe:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6,6)

Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wird als Gericht über die Wohlhabenden ausgesprochen:

Weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.“ (Amos 5,11-12)

Was Assyrien und Babylon Israel und Juda angetan haben, mag machtpolitisch das staatliche Ende sein, sie vollziehen vielmehr im Auftrag Gottes am Volk Israel das Gericht über deren Sünde und Ungehorsam. Nicht Gott ist entmächtigt worden, sondern menschlicher Eigenmächtigkeit ist ein Ende bereitet worden. So hat er sich selbst gegenüber Mose auf dem Sinai ausgerufen:

HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“ (2Mose 34,6f)

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Vincent van Gogh – Stilleben mit Bibel (1885)

Wo aber in Gottes Namen das Gericht über die Sünde vollzogen worden ist, fängt die Zukunft seines Heils neu an. Aus dem Gericht erwächst die göttliche Gnade. Uns Christen wird Frohbotschaft der Gnade, also das Evangelium aus dem Kreuz Jesu Christi heraus zugesprochen.

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