Paul G. Hiebert – The Excluded Middle und die kategorische Trennung von Natur und Moral

Paul Hiebert - The Flaw of the Excluded Middle

Paul Hiebert – The Flaw of the Excluded Middle

Dass verstorbene Ahnen – nicht etwa nur der verstorbene Ehemann – in einem „wirklichen“ Beziehungsgefüge zu ihren Nachgeborenen stehen, ist für die meisten Europäer eine unglaub­liche Vorstellung. Wenn man umgekehrt laotischen, vietnamesischen oder chinesischen Theo­logiestudierenden in Hongkong mitteilt, dass die meisten Europäer die Existenz unsichtbarer Geister kategorisch ausschließen, erntet man entgeisterte Blicke. In Sachen Weltanschauun­gen scheint es tiefgreifende Unterschiede zwischen den Kulturen zu geben. Euroamerikani­sches Denken unterscheidet im Allgemeinen zwischen Immanenz und Transzendenz einer­seits, Natur (Physik) und Moralität (Ethik) andererseits. Was innerhalb der immanenten Wirk­lichkeit geschieht, lässt sich naturwissenschaftlich beschreiben und technologisch manipulie­ren. Was weder sichtbar noch instrumentell messbar ist, wird entweder als unwirklich angese­hen oder aber einem transzendenten und demzufolge independenten Jenseits zugeschrieben. Wo auf Erden alles scheinbar ganz natürlich zugeht, können sich die sittliche Lebensform und das eigene moralische Tun auf das eigene Leben nicht physiologisch auswirken. Der Einfluss von Moralität auf das Wohlbefinden bleibt auf das eigene Bewusstsein beschränkt. Allenfalls eine postmortale Vergeltung des eigenen Tuns in einem nichttranszendenten „Jenseits“ scheint, wenn auch sehr vage, vorstellbar.

Paul G. Hiebert (1932–2007)

Paul G. Hiebert (1932–2007)

Der amerikanische Missiologe Paul G. Hiebert, der in den sech­ziger Jahren als mennonitischer Missionar in Indien tätig gewesen ist, hat bezüglich der euroamerikanischen Weltanschauung von einem „Makel der ausgeschlossenen Mitte“ (flaw of the excluded middle) gesprochen und damit eine Wirklichkeitsdimension bezeichnet, die zwischen einer empirischen Welt und einem transzendenten Jenseits liegt. Diese in außer­europäischen Kulturen äußerst virulente Sphäre ist von unsichtbaren Mächten und Geistern bevölkert, die sich jedoch auf die irdischen Lebensverhältnisse wahrnehmbar auswirken. Die Interaktion zwischen der sichtbaren Welt und den unsichtbaren Mächten erfolgt außerhalb eines physikalischen Kausalmechanismus in einem organischen Lebenszusammenhang. Man muss sich daher durch richtiges Tun und Verhalten in eine wohlgefällige Beziehung zu ihnen bringen. Wo Menschen, wie im Falle der Ahnenverehrung, auf moralische Weise mit derarti­gen personalen Mächten und Geistern interagieren, beeinflusst die eigene Lebensform das physische Wohlergehen ganz spürbar. Das klassische Beispiel dafür ist die Krankheit, die in der westlichen Kultur auf einen natürlichen Defekt oder Infekt zurückgeführt wird. In anderen Kulturen hingegen wird die Krankheit in einen organischen Zusammenhang mit jener unsicht­baren Sphäre gebracht. Eine „Geisterattacke“, die Seele einer verstorbenen Person, ein Fluch, Zauberei bzw. Hexerei oder eigene moralische Verfehlung wirken sich für den Kranken lebensbedrohlich aus. Um solch eine Bedrohung abzuwenden, ist die richtige Diätetik (Wohl­ergehenslehre) gefordert, wie zum Beispiel die Anrufung einer Gottheit, Fasten, ein apotro­päischer Ritus oder das eigene Sündenbekenntnis. Folgerichtig nehmen auch Christen in Afri­ka oder Asien Krankheit in der Regel in solch einem organischen Zusammenhang wahr und suchen in der christlichen Lehre einen Weg zur Heilung.

Elefantenkrankheit (elephantiasis tropica)

Elefantenkrankheit (elephantiasis tropica)

Im Falle eines schwarzafrikanischen Immigranten in Hongkong, der an der Elephantiasis tropica, einer Erkrankung des Lymphsystems, leidet, sind aus medizinischer Sicht die Larven eines Fadenwurms (Wuchereria malayi oder Wuchereria bancrofti) die Krankheitsursache. Wenn er jedoch auf seinem Krankenbett im Queen Elizabeth Hospital Psalm 38 (Verse 3-8) aus seiner französischsprachigen Taschenbibel betet, bricht er in Tränen aus:

2 HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn,
und züchtige mich nicht in deinem Grimm.
3 Denn deine Pfeile haben mich getroffen,
und deine Hand ist auf mich herabgefahren.
4 Nichts Heiles ist an meinem Fleisch wegen deines Grolls,
nichts Unversehrtes ist an meinen Gebeinen wegen meiner Sünde.
5 Denn meine Vergehen kommen über mein Haupt,
sie erdrücken mich wie eine schwere Last.
6 Meine Wunden stinken
und eitern wegen meiner Torheit.
7 Ich bin verstört, tief gebeugt,
in Trauer verbringe ich den ganzen Tag.
8 Denn meine Lenden sind voller Brand,
und nichts Heiles ist an meinem Fleisch.
9 Kraftlos bin ich und zerschlagen,
in der Qual meines Herzens schreie ich auf.
(Verse 2-9 Zürcher)

Die Worte des Psalmisten sind im Gleichklang mit seinem eigenen Schicksal, das Beine und Genitalien unförmig anschwellen lässt. Obwohl die Krankheitsursache eindeutig ein Mückenstich in Afrika ist, erlebt der Patient seine Erkrankung im Zusammenhang eigener sexualmoralischer Verfehlungen. Frau und Kinder hat er an der Elfenbeinküste zurückgelassen, und drei Jahre allein im ungewissen Wartestand in Hongkong sind keine Einladung zur ehelichen Treue. Sein Körper muss die eigene Untreue allzu offensichtlich büßen.

Quelle: Jochen Teuffel, Mission als Namenszeugnis. Eine Ideologiekritik in Sachen Religion, Tübingen 2009, 26-29.

Hier der Text mit Anmerkungen als pdf.

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