„Ich sehe den Himmel offen“ – Wie Märtyrertum das Kreuz Christi zu erschließen weiß

Die Steinigung von Stephanus. Fresko von Paolo Uccello. Ca. 1435.

Die Steinigung von Stephanus. Fresko von Paolo Uccello. Ca. 1435.

Wer wissen will, um wen und was es im Christentum wirklich geht, muss das christliche Martyrium und insbesondere den Märtyrertod in den Blick nehmen. Gemeint ist damit das lebensentschiedene (nicht lebensentscheidende) Zeugnis eines Menschen für Jesus Christus. Dieses Zeugnis ist eine glaubensfreie Hingabe des eigenen Lebens, aber kein tödliches Selbstopfer. Christliches Martyrium bewirkt nicht etwas zum eigenen Heil oder zum Heil von anderen, sondern bezeugt umgekehrt das lebensentscheidende Heil in Jesus Christus, nämlich dessen Sieg über Sünde und Tod. Der christliche Märtyrer sucht sich eben nicht zur Verwirklichung einer höheren Sache – sei es ein Lebensideal, eine Religion oder ein Glaube – aktiv aufzuopfern. Vielmehr bezeugt er in passionierter Weise mit seinem eigenen Leben und Sterben, dass Jesus Christus mit seinem Tod am Kreuz und mit seiner Auferstehung aus dem Grab das ewige Leben bei Gott erwirkt hat. Wo sich ein Christ in der Lebensgemeinschaft mit dem dreieinigen Gott selbst wiederfindet, können andere Menschen ihm eben nicht durch Tötung das eigene Leben wirklich nehmen. So hat es ja der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer eindringlich zur Sprache gebracht:

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlacht­schafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,31-39)

Der Märtyrer bekennt sich zur Lebensgemeinschaft mit Christus und erleidet deswegen die eigene Tötung. Sein „Körperbekenntnis“ – eben mehr als nur ein „Lippenbekenntnis“ – vollzieht sich im Heilsraum des Paschamysteriums Christi:

Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.  Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Römer 14,7-9)

Christen haben im Leben und Sterben nichts zu verlieren, was nicht schon Christus für sie auf ewig gewonnen hat.

Man darf jedoch christliches Martyrium nicht heilsindividualistisch reduzieren. Im Buch der Offenbarung wird das Martyrium im Angesicht des geschlachteten Lammes (Offenbarung 5,12) in eine gottesdienstliche Gemeinschaft im Himmel hineingenommen, die für die Zukunft hoffen lässt: Schlussendlich holt göttliches Handeln unter der Signatur des Lammes alles Weltgeschehen ein, richtet vernichtend und errichtet schöpferisch „einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2Petrus 3,13). Christliches Märtyrertum als Blutzeugnis erschließt sich in dieser apokalyptischen Perspektive. So ist es ja schon dem Erzmärtyrer Stephanus vor seiner Steinigung widerfahren: „Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apostelgeschichte 7,56)

Hier der Text als pdf.

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