Rückkehr und Erneuerung – vierte Predigt aus der Predigtreihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“

Leonhard Kern, Die Auferweckungsvision des Propheten Ezechiel, Alabasterrelief aus einem Epitaph, um 1645

Leonhard Kern, Die Auferweckungsvision des Propheten Ezechiel, Alabasterrelief aus einem Epitaph, um 1645

Irgendwann ist es soweit gewesen – das Ende von Königreichen, Herrschaften und Nationen. Man­ches Ende ist abrupt und unerwartet gekommen, als wäre wie beim Licht ein Schalter umge­legt worden. Die Archäologie bringt sie ans Tageslicht, all die Königtümer, Stadtherr­schaften, Volksgemeinschaften, die schon längst erloschen sind. Ruinen, Gräber, Skelet­te, Schrif­ten, Gerätschaften und Mauern tauchen auf, aber ohne Leben, ob bei den Inka in Peru, den Maya in Mittelamerika, den Pharaonen in Ägypten, den Babyloniern, Assyrern, Hethitern, den Achämeniden in Altpersien oder den Khmer in Kambodscha. Trümmerfelder und Mauerreste lassen erahnen, welche imposante Mächte da vormals am Werk waren, bevor sie von anderen Mächten erobert und zerstört worden sind, durch interne Macht­kämpfe zerfallen sind oder durch den Verlust der Lebensressourcen aufgegeben werden mussten.

Es gab eine Zeit, als für das Volk Israel alles aus zu sein schien. Nach dem Einzug ins gelobte Land und der Errichtung des Tempels in Jerusalem kam es zur Teilung der Herrschaft zwi­schen Nord und Süd, zwischen Israel und Juda. Die Könige, die über das Volk regieren, kön­nen und wollen den Willen Gottes nicht erfüllen. Die eigene Bevölkerung erleidet Ungerech­tigkeit; Arme werden ausgebeutet. Auf der Suche nach dem persönlichen Wohlergehen wird man dem eigenen Gott untreu und verehrt andere Götter.

Zwei politische Katastrophen machen der Eigenstaatlichkeit ein Ende: 722 vor Christus eroberte der assyrische König Salmanassar V. Samaria, die Hauptstadt des israelitischen Nordreiches. 587 vor Christus wird Jerusalem vom babylonischen König Nebukadnezar zum zweiten Mal erobert. König Zedekia wird in die Blindheit geblendet und wie ein Gros der Jerusalemer Stadtbevölkerung in die Verbannung nach Babel verschleppt. Die Stadt ist geplündert, der Tempel ist zerstört, der eigene Staat zusammenge­brochen. Das Ende des Gottesvolkes scheint offensichtlich zu sein.

Was war nun mit den großartigen Verheißungen Gottes an Abraham? Was wurde aus dem Gottesbund mit Mose und dem Volk Israel am Sinai, wo der Gott verkündet hatte: „Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2Mose 19,5f) Israel wird als Verlierer geschmäht: „Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?“ (Psalm 42,11)

In der altorientalischen Königsideologie war der König in seiner Herrschaft göttlich autorisiert und galt als Repräsentant einer bestimmten Gottheit. War die königliche Herrschaft hinfällig geworden, schien auch die betreffende Gottheit entmächtigt zu sein. Nicht so der Gott Israels. Schließlich hatte er sich durch die Stimme der Propheten auch gegen königliche Befehle und Macht zu Wort gemeldet und seinen Willen im bevorstehenden Gericht kundgetan. Zwei Propheten sind in der Katastrophenzeit besonders in Erscheinung getreten – Jeremia in Jerusalem und Hesekiel im babylonischen Exil.

Jeremia muss von Gott in sein Prophetenamt hineingetrieben werden und den ganzen Lebensmut hernehmen, um das Gericht und das Unheil über Israel und Juda anzukünden. Als Wahrheitsknecht hat er selbst am eigenen Körper die Gottesbotschaft zu erleiden hat: Mit euren äußerlichen Opfern, mit dem Tempeldienst könnt ihr Gott euch nicht gefällig stimmen; der ist nicht käuflich wie ihr selbst. „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ (Jeremia 7,4) Der Feind kommt aus dem Norden auf uns zu, die Zerstörung des Landes steht bevor, wo die Welt in Jerusalem doch heil zu sein scheint:

Verkündet in Juda und schreit laut in Jerusalem und sprecht: »Blast die Posaune im Lande!« Ruft mit voller Stimme und sprecht: »Sammelt euch und lasst uns in die festen Städte ziehen!« Richtet in Zion ein Fluchtzeichen auf; flieht und säumet nicht! Denn ich bringe von Norden Unheil herzu und großen Jammer. Es steigt herauf der Löwe aus seinem Dickicht, und der Verderber der Völker hat sich aufgemacht und ist ausgezogen von seiner Stätte, dein Land zu verwüsten und deine Städte zu verbrennen, sodass niemand darin wohnt. Darum zieht den Sack an, klagt und heult; denn der grimmige Zorn des HERRN will sich nicht von uns wenden.“ (Jeremia 4,5-8)

Mit Unheilsbotschaften schafft man sich keine Freunde. Jeremias Worte sind unerträg­lich für die anderen. So wird er gefangengesetzt und in das Verlies einer Zisterne geworfen. Doch Jeremiah hält seine Botschaft durch. Der Gott ist in dem bevorstehen­den Unheil selbst am Werk. Nur so kann Jeremiah von einem Neuanfang, von einem neuen Gottesbund mit Israel sprechen: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, […] Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Jeremia 31,31.33) Durch das Unheil hindurch bleibt der Gott seinem Volk treu. Die Hoffnung ist nicht am Ende, auch wenn sich Jeremiahs Lebensspur in Ägypten verliert.

Der zweite Prophet, Hesekiel, auch Ezechiel genannt, lebt schon im Exil in Babylon. In seinen Visionen, die an Gottes Herrlichkeit heranreichen, stehen die Heimsuchung Jerusalems wie auch der Neuanfang des Volkes aus der Vernichtung an. Das Schlachtfeld mit den Totengebeinen wird zum Ort der Auferstehung. Die Gottesstimme spricht es Hesekiel zu:

Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.“ (Hesekiel 37,11-13)

Wo der Gott einen Neuanfang in Aussicht stellt, sind die Niederlage und das Exil nicht das Ende vom Gotteslied. Der Gott Israels ist mit seiner Macht nicht am Ende, wohl aber Israel als eigenes Königtum. Kein heiliger Krieg im Namen des HERRN steht mehr an; mit Waffengewalt kann sich das Volk Israel nicht länger behaupten. Fortan muss es die eigene Treue zu seinem Gott erleiden. Im Bild des leidenden Gottesknechts (Jesaja 53) ist schon der Schatten auf das Kreuz Christi auf Golgatha geworfen.

Wo Israel im Exil seines Gottes nicht irre geworden ist, beginnt tatsächlich ein Neuanfang. Nachdem der Perserkönig Kyrus das neubabylonische Reich erobert hat, erlaubt er die Rückkehr der exilierten Juden nach Jerusalem. Der Tempel darf neu errichtet werden. Im Rückblick erkennt das Volk an, dass der Gott in seinem Gericht über Israel und Juda Recht behalten hat. So kann Israel seinen Gott loben wie beispielsweise in Psalm 66:

Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.
Denn, Gott, du hast uns geprüft und geläutert,
wie das Silber geläutert wird;
du hast uns in den Turm werfen lassen,
du hast auf unsern Rücken eine Last gelegt,
du hast Menschen über unser Haupt kommen lassen, /
wir sind in Feuer und Wasser geraten.
Aber du hast uns herausgeführt und uns erquickt.

(Psalm 66,8-12)

Unter persischer Oberherrschaft darf das Gottesvolk nach eigenem Gesetz im eigenen Land leben. Nehemiah als Statthalter im persischen Dienst lässt die Stadtmauer um Jerusalem neu errichten. Unter dem Schriftgelehrten und Kanzleischreiber Esra wird das Volk neu auf den Gottesbund mit seinen Geboten verpflichtet. Fortan ist jedoch das eigene Geschick von Besatzungs­mächten abhängig. Die Perser werden von den Griechen unter Alexander dem Großen verdrängt. Im gesamten Mittelmeerraum breitet sich die griechische Sprache und Kultur aus. Sie scheint der eigenen Kultur überlegen zu sein. Unter der Herrschaft der Seleukiden (aus Syrien) sollen das jüdische Gesetz und der Tempeldienst zugunsten einer vermeintlich höheren, griechischen Religion abgeschafft werden. 169 vor Christus lässt Antiochus IV. eine Zeus-Statue im Jerusalemer Tempel aufstellen und löst damit einen jüdischen Aufstand unter Führung der Makkabäer aus.

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Albrecht Dürer, Der Menschensohn

In den Jahren des Kriegszustands wird kein Heil sichtbar. Gewaltsame Herrschaftswechsel bringen neue Beschwernisse mit sich. Wechselnde Herrschaften vergreifen sich an den Menschen. Das Volk wird zum Spielball der Mächtigen und Mächte. Unter den Menschen und Völker scheint es keinen Herrscher zu geben, dem Gerechtigkeit zuzutrauen ist. So tut sich dem Prophet Daniel die himmlische Vision auf:

Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“ (Daniel 7,13-14)

Der Menschensohn soll als Heiland kommen, auf dass es auf Erden gottgewaltig anders wird. Der Jesuit Friedrich Spee (1591-1635) hat in seinem Adventslied diese Sehnsucht aufgenommen:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein‘ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
daß Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

Hier die Predigt als pdf.

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