„Die hohen, unverständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen“ – Martin Luthers Anti-Hermeneutik in seiner Höllenfahrtspredigt

Höllenfahrt Christi. (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert - Lindenau-Museum Altenburg)

Höllenfahrt Christi (Griechisch-mazedonische Schule Anfang 17. Jahrhundert – Lindenau-Museum Altenburg)

„Hermeneutik ist die Kunst, aus einem Text herauszukriegen, was nicht drinsteht.“ Odo Marquards bekanntes Diktum verweist auf die platonische Grundlage jeglicher Hermeneutik: Das konkrete Erzählgeschehen wird auf allgemein Gedachtes ideell hintergangen. Nur so kann es der „aufgeklärten“ Vernunft zugemutet werden. Luthers Predigt zur Höllenfahrt und Auferstehung Christi vom 17. April 1533 ist eine radikale Absage an jegliche theologische Hermeneutik. Nur im leiblichen Erzählgeschehen kann die Wirklichkeit des göttlichen Heilshandeln zugesagt werden:

„Dass ich das mit dem Munde ausreden oder mit den Sinnen begreifen sollte, wie es bei Christus in dem Dasein zu­geht, das gar weit über und außer diesem Leben ist, — das werde ich wohl bleiben lassen müssen. Kann ich doch schon das nicht al­les erfassen, was zu diesem Leben, zu Christi Erdendasein, gehört — z. B. wie es dem Herrn Christus im Garten Gethsemane zu Sinn und Mute war, als er reichlich Blut schwitzte —, sondern muss es beim Wort und Glauben bewenden lassen. Ebenso ist es noch viel weniger mit Worten oder Gedanken zu fassen, wie er zur Hölle ge­fahren ist. Viel­mehr weil wir uns ja unsere Gedanken und Vor­stellungsbilder von dem machen müssen, was uns in Worten vorge­tragen wird, und weil wir nichts ohne Bilder denken und verstehen kön­nen, so ist es fein und recht, dass man’s ganz wörtlich auffaßt, so wie man’s malt: daß Christus mit der Fahne hinunterfährt und die Höllenpforten zerbricht und zerstört; die hohen, unver­ständlichen Gedanken sollen wir auf sich beruhen lassen. Denn eine solch bildhafte Darstellung zeigt in feiner Weise die Kraft und den Nutzen dieses Artikels, weswegen es geschehen ist und gepredigt und geglaubt wird; nämlich: wie Christus der Hölle Gewalt zerstört und dem Teufel alle seine Macht genommen hat. Wenn ich das habe, so habe ich den rechten Kern und Sinn davon, und soll nicht weiter fragen und klügeln, wie es zugegangen oder möglich sei, geradeso, wie auch bei andern Artikeln des Glaubens­bekenntnisses solches Klügeln und Meistern der Vernunft verboten ist und auch nichts errei­chen kann.“

Hier Luthers Predigt als pdf.

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: