Apocalypse Now – Matthias Gerung und seine reformatorische Holzschnitte zum Buch der Offenbarung

Die Zerstörung der altgläubigen Kirche mit Bezug auf die Offenbarung Kapitel 18

Matthias Gerungs Holzschnitt zur Offenbarung Kapitel 18, der die Zerstörung der altgläubigen Kirche zeigt

Das hätte ich nicht gedacht. Eine der schärfsten bildlichen Abrechnungen mit der römischen Kirche und dem Papsttum während der späteren Reformationszeit stammt aus meinem Heimatdekanat Neu-Ulm. Der Maler und Holzschneider Matthias Gerung (1500-1570) hatte in seiner Werkstatt in Lauingen an der Donau zwischen 1544 bis 1558 27 Holzschnitten zur Apokalypse mit 32 entsprechenden Allegorien zu biblischen Geschichten oder reformatorischen Szenen seiner Gegenwart angefertigt.

12_schiff-kirche

Die wahre Kirche Jesu Christi als Schiff, das in der Seeschlacht gegen die Altgläubigen triumphiert (Holzschnitt von 1548)

Angefertigt wurden diese Holzschnitte als Illustrationen zu einem Buchprojekt, der von dem bibliophilen Pfalzgraf Ottheinrich nach dessen Übertritt zum Protestantismus 1542 veranlassten deutschen Übersetzung des antipäpstlichen Apokalypsenkommentars „In Apocalypsin Joannis Apostoli Commentarius“ (Zürich: Froschauer 1539) aus der Feder des Berner Predigers Sebastian Meyer. Von  dem Buchprojekt selbst ist einzig eine Handschrift mit Gerungs Holzschnitten als Codex germ. 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München überliefert (nicht zu verwechseln mit der Ottheinrich-Bibel, für die Gerung ebenfalls Holzschnitte zur Apokalypse 1530/32 angefertigt hatte). Eine erste wissenschaftliche Beschreibung einzelner Holzschnitte (ohne Kenntnis des Buchprojekts) hatte Campbell Dodgson bereits 1908 unter dem Titel „Eine Holzschnittfolge Matthias Gerungs“ im Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen, 29. Band, Seiten 195-216 veröffentlicht.

Zu Gerungs Holzschnittillustrationen schreibt Petra Roettig in ihrer Dissertationsschrift Reformation als Apokalypse – Die Holzschnitte von Matthias Gerung im Codex Germanicus 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Frankfurt am Main: Peter Lang 1991) Folgendes:
„Links auf einer solchen Doppelseite im Codex stehen jeweils die Illustrationen zur Apokalypse, während auf der rechten Seite in den meisten Fällen die gleiche apokalyptische Textstelle in ihrer allegorisch-satirischen Anwendung auf den Papst, die katholische Kirche und die Türken gezeigt wird. Durch diese synoptische Gegenüberstellung gelingt es Gerung nicht nur Meyers Prinzip der doppelten Schriftauslegung als Bildkonzept aufzunehmen. Dem Betrachter wird vielmehr durch die „wechselseitige Erhellung“ von apokalyptischen und satirischen Blättern der im Kommentar vorgegebene Deutungszusammenhang anschaulich erläutert. Als Vorlage für dieses durchaus polemische Illustrationsverfahren dürfte Gerung das „Passional Christi und Antichristi“ gedient haben. Dieses war 1521 unter Luthers Führung mit Illustrationen von Cranach und Texten von Melanchthon und Schwertfeger erschienen. Wie später bei Gerungs Holzschnittfolge sind hier schon jeweils zwei Holzschnitte antithetisch einander gegenübergestellt. Der linke zeigt Szenen aus dem Leben Christi, denen auf der rechten Seite mit polemischer Absicht entsprechende Darstellungen aus dem Leben des Papstes kontrastiert werden. Die Nachfolge Christi durch den Papst erscheint in diesen Bildantithesen als Perversion des christlichen Vorbildes.“ (Seite 51f)

Mit Roettig (S. 238f) ist anzunehmen, dass die theologische Konzeption der Illustrationen dem Übersetzer des Apokalypsenkommentars, Laurentius Agricola (1497-1564) verdankt. Dieser wurde von Pfalzgraf Ottheinrich 1544 als evangelischer Prediger in das Dominikanerinnenkloster Maria Medingen bei Lauingen entsandt. 1557 wurde er von Ottheinrich als Prediger von Lauingen entlassen und ausgewiesen, da er die zwinglische Abendmahlslehre vertrat und wohl kurfürstliche Räte geschmäht hatte.

heerlager-kaiser-karls-v-bei-lauingen

Matthias Gerung, Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546 (Öl auf Lindenholz, 1551, Lauingen, Heimathaus)

Dass sich Gerung den politischen Machtverhältnissen malerisch anpassen konnte, zeigt sein Bild Der Lauinger Rat im Feldlager Karls V. im Weihgäu 1546, das die Huldigung Kaiser Karl V. in dessen Feldlager durch den Bürgermeister von Lauingen während des Schmalkaldischen Kriegs darstellt.

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg

Man wird wohl Gerung nicht allzu große evangelische Prinzipientreue unterstellen können, wenn er für den altgläubigen Augsburger Bischof Otto von Waldburg dessen Missale 1555 mit Holzschnitten illustriert hat. Richtig bissig und satirisch wird er jedoch, wenn der Papst mit Schlüssel und Ablassbrief in den Teufelsrachen düsen muss, wo schon Mönche und Nonnen tafeln, und der Teufel dabei selbst auf einem mehrfach gesiegelten Ablassbrief „thront“.

gerung-in-den-rachen

Matthias Gerung (zugeschrieben), Satire auf den Ablasshandel (kolorierter Holzschnitt um 1535, Kunstsammlungen Veste Coburg)

Dazu schreibt Dr. Johannes Pommeranz, Sammlungsleiter für Handschriften und seltene Drucke am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg:

„Ein besonders drastisches Beispiel für die reformatorische Bildpolemik gegen die Ablasspolitik des Papstes gibt ein Matthias Gerung (um 1500–1570) zugeschriebener Holzschnitt ab, der vor 1536 entstanden sein dürfte. Glaubt man dem Spottblatt, dann ist die Hölle weiblich. Als Teufel in Harpyiengestalt sitzt sie auf einem päpstlichen Ablassbrief. Ein Bein badet in einem Weihwasserkessel, die Rechte hält bettelnd eine Almosenbüchse ausgestreckt. Das Auffälligste aber ist der Rachen, in dem es sich Nonnen wie Mönche gut gehen lassen und der in früheren Abdrucken dem heranfliegenden Papst als Landeplatz diente. Neu an dem Bild ist die Unbekümmertheit seiner Gäste. Der Eingang zur Unterwelt wird zum Esszimmer, das zum fröhlichen Miteinander einlädt. Die drohende Gefahr, zermalmt und somit selbst zu einem leckeren Happen zu werden, nimmt nur der Betrachter des Blatts wahr. Die Bosch’schen Züge der Komposition und deren Verwandtschaft mit Gemälden des Antwerpener Malers Jan Mandyn (1500–1560) blieben nicht unbemerkt.“ (Die Hölle und ihr Rachen. Gedanken zur Alltäglichkeit eines christlichen Bildmotivs, in: Monster: fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik; Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg vom 7. Mai bis 6. September 2015. Nürnberg 2015, S. 378-405, hier 396f)

Weitere Bilder von Matthias Gerung (vor allem Holzschnitte zur Ottheinrich-Bibel) finden sich unter Wikimedia Commons.

Noch umfangreicher ist die Bildersammlung bei Zeno.

Advertisements

Schlagwörter: ,

Eine Antwort to “Apocalypse Now – Matthias Gerung und seine reformatorische Holzschnitte zum Buch der Offenbarung”

  1. „Mein Herr Christus sieht dem Tode zu, wie er mich tötet, und wenn der mich erwürgt hat, so schlafe ich so leise, daß er mich mit einem Wort erwecken kann.“ – Martin Luthers Predigt über Lukas 7,11-17 | NAMENSgedächtnis Says:

    […] des Jünglings zu Nain (kolorierter Holzschnitt von Matthias Gerung aus der Ottheinrich-Bibel, […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: