„Es kommt nur darauf an, dass wir jetzt nicht schweigen“ – Hans Joachim Iwand über die Gründungsversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948

Gründungsversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948

Gründungsversammlung des ÖRK in Amsterdam 1948

Einheit der Christenheit. Gedanken zur Weltkirchenkonferenz in Amsterdam

Von Hans Joachim Iwand

Es ist schwer, in wenigen Worten ein Bild von dem zu geben, was sich auf dieser vierzehn­tägigen Konferenz, bei der Begegnung von nicht als 140 Kirchen und mindestens 1400 Dele­gierten, Stellvertretern, Besuchern und Jugenddelegierten ereignet hat. Man wird die Doku­mente abwarten müssen; die in fünf Bänden erscheinen werden und den Arbeitsertrag der Tagung in übersichtlicher Form vor aller Welt darlegen sollen. Man wird abwarten müssen, wie sich die neu geknüpften Verbindungen und die tiefen menschlichen Erlebnisse auswirken werden, die durch diese Tagung selbst gegeben waren, insbesondere die Begegnungen der Menschen, die aus noch immer feindlich oder doch wenigstens mißtrauisch gesinnten Natio­nen hier zusammentrafen, und die nun, auf diesem der weltlichen Ebene enthobenen Boden, ein neues Verhältnis zueinander gewannen. Amsterdam war in vielem eine Aussaat; wir wis­sen noch nicht, ob wir etwas von der Ernte sehen werden. Amsterdam war freilich in anderer Hinsicht eine Station, war selbst Ernte langer, mühsamer und in zähem Glauben verfolgter Arbeit. Was bisher von wenigen vorausschauenden Kirchenführern geplant, was von dem überragenden Generalsekretär des Weltkirchenrates D. Visser ’t Hooft und seinem ausgesuch­ten Genfer Stab in großer Weisheit und nie ermüdender Geduld in die rechten Bahnen gelenkt worden ist – das haben am 23. August die in Amsterdam versammelten Delegierten durch förmlichen Beschluß zur Sache ihrer Kirchen gemacht. Insofern ist Amsterdam eine Station auf dem Wege. Hier ist in Erfüllung gegangen, was Nathan Söderblom 1919, unter dem er­schütternden Eindruck des ersten Weltkrieges und der hier offenbar gewordenen Ohnmacht einer in sich zerrissenen Christenheit, bei der Konferenz in Oud Wassenaar in die Worte faßte: „Ich setze mich ein für einen ökumenischen Rat, der die Christenheit auf geistigem Gebiet vertreten kann“.

So ist in Amsterdam wirklich etwas geschehen, und Samuel McCrea Cavert, Generalsekretär des Federal Council of the Churches of Christ in Amerika, der dieses Ereignis zu würdigen hatte, sagte mit Recht: „Wir treten in ein neues Stadium der ökumenischen Bewegung ein.“ Die Kirchen, die sich hier im ökumenischen Rat zusammengeschlossen haben, verdanken mit Ausnahme der griechisch-orthodoxen ihre besondere Gestalt der Reformation und den aus den englischen Revolutionskirchen des 17. Jahrhunderts hervorgegangenen Denominationen und Freikirchen. In all diesen Kirchen ist das Fragen nach der Einheit der Christenheit aufgebro­chen. Was, sehr zum Unglück Europas, im 17. Jahrhundert nicht gelungen ist, scheint in den großen Katastrophen, in denen die Menschheit heute steht, Ereignis zu werden: Die verschie­densten Kirchen rücken näher aneinander heran, sie reichen sich die Hand, eine der anderen mit der Gabe dienend, die ihr in Sonderheit verliehen ist. Sie alle sehen auf einmal über sich hinaus, sie alle beginnen, den dritten und letzten Artikel des Apostolikums ernster zu nehmen, als es vielleicht seit 400 Jahren geschah: das Glaubensbekenntnis zu der einen, allgemeinen, christliche Kirche.

Damit ist die Frage aufgeworfen, die Laien wie Theologen heute gleichmäßig bewegt, die als die große. Aufgabe der Zukunft vor uns steht, die Frage nach dem spezifischen Wesen dieser Einheit. Sie war Gegenstand der Beratungen der Sektion I, in der hervorragende Vertreter der Kirchen der Alten und der Neuen Welt zusammen berieten. Unter der von der Versammlung besonders anerkannten Leitung des Landesbischofs von Hannover, D. Lilje DD., hat gerade diese Beratung zu sehr beachtlichen Resultaten geführt. Hier trafen sich der Baseler Theologe Karl Barth und die anglikanischen Professoren Ramsay und Dodd, der Vorsitzende des Lu­therischen Weltbundes Prof. Nygren aus Lund und Professor Florowski, der führende Theolo­ge der orthodoxen Kirche aus Paris. Hier galt es, den Standpunkt derer, die die Tradition als wesentlich für die Kontinuität der Kirche ansehen, mit denen zu versöhnen, denen das Ereig­nis der Verkündigung, das Zeugnis, und die Versammlung der Gemeinde als Ausweis der Kir­che gelten. Es gelang, der in der Christenheit selbst herrschenden Sprachenverwirrung zu steuern, indem man – nach einer genialen Formel Karl Barths – nach den Unterschieden in der Einheit und nach der Einheit in den Unterschieden fragte. Damit dürfte vermieden sein, daß die Wahrheitsfrage der Einheit aufgeopfert, aber auch umgekehrt, daß die Einheit über der theologischen Unterscheidung verloren wurde.

Wir tagten, wie Karl Barth in seinem ernüchternden und doch wieder erhebenden Eingangsre­ferat ausführte – hier wirklich das reformatorische Anliegen in imponierender Unbefangenheit vertretend – zwischen Rom und Moskau. Die römisch-katholische Kirche hat die seit der öku­menischen Konferenz von Stockholm geübte Reserve auch heute noch nicht aufgegeben, was aber nicht heißt, daß sie diesem Wachsen der Einheit im protestantischen Raum nicht mit größtem Interesse gegenüberstünde. Daß die Einheit der Kirchen, wie sie in der Konstituie­rung eines ökumenischen Rates zum Ausdruck kommt, anders verstanden ist, als sie in der römischen Kirche gelehrt wird, ist klar. Dort ist sie ein dynamisches, fast könnte man sagen, eschatologisches Ziel, etwas, auf das hin die Kirchen auf dem Wege sind; hier wird sie als Gegebenheit gesetzt. Daß damit nicht das letzte Wort gesprochen ist, daß die Christenheit – erst einmal in Bewegung gesetzt – sich von hüben und drüben grüßen wird, wie dies in so ermutigender Weise auf dem Katholikentag in Mainz neuerdings geschehen ist – ist durch die Entwicklung von Amsterdam nicht etwa ausgeschlossen, sondern vielmehr mit neuer Dring­lichkeit angebahnt. Anders steht die Sache mit Moskau. Hier ging es um die christliche Stel­lungnahme zu den Fragen der Gesellschaftsordnung und der internationalen Beziehungen. Wenn man bedenkt, daß in dem Exekutivkomitee, das sich mit diesen Fragen befaßte, acht Plätze freigelassen wurden für die orthodoxen Kirchen, die nicht gekommen waren, so ersieht man daraus, daß die Problematik hier anders liegt als gegenüber Rom.

Wie grundsätzlich gerade die Fragen der Gesellschaftsordnung, der Beurteilung des Marxis­mus, des Gegensatzes zwischen Ost und West – die jungen Kirchen Asiens und Afrikas spra­chen eine andere Sprache als die die Freiheit des Individuums betonenden westlichen Zivili­sationen – gegeneinander standen, zeigten die hart aufeinander platzenden Referate von John Foster Dulles aus New York und Professor Hromadka aus Prag, der dem Westen das Grablied sang. Foster Dulles mutete in dem, was er zur internationalen Ordnung sagte, an wie einer, der das jus gentium des Hugo Grotius und die Ideen der Kantschen Philosophie vom souveränen Gesetz und der Menschenwürde einem müde und skeptisch gewordenen Europa mahnend vorhielt, während der aufmerksame Hörer bei Hromadkas Rede doch an den tiefen Bruch denken mußte, der im 19. Jahrhundert eintrat, als die dialektische Geschichts- und Gesell­schaftsphilosophie aufkam und jenem Realismus huldigte, den Hegel in den denkwürdigen Satz faßte: Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig. Bei Foster Dulles fehlte die Dialektik, bei Hrodmaka war sie in den Bann blinder Leidenschaft geraten, die wir Deutschen aus leid vollen Erfahrungen kennen – kein Wunder, daß wir erschrocken waren. Aber, was an keiner anderen Stelle so möglich gewesen wäre, hier reich­ten sich beide Redner am Ende die Hand, und der weitere Verlauf der Tagung diente zu nütz­lichen Debatten über das angeschnittene Thema.

Der Mann, dem es gegeben war, in wahrhaft prophetischer Weise – von dem Punkt „außer­halb“ her – die bewegende Dialektik der modernen Gesellschaft und des internationalen, welt­politischen Geschehens vor uns erstehen zu lassen, ohne von ihr überwältigt zu werden, der den eschatologischen Rand der Menschheitsgeschichte aufdeckte, ohne zu verzweifeln, der die Krise der Gesellschaft im Geiste des Täufers radikalisierte – man fühlte die Axt, die den Bäumen, auch denen jenseits des Ozeans, an die Wurzel gelegt ist – war ein amerikanischer Theologe, Reinhold Niebuhr. In dem von vielen Gästen angefüllten Konzertsaal, in dem die Hauptversammlungen stattfanden, am Montag, den 30. August, abends, sprach er als letztes, der vier Redner. Vor ihm hatte Brunner, der bekannte Schweizer Theologe aus Zürich, ein in seiner Art ausgezeichnet abgewogenes Referat gehalten, er hatte die Mitte gesucht zwischen Kapitalismus und Kommunismus, er hatte die Grenzen des Staates im Geiste Wilhelm v. Humboldts sichtbar gemacht, er hatte aufgerufen zur Bildung des kleinen Kreises, in dem die Persönlichkeit wieder zur Geltung kommt. Dann aber kam Niebuhr. Er ging bald ab von dem Manuskript, das wie gewöhnlich jeder Hörer vor sich hatte, er sprach in abgerissenen Sätzen, die wie Kaskaden herunterstürzten, er zitierte die gnadenlosen Mächte dieser Zeit vor das Forum des göttlichen Gerichts und nahm auch die Kirche dabei nicht aus. Er war in diesem Augenblick ein Rhetor, wie ich nur selten einen erlebt habe, das Zeichen einer großen Bewe­gung, ein Interpret dessen, was in der Tiefe des geistigen und religiösen Lebens Amerikas vor sich geht. Ich mußte an die Zeit in Europa vor 20 Jahren denken. Ich fragte mich: Sieht Nie­buhr auch am Horizont der amerikanischen Entwicklung jene Gesichte, die bei uns Männer wie Barth, wie Tillich, wie Scheler, wie Heidegger geschaut, die sie aus der Stille, aus der Sicherheit herausgerissen Und zu – unverstandenen – Mahnern kommender Gerichte gemacht haben? Wird Amerika diese Stimme besser verstehen, als es Europa gegeben war? Wird die Welt, wird die Christenheit in letzter Minute die Mahnung begreifen, die den Schlußstein von Niebuhrs Rede bildete: Lasset uns wirken, solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

Manch einer, der diesen Artikel liest, wird mehr wissen wollen. Er wird etwas wissen wollen von der Beteiligung der von Kirchenpräsident D. Niemöller geführten deutschen Delegation, von der Stellungnahme der Versammlung zu den uns in Deutschland am meisten bedrängen­den Fragen, von unserer Begegnung mit der ausgezeichneten französischen Delegation, von den geistigen und politischen Tendenzen der jungen Kirchen, die besonders in der neu ge­gründeten Kirche Indiens eine sehr beachtliche Stimme gefunden haben. Zu dem allen reicht der Raum nicht aus. Nur einiges sei noch angedeutet. Es darf gesagt werden, daß Martin Nie­möllers Ansprache an die Jugend Hollands, die in deutscher Sprache gehalten wurde, neben seiner Rede auf der Vollversammlung, ein Ereignis war. Es wird weiter gesagt werden dürfen, daß das Elend der deutschen Vertriebenen wohl keinen beredteren Mund finden konnte, als den des Direktors der Flüchtlingsabteilung in Genf, des tatkräftigen Mr. Rees, und keinen besseren Helfer als den edlen Bischof von Chichester, der auch die Versammlung auf seiner Seite hatte, als es galt, die Not der vertriebenen Deutschen der anderer Flüchtlinge gleichzu­stellen und den Grundsatz zur Anerkennung zu bringen, daß Deutschland das Flüchtlingsprob­lem aus eigener Kraft nicht lösen kann, daß hier vielmehr die Weltorganisationen helfen müs­sen.

Das Beste, was die Konferenz zustande gebracht hat, ist ihre Botschaft an die Christenheit. Sie wird bald in aller Hände sein. Für uns Deutsche war die Tagung als ganze aber zugleich das Mitarbeiten und Getragenwerden von einer Bewegung, die mit der Christenheit in Deutsch­land trotz gesperrter Grenzen seit langem verbunden war. Daß wir Grüße und Wünsche vieler Freunde Deutschlands mit heimbrachten, das wir erkennen durften, wieviel gute Menschen Deutschland, dem wahren, dem christlichen, dem sozial fortschrittlichen Deutschland, mit Wort und Tat zu helfen bereit sind – das ließ uns zuversichtlich und getrost aus dem gastli­chen, in diesen Tagen besonders festlich angetanen Holland heimkehren. Wir durften wissen, daß die Grenze um Deutschland in diesen vierzehn Tagen dünner, durchbrochener, feiner geworden ist. Es kommt nur darauf an, daß wir jetzt nicht schweigen, damit die Stimme der Christenheit das übertönt, was sich zwischen den Menschen in der Tiefe und den Gott aller Gnade stellen möchte.

DIE ZEIT, Nr. 38, 16. September 1948

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