Hans Joachim Iwand – Er ist wahrhaftig auferstanden (Osterwort von 1950)

Rogier van der Weyden - Das Jüngste Gericht (Mittelbild des Polyptychon)

Rogier van der Weyden – Das Jüngste Gericht (Mittelbild des Polyptychon)

Er ist wahrhaftig auferstanden

Von Hans Joachim Iwand

Was sind eigentlich die Kirchen? Ich meine, sie sind eine Möglichkeit – und sie sind eine Wirklichkeit. Aber ihre Möglichkeit ist weit über ihre Wirklichkeit hinaus. Was würde ge­schehen, wenn die Möglichkeit die Wirklichkeit sprengen, wenn die eine die andere, wie damals an Ostern, in einem gewaltigen Beben aufheben würde? Denn daß die Möglichkeit die Wirklichkeit der Kirche so kritisch und so verheißungsvoll zugleich überragt, das liegt an der Auferstehung Jesu von den Toten. Sie ist das Unfaßlichste, das sich denken läßt, sie sprengt die Regeln und Gesetze dieses Aeons, denn diese Gesetze sind von der Voraussetzung her entworfen, daß der Tod die absolute Konstante ist, so absolut, wie die eiserne Tür eines Ker­kers für die Gefangenen. Hin und wieder erinnert sich noch der oder jener, daß das Leben anders gemeint gewesen sein muß – Plato war einer von denen, die das mit unverwischbaren Lettern an die kahlen Wände unserer Kerkermauern eingeritzt haben – aber dann fallen wir wieder zurück, matt, resigniert, bereit, das als Wirklichkeit anzuerkennen, was sich als solche ausgibt. Es ist ein merkwürdiges Triumvirat, das diese sogenannte Wirklichkeit beherrscht und ihre Unabänderlichkeit garantiert: das Gesetz, mit seinen beiden großen Trabanten Wis­senschaft und Staat, die Sünde (ich weiß, das Wort paßt nicht mehr hinein in die Hexenküche der Moderne): „den Bösen sind wir los, die Bösen sind geblieben“, und der Tod, „der letzte Feind“, wie er in der Sprache der Bibel genannt wird. Auferstehung heißt nun nicht etwa, daß es einem gelungen wäre, aus dem großen Totenhaus – genannt Welt – zu entspringen und sich dem Zugriff seiner Häscher zu entziehen. Wenn mit Ostern nur das gemeint wäre, so wäre die Kunde von der Auferstehung in der Tat ein Märchen oder ein Mythus, eine Sache, die uns sehr wenig anginge und über die die Weisen vom Areopag mit Recht spotten könnten. Nein, die Botschaft von Ostern, mit der die Christenheit dereinst ihren Weg in die Welt antrat, war die unerhörte Behauptung, daß mit der Auferstehung Jesu das Grundgefüge dieser sogenann­ten Wirklichkeit aufgehoben, daß es eben damit als Nicht-Wirklichkeit erwiesen ist. Daß also ein Riß durch dieses ganze Gemäuer von Welt läuft, der alle Tyrannen erzittern und alle Ge­fangenen aufatmen läßt. Der Tod ist doch nicht das Letzte, sondern das Leben, die Menschen sind doch nicht versklavt an das Böse, sondern zur Freiheit berufen, das Gesetz ist doch nicht das eigentliche Weltgeheimnis, sondern das Wunder und die Gnade. Das bedeutete damals und das sollte auch heute die Botschaft des Auferstandenen bedeuten.

Jener eiserne Vorhang, der mit der Auferstehung Jesu fiel, ist ja der Hintergrund für alle ande­ren Grenzen, Kerker und Vorhänge, die Menschen den Menschen setzen, um sich gegenseitig in Angst vor dem Tode zu halten. Daß dieser Vorhang gefallen ist, das meinten die ersten Jün­ger, wenn sie vor aller Welt proklamierten: Jesus ist der Herr! Sie hatten eins vor uns voraus! sie waren die Augenzeugen! Sie hätten lügen müssen, wenn sie geschwiegen hätten. Aber nun liegt es offen zu Tage, das Geheimnis, das für die Herren der Finsternis so peinlich und für die Armen, Leidenden, Erniedrigten und Beleidigten so triumphal ist: Vexillae regis prodeunt! „die königlichen Fahnen wehn“.

Und noch einmal fragen wir, was sind eigentlich die Kirchen? Was heißt es, daß sich sogar in den großen und modernen Städten in ihnen noch die Menschen sammeln, um anzubeten, zu hören und zu bekennen, um im Zeichen des Gekreuzigten und Auferstandenen das Heilige Mahl zu feiern? Daß das heute noch ebenso in Moskau wie in Paris, in Berlin, in Rom wie in New York geschieht? Aber noch viel wunderbarer ist es vielleicht, zu hören, daß es auch in den verlassenen und versunkenen Dörfern geschieht, wo kein Geistlicher mehr ist, wo sie sich sammeln ohne Ornat und ohne Schmuck und Gepränge, in den Zonen des Schweigens, in den Lagern der Verschleppten, in den Zellen der Gefangenen und Totgesagten. Und vielleicht ist das Geschehen in jenen vergessenen Winkeln der Erde der Möglichkeit, der großen wunder­baren Möglichkeit der Kirche naher als eine glanzvolle Wirklichkeit, die immer etwas von der bedenklichen Situation des Tempels in Jerusalem an sich hat. Nun jedenfalls, es könnte sein, daß die Möglichkeiten Gottes Macht gewännen über unsere Wirklichkeiten, – das heißt doch Ostern, und das ist doch unsere letzte, aber keineswegs trügerische Hoffnung. In dieser Hoff­nung wird und muß geschehen, was jetzt im deutschen Raum durch die Organe der evange­lischen Kirche in Berlin geschehen soll: dort soll, zwei Wochen nach Ostern, symbolisch im Osten Berlins, weder dem Westen noch dem Osten hörig, in der Freiheit von Ostern und in der Hoffnung auf ein „Sprachenwunder“, so daß auch unsere heutigen Parther, Meder und Elamiter etwas begreifen von Gott und seinen Taten – die Generalsynode der Evangelischen Kirche in Deutschland ein Wort zum Frieden sprechen. Gott muß Zeugen haben in der Welt.

Gewiß, das ist ein Schritt über die Wirklichkeit der Kirche hinaus, ein Griff nach ihrer letzten, aber auch ihrer wahren Möglichkeit. Aber es ist Zeit, daß die Kirchen in der Welt wieder be­greifen, daß sie nicht von der Welt sind. Wenn sie schweigen, werden die Steine reden. Man mag das für phantastisch halten, – aber man glaube mir, wir halten das darum für phanta­stisch, weil wir alle mehr oder weniger fürchten, daß Nietzsche recht haben könnte mit seinem Satz: Gott ist tot. Immerhin, es könnte sein, daß es dem, der den Mut hätte, zu sprechen, ähn­lich ginge wie jenem Priester, der es wagte, sich in einer öffentlichen Versammlung zum Wort zu melden. Es war in einer großen Stadt, so hat man mir berichtet, es war zudem in einem Lande, das mehr als alle anderen noch etwas bewahrt hatte von der ursprünglichen österlichen Freude und Gewißheit, so daß sich dort zum Osterfest die Menschen wie in den ältesten Ta­gen der Christenheit mit dem Gruße „Christus ist auferstanden“ grüßten. In jener Stadt nun gab in einer großen Versammlung der Redner, ein hoher Funktionär, die Diskussion frei, zwar nur fünf Minuten Redezeit, aber immerhin, man konnte widersprechen. Es meldete sich der erwähnte Priester; man hatte Zweifel, ob er nicht zu lange reden würde. Aber er versicherte, er würde es kurz machen, ganz kurz. Nun, er trat aufs Podium und grüßte die Menge; Christus ist auferstanden! Und alles Volk erhob sich und antwortete: Er ist wahrhaftig auferstanden! Der Priester ging herunter von der Bühne, verneigte sich vor dem Redner, er hatte nichts mehr zu sagen.

DIE ZEIT, Nr. 14, 6. April 1950.

Hier der Text als pdf.

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