„Hier, an dieser Stätte der Qual, ist unser Glaube gemordet worden“ – Hans Joachim Iwands Leseeindrücke zu Eugen Kogons „Der SS-Staat“

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1946 erschien bei Karl Alber in München Eugen Kogons „Der SS-Staat„, die erste historische Analyse des NS-Terrorsystems. Hans Joachim Iwand veröffentlichte 1947 in der Wochenzeitung DIE ZEIT eine eindrückliche, glänzend geschriebene Rezension dieses Buches:

Ecce homo

Von Hans Joachim Iwand, Göttingen

Ein Freund, den ich in Bielefeld besuchte, gab mir eine Reiselektüre mit. Als ich auf meiner Heimreise zu lesen begann, wußte ich, daß ich ein Buch solchen Inhalts noch nie in der Hand gehabt hatte. Haben wir nicht viele Bücher des Schreckens gelesen seit dem ersten großen Krieg und seit dem flackernden Feuer der Revolution im Osten? Unser Geist ist vor mehr Rätsel gestellt worden, als die Generationen vor uns hätten ahnen können. Mitten durch die gemalten Tapeten, mit denen wir unseren Lebensraum so schön und ansprechend ausgestattet hatten, sieht uns auf einmal eine Wirklichkeit an, die unsere Wirklichkeit ist; aber sie spottet aller Bilder und Formen, in die wie sie fassen möchten. Wir stehen ihr hilflos gegenüber. Was uns aus ihr anschaut, ist das Fremde, das Unbegreifliche. Es gibt manche Bücher, die uns für diesen Anblick, vorbereitet haben, aber dieses eine Buch, das ich nun in der Hand, hielt, ist eine Sache suis generis. Ich weiß nicht, ob je zuvor ein solches Buch hätte geschrieben wer­den können. Vielleicht ist es nur ein Anfang seiner Art, aber wie dem auch sei, es enthüllt die Wirklichkeit, in der wir lebten, leben, – und wenn kein Wunder rettender Gnade geschieht – leben werden. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wenn man ein wenig, ein ganz klein wenig ermessen hat, was hier an Qual gelitten, an Glück zertreten, an edlem Adel der Seele zerbro­chen wurde – und wenn man dann daran denkt, daß dies alles Seite an Seite, Wand an Wand mit einer in unbesorgtem Daseinsgenuß dahinlebenden Gesellschaft geschah, wenn man erkennt, daß unsere Tränen, unser Erwachen, unser Verurteilen und Entrüsten – daß dies alles zu spät kommt, dann begreift man, daß es dem reichen Mann nichts mehr nützte, als er be­griff, daß der arme Lazarus sein Schicksal war. Denn Lazarus war bereits dem Ort der Qual entnommen.

Was in diesem Buche steht, ist mit der Phantasie nicht zu erreichen. Wo immer ein Mensch Subjekt einer Handlung ist, muß eigentlich, wenn die Psychologen und die Dichter recht haben sollten, die Möglichkeit der Tat einsichtig zu machen sein. Alles Wirkliche muß in seiner Möglichkeit begreifbar sein, so lehren die Philosophen. Wenn dieser Satz nicht mehr gelten sollte, dann wären wir in einer Welt, in einem Felde des Wirklichen, in dem das Licht der Vernunft nicht mehr leuchtet. Wenn dieses Licht erlischt, dann beginnt sich der Mensch zu fürchten, wie ein Kind, wenn es dunkel wird. Die unbegründete Angst, die Angst, die, wo immer man zupackt, sich in Nichts auflöst, die da ist wie der Atem, mit dem uns das Dasein selbst anweht, sie ist das Schreckliche.

Die Bilder, die in diesem Buche an uns vorüberziehen, sind keine Hölle im Sinne der divina comoedia. Es gibt so viele Zeitgenossen, die schon wieder mit dem Kunstgriff des Religiösen die Wirklichkeit, die uns umgibt, transparent machen möchten. Hier bedarf es keiner Deutung, hier bedarf es keines Dichters, der uns Leid und Schuld der Unseligen, sänge. Hier ist alles anders. Hier ist es so, als ob ein Stück der Hölle mitten in unser Dasein hineinragte, mitten in die Zeit der Eisenbahnen, des Rundfunks, der fortgeschrittensten Technik, der feinsten Zivili­sation, obschon doch der Himmel seit Voltaire endgültig in Europa abgeschafft ist – und darum: wenn es keinen Himmel mehr gibt, keinen Gott, keine ewige Seligkeit, es eigentlich auch keine Hölle geben, keinen Teufel und keinen Ort der Qual geben kann. Es ist schwierig, wenn die ratio postuliert, was es nicht geben kann, und dieses Unmögliche dann doch auf ein­mal da ist, und zwar immanent, auf der Bühne des Diesseits, weil dies ja der einzige Raum ist, in dem sich überhaupt noch Dasein abspielt. Wo soll es sonst „erscheinen“?

Und doch ist „Hölle“ wiederum ein falsches Wort und ein falsches Bild. Das Buch berichtet von den Ereignissen nicht im Sinne irgendeiner neuen, modernen, sehr naheliegenden Dämo­nologie. Wir werden die Bilder besser sehen, wenn wir sie mit einem unbewaffneten Auge anschauen, ohne jede Brille. In der Hölle erleiden die Menschen die Strafe für ihre Verbre­chen. Aber hier werden Menschen zerbrochen, zerquält, zerstampft, zertreten, die so verwe­gen waren, zu meinen, das Gute und das Rechte sei auch für diese Erde da, es sei mehr als eine Illusion. Toren und Kinder zu verführen; die hier Leidenden sind; Menschen, die so verwegen waren, zu glauben, daß die Menschheit noch ein Ziel, ein den Menschen im Men­schen ansprechendes, wandelndes, sich erneuerndes Ziel habe, die darum den Verrat an der Gerechtigkeit an der göttlichen, ewigen, die Welt richtenden und bessernden Gerechtigkeit nicht schweigend und tatenlos hinnehmen konnten. Und über ihrem Preisgegebensein in der Menschen Hände steigt es auf wie eine Welle des Triumphes, daß diese Ideale nichts sind, daß die Glaubenden, Strebenden, Widerstrebenden nichts sind, im wahrsten Sinne ein Nichts wie der heilige Augustin im umgekehrten Sinne, in tiefer, wahrer Erleuchtung seinerzeit das Böse ein Nichts nannte! Und auf einmal weiß ich, daß hier die Stätte war, von der aus uns alle die Anfechtung überfiel, die dunkle, uns so tief in den Unglauben bannende Anfechtung: daß das Gute nichts sei! Hier wurde an lebenden Heiligen diese Anfechtung fabriziert, die wie ein giftiger Schwaden die ganze Landschaft erfüllte. Und wir erlagen ihr alle. Hier, an dieser Stätte der Qual, ist unser Glaube gemordet worden, und wir selbst haben es nicht begriffen und meinten, wir seien die Davongekommenen.

Das Buch, das mich so bewegt hat, ist Eugen Kogons „SS-Staat“. Es wird wenig Menschen geben, die es lesen werden, ohne hernach ein wenig stiller, ein wenig nachdenklicher, ein wenig gelöster zu sein. Es liegt, trotz allem, ein mit Worten nicht wiederzugebender Friede über dem Ganzen. Diese Gräber sind wie von einer höheren Hand geschlossen. Es ist, als ob unsichtbar, unbesprochen, ein offenes Grab in der Mitte des Ganzen stünde – das eine, ein­zige, offene Grab, das den Sieg bedeutet, den Sieg der Besiegten. Es war damals nicht anders, es ist .nirgends-anders, wo die Menschen daran gehen, Gott totzuschlagen. Freilich, wir sind der Meinung – und diese Meinung ist offenbar sehr, beruhigend – daß solche Redeweisen nur bildlich sind und daß darum Gott nicht so schwach und der Mensch nicht so böse sein kann.

Aber, nehmen wir einmal an, es wäre so, es hätten wirklich Menschen Gott ans Kreuz gena­gelt, Gott in Gestalt ihres Bruders, der kam, sie zu suchen und zu erinnern, daß sie nicht von unten, sondern von oben sind; der kam, um die Hoffnung des Menschen, die in der Treue Gottes begründet ist, zu bezeugen – kann man sich einen Menschen vorstellen, der das fertig bringt, der die Geisel schwingt, der die Nägel ins Fleisch treibt, der seine eigene Hoffnung kreuzigt? Ist hier nicht auch die Wirklichkeit nur die Erklärung ihrer Möglichkeit? Ist das vielleicht das Geheimnis des Bösen, daß die Tat der Möglichkeit vorangeht? Kierkegaard hat behauptet, ein einzelner hätte Gott nie totschlagen können, nur die Masse, nur der Mensch in der Masse habe das gekonnt. Denn in der Masse seien es immer alle und keiner, da sei es hinterher niemand gewesen.

Die Erklärung ist so gut, weil sie das Rätsel nur noch größer macht, weil sie eine Frage mit einer Frage beantwortet. Die Tat bleibt Tat und ruft jeden bei seinem Namen. „In den verderb­ten Strömen dieser Welt kann die vergoldete Hand der Missetat das Recht wegstoßen, und ein schnöder Preis erkauft oft das Gesetz. Nicht so dort oben! Da gilt kein Kunstgriff, da erscheint die Handlung, in ihrer wahren Art! und wir sind selbst genötigt, unsern Fehlern ein Zeugnis abzulegen.“ Man kann aus Shakespeare mehr Theologie lernen als aus einer modernen Dogmatik.

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Honoré Daumier – Ecce Homo, um 1851 (Öl auf Leinwand, Museum Folkwang)

Wir haben das Kreuz zum Symbol gemacht, aber das Kreuz ist mehr als ein Symbol: es ist der Inbegriff jener Wirklichkeit, an der dem Menschen die Augen aufgehen könnten, die Augen für das Unbegreifliche und dennoch Wirkliche. Wen meinte eigentlich Pontius Pilatus mit seinem: „Ecce homo“? Den, den sie ans Kreuz nagelten, oder die die ihn annagelten, oder sich selbst, der es zuließ, daß sie ihn annagelten? Es paßt auf alle. Es ist nicht von ungefähr, daß Pontius Pilatus ins Glaubensbekenntnis übernommen worden ist.

Es gibt ein Wort von Mereschkowski, das mehr ist, als ein Wort, sondern eine Vision, wie sie eben nur ein Christ, der Ostkirche uns schenken konnte: „Von der grausigen Kreuzabnahme Holbeins redet in seinen Todesphantasien Ippolit in Dostojewskijs ‚Idiot‘. Wenn einen sol­chen Leichnam (und er muß bestimmt so ausgesehen haben) alle seine Jünger … die alle an ihn glaubten … gesehen haben … wie konnten sie da noch glauben, daß er auferstehen werde? Hier taucht unwillkürlich ein Gedanke auf: Wenn der Tod so entsetzlich ist und die Naturge­setze so mächtig, wie kann man sie bezwingen? Die Natur erscheint einem bei Betrachtung dieses Bildes wie ein riesiges unerbittliches, stummes Tier, oder richtiger: wie eine ungeheure Maschine neuster Konstruktion, die sinnlos, taub und gefühllos ein großes, unschätzbares Wesen ergriffen, zertrümmert und verschlungen hat, ein Wesen, das allein mehr wert war als die ganze Natur und alle ihre Gesetze, als die ganze Erde, die vielleicht nur darum erschaffen ward, daß dieses Wesen erscheinen könnte. Durch dieses Bild manifestiert sich gleichsam der eigentliche Begriff der finsteren, rohen und sinnlos ewigen Kraft der alles Untertan ist … Mir schien es mitunter, als sähe ich diese unsinnige Kraft, dieses taube, finstere, stumme Wesen, Ich, erinnere mich, daß mir zumute war; als führte mich jemand an der Hand, mit einer Kerze voranleuchtend, zeigte mir eine ungeheure, abscheuliche Tarantel und behauptete, das sei eben jenes finstere, taube, allmächtige Wesen, und lachte über meine Entrüstung. In zwei Hälften teilt sich die Menschheit, und zu einer vom beiden muß jeder gehören: entweder zu denen, die, an die Tarantel glauben, oder zu jenen, die glauben, daß Christus auferstanden ist. Eine der zwei Erfahrungen mußt du wählen entweder die äußere, sinnliche, wo nach dem Identitätsgesetz der Mechanik die Summe der wirkenden physischen Kräfte sich unveränder­lich aus den arithmetischen Summanden a + b + c zusammensetzt, oder an die innere, religiö­se Erfahrung, wo zu dieser Stimme eine unbekannte Größe, ein X, das Wunder, hinzukommt. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird nimmermehr sterben. – Man glaubt entweder an den, der diese Worte sprach, oder an die Tarantel“ („Jesus, der Kommende“).

Es ist seltsam: es waltet in Kogons Buch ein stiller, gewisser und versöhnender Geist. Ich wüßte ein Motto zu diesem Buch – nein, nicht nur zu dem Buch, sondern zu der Welt, die in und aus ihm offenbar geworden ist, ein Wort des Apostels Johannes, das ich früher schwer verstand, daß mir jetzt mehr und mehr, leuchtend und erleuchtend aufgeht: „Wir wissen, daß wir aus dem Tode ins Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder.“

DIE ZEIT, Nr. 33, 14. August 1947, Seite 5, Sp. 1-3.

Hier der Text als pdf.

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