„Advent schafft neue Menschen“ (Dietrich Bonhoeffer)

In Dietrich Bonhoeffers Londoner Predigt vom 3. Dezember 1933 über Lukas 21,28 „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ finden sich folgende Worte zum Advent:

Ihr wißt alle, was ein Grubenunglück ist. Wir haben in der letzten Woche immer wieder davon in den Zeitungen lesen müssen. Über den Männern, die täglich in den tiefen Schächten der Erde einfahren müssen, um ihre Arbeit zu tun, schwebt die fortwährende Gefahr, daß eines Tages einer der Gänge einstürzt, daß eine unterirdische Explosion sie verschüttet. […] Und wenn nun dann auf einmal ein leises Geräusch sich vernehmen läßt, wie ein Klopfen, ein Hämmern, ein Brechen von Steinen, und […] – dann auf einmal richtet sich der schon Verzagte hoch auf, sein Herz möchte ihm springen vor Spannung und vor Warten und er schreit aus Leibeskräften: Hier bin ich, kommt durch zu mir und helft mir – ich komme nicht durch, ich kann mir nicht helfen, aber ich warte, ich warte, ich halte durch bis ihr kommt. Kommt nur bald … […] So steht es ja mit dem Herannahen Gottes zum Menschen, mit dem Kommen der Erlösung, mit der Ankunft Christi … sehet auf und erhebet eure Häupter, darum daß sich eure Erlösung naht. […]

Nicht an die Satten, die Zufriedenen, sondern an die Hungernden und Dürstenden richtet sich dies Wort des Advent. Bei ihnen klopft er an, mächtig und eindringlich. […]

Was wollen wir dann von Weihnachten … ein bißchen Sentimentalität, ein bißchen innere Erhebung, … ein bißchen Stimmung – wenn aber da etwas ist, das davon wissen will, das sich an diesem Wort entzündet, wenn da etwas in uns diesem Wort glaubt, – […] dann wird Weihnachten kommen und wir sind bereit – Gott kommt zu uns, zu dir und mir, Christ, der Retter ist da. […]

Und daß nun ein solches wahrhaftes Adventsgeschehen etwas anderes schafft als eine ängstliche, kleinliche, gedrückte, schwächliche Christlichkeit, die wir immer wieder wahrnehmen und die uns das Christentum selbst immer wieder verächtlich machen will, das wird aus den zwei gewaltigen Aufforderungen klar, die unseren Text einleiten. Sehet auf, erhebet eure Häupter. Advent schafft Menschen, neue Menschen. Neue Menschen sollen auch wir im Advent werden. Sehet auf, ihr, deren Blick unverwandt auf diese Erde gerichtet ist, die gebannt sind von den kleinen Geschehnissen und Veränderungen auf der Oberfläche dieser Erde, sehet auf, die ihr euch vom Himmel enttäuscht abgewendet habt, zu diesen Worten, sehet auf, ihr, deren Augen von Tränen schwer sind und dem nachweinen, das die Erde uns gnadenlos entrissen hat, sehet auf, ihr, deren Blick schuldbeladen sich nicht erheben kann – sehet auf, eure Erlösung naht. Es geschieht noch etwas anderes, als was ihr täglich seht, etwas viel Wichtigeres, etwas unendlich viel Größeres und Mächtigeres – nehmt es nur wahr, seid auf der Wacht, wartet noch einen kurzen Augenblick, wartet und es wird etwas ganz Neues über euch hereinbrechen. Gott wird kommen, Jesus kommt und wird von euch Besitz nehmen und ihr werdet erlöste Menschen sein. Sehet auf, steht auf der Wacht, die Augen auf, wartet, wartet der herannahenden Erlösung entgegen. […]

Und nun fragen wir nochmal: Hören wir nun, wie es klopft und treibt und vorwärtskämpft, wie da etwas in uns aufspringen will, sich auftun, frei werden dem Christus entgegen? […] Kann der verschüttete Bergmann auf etwas anderes achten, als auf dies Hämmern und Klopfen der Retter? Kann und darf uns noch etwas anderes wichtig sein, als eben auf dieses selbe Hämmern und Klopfen Jesu Christi in unserem Leben zu achten. Kann es uns in allem was geschieht um etwas anderes gehen als um das Lauschen und Aufhören, um das Zittern und Sichausstrecken nach ihm. Es ist etwas am Werk, auch in uns. Daß wir’s doch nicht zuschütteten, daß wir doch auftäten dem, der da kommen will. Mitten im Winter hat Luther einmal, als er an Advent über unseren Text predigte, gerufen: »Der Sommer ist nahe, die Bäume wollen hervor. Es ist Frühlingszeit.« Wer Ohren hat zu hören, der hört. Amen.

Quelle: DBW 13, London 1933–1935, S. 332-337.

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