„Seht auf und erhebt eure Häupter“ – Predigt zu Lukas 21,25-33 mit Bezug auf Richard Oelze, „Erwartung“

Was braut sich da zusammen? Kopferhoben starrt eine Gruppe Menschen hinauf zum düsteren Himmelgebräu. Was in der Luft zu liegen scheint, ist es gar eine Menschheitskatastrophe?

Der surrealistische Maler und Bauhausschüler Richard Oelze (1900-1980) hatte das Bild 1935/36 in seinem Pariser Atelier gemalt. Es hängt im Museum of Modern Art in New York und trägt den bezeichnenden Titel „Erwartung“. Im Hinblick auf den Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurde diesem Bild im Nachhinein eine epochale Bedeutung zuerkannt. So lohnt sich also ein genaueres Hinsehen.

Eine Menge von Menschen hat sich an einem unbewohnten, unwirtlichen Ort versammelt; Ihre Kleidung wirkt deplatziert: breitkrempige Hüte, Melone, Trenchcoats und Pelzmäntel sind eher am Boulevard Saint-Denis in Paris zu erwarten. Vor ihnen – in der rechten Bildhälfte – versperrt eine bizarre, frostbeladene Baumgruppe die Sicht in die Tiefe. Am linken unteren Bildrand erscheinen undefinierbare Pflanzen wie versteinerte Gnome.

Unheimliche Stille beherrscht die Szene – wie vor einem schweren Unwetter. Und Menschen stehen da, als gälte gerade ihnen Jesu Wort:

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,25-28)

An dem gespenstisch dunklen Himmel zeigt sich eine Wolkenformation wie geschlossene Lippen – unheilvolles Schweigen, das sich dem Betrachter entgegenwirft. Wenn das Furchtbare sichtbar wäre, wäre es zum Davonlaufen, aber unsichtbares Unheil eröffnet keinen Ausweg. Die Menschen, die solchermaßen gefangen sind, zeigen uns meist den Rücken. Und wer sich von diesem kalyptischen Naturschauspiel abwendet, lässt nur in ein gesichtsloses Gesicht blicken.

In Franz Kafkas Tagebucheintrag vom 15. März 1914 finden sich die Worte: „Nichts als ein Erwarten, ewige Hilflosigkeit.“ Anders als die Verzweiflung oder die Trauer hat die Hilflosigkeit kein Gesicht. Wo wir die Menschen so in den Blick nehmen, können wir selbst nicht Anteil an ihnen gewinnen.

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.

Mitunter zeigt sich auch bei uns dieses dumpfe Gefühl: Irgendwann kommt auf uns zu, was sich auftürmt, einbricht, eindringt  und über die eigenen Kräfte geht – Unheil, das sich nicht bannen lässt. Was genau es ist, wie es kommt, was es zur Folge hat – wir wissen es nicht, schauen ins Ungewisse, doch dieses rückt uns immer näher. Alles Mögliche stellen wir uns im eigenen Kopfkino vor, sind von uns selbst eingenommen, gelähmt, verunsichert, verängstigt, niedergedrückt. So zeigt sich unser Leben wenn wir unseren eigenen Zukunftsbefürchtungen überlassen bleiben.

Kosmische Katastrophen sind in Jesu Namen angesagt; und doch steht für uns nicht die Vernichtung an. Dass unser Leben und Erbe ausgelöscht wird, kommt nicht aus seinem Mund:

Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Zuletzt ist er am Zug: Der Menschensohn kommt in seine unendliche Gegenwart, lässt der Sünde kein Leben. Er kommt mit seiner Macht, die dem Tod keine Chance gibt. Er richtet seine Herrschaft auf, die den Gottesfeinden keine Wirklichkeit mehr lässt. Sein Lebenswort durchdringt diese dunkle Zukunftswand. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Das bedrückende Wolkengebräu, undurchdringlich ist es für unsere Augen. Und doch dringt unser Gebet in Jesu Namen durch die Wolkenwand der Angst hindurch:

Du, HERR, „schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? […] Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! […] Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen. […] Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“ (Jesaja 63,15-64,3)

Hier die Predigt als pdf.

Brigitte Gensch hat eine lesenswerte Predigt zu Lukas 21,25-33 mit gleichem Bildbezug online veröffentlicht.

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