Jürgen Roloff – Wein (EKL³)

Noah und Ham (altkirchliches Mosaik)

Noah und Ham (altkirchliches Mosaik)

Die Artikel über Wein in theologischen Lexika haben immer Bekennerqualität. So lässt sich auch Jürgen Roloffs nüchterner Beitrag im EKL lesen:

Wein

Von Jürgen Roloff

1. Schon früh ist in Israel eine ausgeprägte Kultur des W.baus bezeugt. W. galt, neben Korn und Öl, als Inbegriff agrarischer Fruchtbarkeit (Hos 2, 10; Gen 27, 28; Dtn 7, 13 u.ö.). In der Landnahmeerzählung stellt die von den Kundschaftern herbeigebrachte Riesentraube (Num 13, 21–27) sinnfällig den Reichtum des von Gott seinem Volk verheißenen Landes dar. Die Hauptlese im Herbst war eine Zeit festlicher Freude (Jes 16, 9). W.genuß war Teil des alltäglichen Lebens und wurde in der Regel positiv beurteilt (Jdc 9, 13; Ps 104, 15; Dtn 8, 7–10). Man pries W. als Freudenbringer und gute Gottesgabe (Jdc 9, 13; Koh 9, 7). Daneben gibt es allerdings auch prophetische Stimmen, die vor einem übermäßigen Genuß warnen (Am 6, 6; Jes 5, 11f. 22; 28, 1.7). Die Weisheitslehrer sehen im W. eine gute Gottesgabe, die sich »für die Schlechten« (d.h. durch Mißbrauch) »in Schlechtes verwandelt« (Sir 39, 25–27; vgl. Prov 23, 20.30f). Zeitweilige Enthaltsamkeit von W. wurde nur von den Priestern gefordert (Lev 10, 8–10; Ez 44, 21). Die Dauerabstinenz der Nasiräer (Num 6, 3f; Jdc 13, 4) und Rechabiter (Jer 35) hängt mit dem Protest gegen die Lebensformen des Kulturlandes zusammen.

Im Kultus spielte W. zunächst als Trankopfer eine Rolle (Ex 29, 38–41; Num 15, 5). Seine Farbe (die Antike kannte fast ausschließlich roten W.) legte dabei Assoziationen an Opferblut nahe (Gen 49, 11: »Traubenblut«; vgl. Sir 50, 15). Im frühen Judentum ist W. als fester Bestandteil der häuslichen Sabbatfeier und des Paschamahles (Jub 49, 6; Mischna Pesachim 10, 1) bezeugt.

Die Bedeutung des W.s im Leben Israels spiegelt sich in einer breiten Metaphorik. Er erscheint v.a. als Bild für die Heilszeit mit ihrem Überfluß und ihrer festlichen Freude: Die Berge werden »vom W. triefen« (Am 9, 13); der kommende messianische Herrscher wird »in W. sein Kleid waschen« (Gen 49, 13); Gott wird beim endzeitlichen Festmahl die Völker mit köstlichen W.en bewirten (Jes 25, 6). Israel erscheint unter dem Bild des von Gott gepflegten W.bergs (Jes 5; Ps 80,8–13) bzw. des W.stocks (Jer 2, 21). Ausgelöst durch die Assoziation »W. = Blut« dürfte das Bild des Keltertreters für Gottes Gericht über die Feinde seines Volkes sein (Jes 63, 1–6; vgl. Apk 14, 19f).

2. Wenn Jesus mit seinen Anhängern festliche Mahlzeiten hielt, bei denen W. getrunken wurde, so fand darin die Freude über die heilvolle Nähe Gottes sinnfälligen Ausdruck (Mk 2, 19; vgl. Joh 2, 1–10). Zugleich markierte er damit den Gegensatz zu dem in nasiräischer Askese lebenden Bußprediger Johannes dem Täufer (Mt 11, 19). Noch deutlicher kommt der bildhafte Bezug von W. auf die Heilszeit im Abendmahl zum Ausdruck. Durch das über dem abschließenden Segensbecher gesprochene eschatologische Wort (Mk 14, 25) verheißt Jesus den Mahlteilnehmern die sichtbare Vollendung ihrer Gemeinschaft mit ihm beim zukünftigen Festmahl der vollendeten Gottesherrschaft. Den Grund dieser Verheißung benennt das Becherwort von der Lebenshingabe »für die Vielen« (Mk 14, 24), das den W. als Realsymbol für das Sterben Jesu deutet.

3. Mit wenigen situationsbedingten Ausnahmen (so der Wasserkommunion in der altsyr. Kirche ist W. stets konstitutiver Bestandteil der kirchl. Abendmahlsfeier gewesen. Während die Ostkirchen um der Symbolkraft willen an rotem W. festhielten, bevorzugte der Westen (wegen der leichteren Reinigung des Kelches) weißen W. Diesem wird in der röm.-kath. Kirche etwas Wasser beigemischt. Dahinter steht neben Joh 19, 34 u.a. der Gedanke an die zwei Naturen des Gottmenschen. Eine Diskussion um die Notwendigkeit des W.s ist neuerdings im Blick auf Kirchen in Asien und Afrika, denen Brot und W. als Grundnahrungsmittel fremd sind, sowie im Blick auf das Alkoholikerproblem in Gang gekommen. Gewiß sind hier Ausnahmen möglich, solange sie als solche kenntlich gemacht werden. Es muß jedoch bei alledem deutlich bleiben, daß das Abendmahl eine Gabe Jesu an die Kirche ist, über die diese nicht frei verfügt. Zur stiftungsgemäßen Verwaltung gehört auch der Verzicht auf willkürlich erscheinende Veränderungen. Zu bedenken ist ferner, daß mit dem Verzicht auf W. auch die an ihm hängenden symbolisch-metaphorischen Bezüge preisgegeben würden.

Lit.: Busse, E.: Der W. im Kult d. AT. Religionsgeschichtl. Untersuchung zum AT, Freiburg 1922 – Seltman. Ch.: Wine in the Ancient World, London 1957 – Dommershausen, W.: Der W. im Urteil u. Bild d. AT, TThZ 84 (1975) 253–260.

Evangelisches Kirchenlexikon (EKL3) Bd. 4/11 (1996), Sp. 1242f.

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