Karl Barth – Die neue Welt in der Bibel (The Strange New World within the Bible)

Karl Barth mit Ehefrau Nelly und Kinder 1919 in Safenwil

Karl Barth mit Ehefrau Nelly und den Kindern Markus, Christoph und Franziska 1919 in Safenwil

Es gibt einen Vortrag von Karl Barth, der im angloamerikanischen Kontext eine eigene Wirkungsgeschichte entfaltet hatte – „Die neue Welt in der Bibel“. Bei der Übersetzung ins Englische 1928 wurde nämlich noch das Adjetiv „strange“ verstärkend hinzugefügt: „The Strange New World within the Bible„. Eugene Peterson beispielsweise im ersten Kapitel  zu „Eat This Book – A Conversation in the Art of Spiritual Reading“ (auf Deutsch unter dem Titel „Nimm und iss … Die Bibel als Lebensmittel“ im Neufeld Verlag erschienen) beruft sich ausdrücklich auf Barths Vortrag vom 6. Februar 1917 in der Kirche von Leutwil. Im Deutschen blieb „Die neue Welt in der Bibel“ jedoch in Karl Barths erster Aufsatzsammlung „Das Wort Gottes und die Theologie“ (1924) in Frakturschrift eingesperrt. Und auch der Wiederabdruck 2012 in der Karl Barth-Gesamtausgabe ist mit all den textkritischen Anmerkungen kein Lesegenuss. Dabei ist der Vortrag des dreißigjährigen Safenwiler Pfarrers Karl Barths viel zu gut, um nur als historisches Dokument zur Genese der Dialektischen Theologie gelesen zu werden. Barths expressive Sprache geht unter die Haut. Und seine Anti-Hermeneutik ist eine Einladung, sich selbst in die Bibel einzulesen:

In der Bibel steht eine neue Welt, die Welt Gottes. Diese gewaltige Antwort sagt das gleiche, wie das Wort des ersten Märtyrers Stephanus: Siehe, ich sehe den Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten Gottes stehen! Weder durch den Ernst unsres Glaubens, noch durch die Tiefe und den Reichtum unsrer Erfahrungen haben wir uns das Recht verdient, diese Antwort zu geben. Ich werde darum auch nur Weniges und Ungenü­gendes darüber sagen und auch ihr werdet nur Weniges und Ungenügendes davon fassen und verstehen können. Wir müssen uns offen eingestehen, daß wir mit dieser Antwort weit über uns selbst hinausgreifen. Aber das ist’s gerade: wenn wir überhaupt dem Inhalt der Bibel näher treten wollen, müssen wir es wagen, weit über uns selbst hinauszugreifen. Der Inhalt der Bibel selber läßt das nicht anders zu. Denn die Bibel hat nicht nur das an sich, daß sie zunächst jedem das gibt, was er verdient, was ihm entspricht: dem Einen viel, dem Andern etwas, dem Dritten nichts — sondern auch das Andre, daß sie uns, wenn wir nur aufrichtig sind, gar keine Ruhe läßt, wenn wir mit unsern kurzsichtigen Augen und plumpen Fingern so eine Antwort aus ihr herausgeholt haben, wie sie uns entspricht. Wir merken dann bald: das ist etwas, aber das ist nicht alles — das konnte mir für ein paar Jahre genügen, aber dabei kann ich nun eben nicht bleiben. Die Bibel sagt uns bei gewissen „Auffassungen“, die wir uns von ihr machen, bald sehr deutlich und sehr freundlich: So, das bist du, aber nicht ich! Das ist nun das, was dir vielleicht in der Tat sehr gut paßt: zu deinen Gemütsbedürfnissen und Ansichten, in deine Zeit und in eure „Kreise“, zu euren religiösen oder philosophischen Theo­rien! Sieh nun hast du dich spiegeln wollen in mir und hast wirklich dein eigenes Bild in mir wiedergefunden! Nun aber geh und suche auch noch mich! Suche, was dasteht! Die Bibel selbst ist’s, eine gewisse unerbittliche Logik ihres Zusammenhangs, die uns über uns selber hinaustreibt, uns einladet, ohne Rücksicht auf unsre Würdigkeit oder Unwürdigkeit nach der letzten höchsten Antwort zu greifen, mit der alles gesagt ist, was gesagt werden kann, auch wenn wir es kaum zu fassen und nur stammelnd auszudrücken wissen, eben nach der Antwort: Eine neue Welt, die Welt Gottes ist in der Bibel. Es ist ein Geist in der Bibel, der läßt es wohl zu, daß wir uns eine Weile bei den Nebensachen aufhalten und damit spielen können, wie es unsre Art ist — dann aber fängt er an, zu drängen und was wir auch einwen­den mögen: wir seien ja nur schwache, unvollkommene, höchst durchschnittliche Menschen! er drängt uns auf die Hauptsache hin, ob wir wollen oder nicht. Es ist ein Strom in der Bibel, der trägt uns, wenn wir uns ihm nur einmal anvertraut haben, von selber dem Meere zu. Die heilige Schrift legt sich selbst aus, aller unserer menschlichen Beschränktheit zum Trotz. Wir müssen es nur wagen, diesem Trieb, diesem Geist, diesem Strom, der in der Bibel selbst ist, zu folgen, über uns selbst hinauszuwachsen und nach der höchsten Antwort zu greifen. Dieses Wagnis ist der Glaube und nicht mit einer falschen Bescheidenheit, Zurückhaltung und angeblichen Nüchternheit, sondern im Glauben, als die da mitgehen wollen, wohin sie geführt werden, lesen wir die Bibel recht. Und jene Einladung: wag’s nur und greif’ nach dem höch­sten, obwohl du’s nicht verdienst! ist eben die Gnade in der Bibel, und da geht uns die Bibel recht auf, wo uns in ihr die Gnade Gottes begegnet, leitet, zieht und wachsen läßt.

Hier der vollständige Text des Vortrags als pdf.

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