„dann stellt sich eine Chri­stuspredigt ein, die sofort dieses Gewissen wieder einschläfert“ – Hans Joachim Iwands Kritik des Protestantismus

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Das anspruchsvollste Buch zu Luthers Theologie dürfte wohl noch immer Hans Joachim Iwands „Luthers Theologie“ basierend auf seinen Bonner Vorlesungen sein (Nachgelassene Werke 5, hg. v.  Johann Haar, München: Christian Kaiser 1974). Iwand hat es wie kein anderer verstanden, mit ausführlicher Zitierung aus Luthers Schriften und Predigten die Grammatik dessen Theologie herauszuarbeiten und damit zugleich den neuzeitlichen Protestantismus mit dessen idealistischer Grundierung radikal in Frage zu stellen. Als Beispiel folgender Auszug:

„Der Glaube findet in seinem Selbstbewußt­sein eben doch nicht auf seinem Grunde, in seinem Wesen ein Sollen, sondern er findet da eine Geschichte, eine Nachricht, eine Botschaft von dem, was Jesus Christus ist, was Gott für uns getan hat. Er findet einen Indikativ, nicht einen Imperativ. Der «protestantische» Mensch findet aber auf dem Grunde seines Seins immer ein Sollen. Und hier hat Christus dann nur noch die Aufgabe, den Riß zu heilen zwischen Sollen und Sein, das heißt, er ist nur noch dazu da, uns in unserem unheilbaren Idealismus weiterhin schlafend zu erhalten, damit wir nur nicht aufwachen. Wenn das Gewissen aufbrechen will, wenn das Schuldbewußtsein sich meldet, dann stellt sich eine Chri­stuspredigt ein, die sofort dieses Gewissen wieder einschläfert. Dar­um ist auch die Kirche für viele Menschen unersetzlich. Von da aus wird auch verständlich, warum heute unser deutsches Volk die Kirche so braucht und warum wir uns dazu gebrauchen lassen. – Im Mittelalter belehrte die Kirche den Menschen, wie er ein allgemein verstandenes Gesetz im individuellen Falle anwenden solle. Daraus ergibt sich dann auch die «Kasuistik» der Moraltheologie. Dies ist aber heute nicht mehr Funktion der Kirche, sondern die Funktion meines eigenen autonom verstandenen Gewissens. Und das nennt man dann die «protestantische Freiheit».“

Hans Joachim Iwand, Luthers Theologie, hg. v.  Johann Haar, Nachgelassene Werke 5, München: Christian Kaiser 1974, S. 182.

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