„Der Triumphgesang des Elementes über der Menschen Werk!“ Der Erfahrungsbezug von Hans Joachim Iwands Theologie

Dortmund nach 12. März 1945

Man hat ja der Wort-Gottes-Theologie seit den späten 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts in ihrer vermeintlichen „Steilheit“ einen fehlenden Erfahrungsbezug vorgeworfen. Aber möglicherweise sind es die eigenen Erfahrungsdefizite ihrer Kritiker aus der Nachkriegsgeneration gewesen, die für ein solches Urteil mit ausschlaggebend gewesen sind. Was Theologen wie Hans Joachim Iwand unfreiwillig erfahren und in ihrem Predigen ansprechen mussten, sprengt jedenfalls die Selbstgefälligkeit innerlicher religiöser Erfahrung. Spätbürgerliche Baby-Boomer-Theologie kann jedenfalls nicht der Maßstab aller Dinge sein. Hier ein Auszug aus Hans Joachim Iwands Brief an seinen theologischen Lehrer Rudolf Hermann vom 17. August 1943 aus seiner Zeit als Pfarrer an St. Marien in Dortmund (1938/39-1945):

Sehr verehrter, lieber Herr Professor!

Vielen herzlichen Dank für Ihre Drucksache, auch für die Karte mit der freundlichen Anfrage nach unserem Ergehen. Ich hätte Ihnen schon längst schreiben müssen, aber erstens bin ich leider ein sehr [297] schlechter Korrespondent und zweitens waren die akuten Aufgaben hier so, daß man überhaupt nichts anderes mehr tun konnte, zumal die ständigen Alarme doch eine ziemlich aufreibende Wirkung aus­übten. Nun ist jetzt eine gewisse Milderung eingetreten, sodaß man wieder etwas auflebt. Am schlimmsten war es im Juni, als sich die ganze Wucht der feindlichen Angriffe aufs Ruhrgebiet richtete, und jede Woche neuen Schrecken, neue Zerstörungen und Verwirrung in Post, Bahn, Telefon etc. brachte. Es kann sich das natürlich jetzt noch einmal wiederholen, Berlin muß nicht drankommen, aber es ist auch möglich, daß wir das Schlimmste hinter uns haben. Da freilich die Industrie wieder aufgebaut wird und weiterläuft, halte ich neue Angriffe für wahrscheinlich. Unser Haus steht noch, beim zweiten Angriff war es sehr gefährdet, das Haus gegenüber wurde von einer schweren Sprengbombe getroffen, die im Luftschutzkeller krepierte und das ganze Haus umwarf, es lag in unserem Garten, die Bewoh­ner hat man nur noch teilweise gefunden. Eine Frau ist wohl ganz zerrissen, lebend kam niemand heraus. 6 solcher Sprengbomben fie­len hier in unmittelbarer Nähe, wir waren im Keller, unsre Kinder waren schon weg, und glaubten zuerst, unser eigenes Haus sei ge­troffen. In einer Feuerpause konnte ich dann feststellen, daß es noch stand, was man so im Keller einfach nicht wissen kann. Sobald wir konnten, eilten wir dann einmal — immer noch zwischen den fallen­den Bomben — nach oben und waren doch ganz verwundert, daß nichts brannte. Ringsum tobte das Feuer, mit einer solchen Gewalt, wie wenn Sie in der Nähe eines großen Wasserfalls stehen. So rauschte es in der Luft. Der Triumphgesang des Elementes über der Menschen Werk! Es war eine gewaltige Sache. Ich rannte dann gleich zur Kirche, die aber noch stand, daneben brannte die große Reinoldi­kirche. Vor Glut und Funkenflug konnte man kaum laufen, die Haare brannten und man mußte sehen, daß kein Phosphor, der von den brennenden Dächern herniederträufelte, auf Kleider und Schuhe kam. Später sah ich dann vorn Dach aus den rotglühenden Turm der Petrikirche wie in einer Vision zusammenbrechen. Es war 400 mtr. weg, trotzdem konnte man vor Rauch und Schwaden nichts sehen, auf einmal zerteilte sich der Dunst, um den Blick auf den stürzenden Turm freizugeben. Die Mitte und der Norden war ein Flam-[298]menmeer. Auch unser Haus wäre hinterher fast mit abgebrannt, nur durch das viele Wasser, was wir auf den Boden geschafft hatten, und das mutige Löschen aller Einwohner wurde es vermieden. Sie machen sich von der Gewalt solch eines Feuers kaum einen Begriff. Es ist etwas Immenses. Mit einer fast grimmigen Genugtuung erlebt man den Untergang der industriellen Welt an sich selbst. Es ist eine unheimliche Predigt, wenn sich die Hand des Todes gerade auf die «große Stadt», die glaubte, am meisten gegen ihn gefeit zu sein, herabsenkt und dort die Menschen wieder einmal vor die letzten, ursprünglichen Fragen stellt. Wir haben mit den Gottesdiensten nicht ausgesetzt, freilich in sehr zerstörter Kirche, aber meine Kirche ist nun die einzige, die in der Innenstadt noch steht, und die Fenster sind jetzt wieder so weit, daß nicht mehr aller Lärm und Schmutz von draußen hereinkommt. Zwei Drittel meiner Gemeinde sind weg, nicht alle ausgebrannt, aber unendlich viele verreist und weg­gezogen. Wir wohnen etwa an der Stelle, wo die absolute Zerstö­rung etwas aufgehört hat, wir haben hier im Umkreis von etwa 30-40 mtr. keine Brandbomben gehabt, das war unsre Rettung.

Inzwischen sind ja Dinge geschehen, die die Angriffe auf uns und Essen weit in den Schatten stellen. Schon Barmen war entsetzlich, aber Hamburg hat alles bisher Dagewesene in Schatten gestellt. Es gibt eben immer noch eine Steigerung des Entsetzlichen. — Ich freue mich so, daß sich die christliche Gemeinde trotz allem, trotz der fast nächtlichen Alarme, sammelt und wieder unter Gottes Wort zusammenschart. Etwas von der ecclesia in perpetuum mansura [Kirche, die dauert – CA 7] wird sichtbar. Die Kinder sind natürlich alle weg, meist auch die Mütter. Aber der «Rest» bleibt. Und wenn dann durch die offenen Kirchenfenster der Lobgesang über die Ruinen hin erklang, so hatte das doch eine tiefe Bedeutung. …

Hans Joachim Iwand, Briefe an Rudolf Hermann, hg. v. Karl Gerhard Steck, Nachgelassene Werke 6, München: Christian Kaiser 1964, S. 296-298.

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